Es ist schon lange her, da lagen zwei Grafen in erbitterten Streit. Die von ihnen regierten Ländchen lagen unmittelbar nebeneinander. Die westlich gelegene Grafschaft war etwas größer als die östlich gelegene. Der dort herrschende Graf nannte sich Großfürst und strotzte vor Eitelkeit und Machtgier. Er drohte immer wieder damit, die Grenzen seines Landes zu erweitern und die benachbarte Grafschaft zu überfallen und zu unterwerfen. Um ihr zu schaden, belegte er alle Waren, die von dort in sein Land kamen, mit hohen Zöllen. Das führte dazu, dass der Handel zwischen den Grafschaften fast völlig zum Erliegen kam, worunter vor allem die kleinere der beiden, die östliche, zu leiden hatte. Deren Graf rief seine Räte zusammen und sagte: „Der Großfürst blockiert und schikaniert uns. In der Vergangenheit konnten wir Feldfrüchte, Töpferwaren, Schmuck und Salz in sein Land ausführen. Durch die hohen Zollzuschläge sind unsere Waren so teuer geworden, dass niemand in der Nachbarschaft sie sich mehr leisten kann.“
Da meldete sich einer der Räte zu Wort und erklärte: „In unserem Land wächst der beste Wein weit und breit. Lasst uns die Anbauflächen erweitern und Wein und Spirituosen herstellen im Überfluss. Den Alkohol bieten wir dann nicht als normale Handelsware an, sondern bezeichnen ihn als unverkäuflich. Ich bin mir sicher, dass Schmugglerbanden den Vertrieb übernehmen werden. Es wird für alle ein gutes Geschäft.“
Man verfuhr so, wie der Rat vorgeschlagen hatte und hatte damit großen Erfolg. Je mehr der Großfürst gegen den Alkoholschmuggel wetterte und zu Felde zog, desto mehr wurde nach den Spirituosen verlangt. Verbotenes reizt immer und Alkohol schafft Süchte und Abhängigkeiten.
Eines Tages wurde es dem Großfürsten zu viel und er erklärte dem östlichen Kollegen den Krieg. Der hatte damit schon gerechnet und seine Räte traten den Soldaten des Großfürsten mit weißen Fähnchen entgegen und sagten: „Wir wissen ja, dass wir euch unterlegen sind und unterwerfen uns freiwillig. Verschont also unser Leben und rührt unsere Weinvorräte nicht an, denn davon leben wir.“
Das war für den Großfürsten und seine Soldaten ein Stichwort. Sie fielen in die Weinkeller der Besiegten ein und feierten. Niemand gebot ihnen Einhalt. Die Eroberer zechten zwei Tage und Nächste. Am Schluss lagen alle betrunken und leblos am Boden. Damit hatten die Räte gerechnet. Sie riefen einen Trupp von jungen Gardisten herbei, den sie zuvor versteckt gehalten hatten. Die aber hatten es nicht schwer, sich der Eindringlinge zu bemächtigen und ihren Anführer, der sich Großfürst nannte, kurzerhand zu erschlagen.
Fazit: Niemand ist immer nur stark.
Oder: Wo die Macht nicht reicht, hilft manchmal die List.
Oder: Auch der Überhebliche endet im Graben.
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