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Die Erzählungen sind das Kaleidoskop eines Lebens: von der erinnerten Kindheit, die immer märchenhafte Züge trägt, über die verspielten Dinge der Jugend bis hin zu den harten Auseinandersetzungen im Erwachsenen-Dasein. Das Verschwinden von Glauben und Vertrauen, das Verzweifeln an der Welt, diese metaphorische Obdachlosigkeit (Safranski), sind Teil davon.

Der Trick der Amseln

Der Trick der Amseln

Florian Russi

Ein Vogelliebhaber kaufte regelmäßig Futter und streute es an einer bestimmten Stelle seines Gartens aus. Die Vögel nahmen es zufrieden an. Nur unter den Amseln kam es immer wieder zum Streit. Die Stärkeren von ihnen hackten mit ihren Schnäbeln nach den Schwächeren und jagten sie davon.

Das machte die schwächeren Amseln sehr traurig. Da kam eine von ihnen, in der Amselsprache Zwischwitsch genannt, auf eine Idee. Davon erzählte sie ihrer Freundin. „Wenn wir an der Futterstelle sind, kommen immer auch viele Spatzen hinzu. Sie sind sehr ängstlich und immer wieder, wenn sie beim Fressen sind, fliegt einer von ihnen plötzlich auf und davon. Sofort folgen ihm alle anderen. Sie sind es gewohnt, von anderen Tieren gejagt zu werden und deshalb immer bereit zur schnellen Flucht. Das gilt auch für uns Amseln.

Wenn mich beim nächsten Treffen wieder eine fette Amsel von der Futterstelle vertreiben will, schwinge ich mich also spontan in die Luft und fliege eilig davon. Dann werden auch die starken Amseln folgen und der Futterplatz wird für kurze Zeit frei.“

„Was hast denn du dann aber davon?“, antwortete die Freundin. „Du bist ja dann auch auf dem nächsten Baum und nicht mehr an der Futterstelle.“

„Deshalb sollst ja auch du in der Nähe sein und die Gelegenheit nutzen, um ordentlich Körner zu picken. Wenn dann die anderen Vögel zurückkehren, machst du es bald wie ich und veranlasst alle zur erneuten Flucht. Dann aber sitze ich in der Nähe, fliege eiligst zur Futterstelle und mache mich über die Körner her. Wenn wir das abwechselnd immer wiederholen, braucht es uns um unsere Ernährung nicht bange zu sein.“

Fazit: Fehlende Körperkraft lässt sich oft mit List ausgleichen.

Oder: Es kommt nicht nur auf die Menge des Futters an, sondern auch auf das Herankommen.

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