Am Wegrand standen nebeneinander zwei Herbstzeitlose. Herbstzeitlose sind Giftpflanzen. Die beiden bewiesen jeden Tag aufs Neue, dass sie diese Bezeichnung zu Recht verdienten. Sie gifteten sich unaufhaltsam gegenseitig an. Wenn die eine zur anderen sagte: „Im vorigen Jahr hast du mir viel besser gefallen“, so bekam sie zur Antwort: „Das liegt an dir. Deine Sehkraft hat nachgelassen. Im vergangenen Jahr standst du viel aufrechter da als heute.“ Sagte die eine: „Trink nicht so viel. Der Regen ist nicht für dich alleine da.“, konterte die zweite: „Flirte nicht so viel mit den Hummeln. Ich kann das widerliche Gebrumme nicht mehr mit anhören.“ Wenn die eine stolz erklärte: „Der Wanderer, der gerade vorbeigekommen ist, ist extra wegen mir stehen geblieben und hat mich bewundert.“, bekam sie zur Antwort: „Ich kenne ihn. Er ist Gärtner und hat, als er weiterging, nur den Kopf geschüttelt.“ Ständig fielen den Beiden neue Bosheiten ein, und sie beschimpften sich gegenseitig als „Unzeit-, Tugend-, Wert-, Scham-, Ahnungs-, Hemmungs- oder Haltlose“.
Eines Tages kam ein Mähdrescher über den Weg gefahren. Von seinem Fahrer ungewollt riss er eine der beiden Herbstzeitlosen mit sich und zerstörte sie. Nun war die andere endlich allein und sie brauchte sich nicht mehr über ihre Nachbarin zu ärgern. Doch anstatt aufzublühen und kräftig zu wachsen, wurde sie von Langeweile überfallen und immer wackliger und farbloser. Schließlich verkümmerte sie ganz und schied aus dem Leben.
Fazit: Boshaftigkeiten brauchen und bedingen sich oft gegenseitig.