Ein Mann zog umher und predigte auf den Märkten und öffentlichen Plätzen: „Wehe uns Menschen, Gott wird uns bestrafen für unsere vielen Sünden. Habgier, Lügen, Völlerei und Wollust bestimmen unser Leben. Damit ziehen wir den Zorn Gottes auf uns. Am Ende des Jahres wird daher die Welt untergehen. Nur diejenigen, die mir folgen, asketisch leben, ihre Sünden bereuen und mit mir beten, werden gerettet werden.“
Fast alle, die es hörten, gingen vorbei und schüttelten die Köpfe. Doch je öfter der Prediger an denselben Orten auftrat und das Gleiche verkündete, desto mehr Zuhörer und Zustimmung fand er. Schließlich bildete sich um ihn eine Gemeinde von Anhängern, die innig an ihn glaubten und ihn den wahren Propheten nannten.
Als das Jahr zu Ende ging, sammelte der Prophet seine Gefolgsleute um sich und zog mit ihnen auf den Gipfel eines nahe gelegenen Berges, um dort den Weltuntergang abzuwarten. Dort knieten alle nieder, sprachen die von ihm vorgetragenen Gebete nach und sangen fromme Lieder. Immer wieder schauten sie zum Himmel, und wenn irgendwo eine neue Wolke auftauchte, riefen sie laut „ah“ und deuteten sie als Zeichen des bevorstehenden Weltendes. Doch an diesem Abend blieb der Himmel ruhig und schickte weder Donner noch Blitz auf die Erde herab. Der Weltuntergang blieb aus.
„Was ist mit dir, mit deiner Prophezeihung?“, riefen darauf einige Teilnehmer dem Propheten zu. Der aber erhob die Arme und antwortete: „Liebe Vertraute. Jetzt ist nicht der Zeitpunkt, um kleingläubig zu werden. Im Gegenteil. Gott hat an unseren Gebeten und unserer Askese so viel Gefallen gefunden, dass er nicht nur uns, sondern die ganze Menschheit verschont hat. Ihr seid die neuen Freunde Gottes und die Retter aller Mitmenschen. Folgt mir ins Tal, dort werden wir einen Tempel bauen und unser gottgefälliges Leben fortsetzen. Gott hat mir geoffenbart, dass er den Menschen eine neue Chance geben will und den Tag des Weltunterganges um fünf Jahre verschoben hat.“ Da umarmten sich alle Gemeindemitglieder und folgten ihrem Propheten ins Tal.
Fazit: Die meisten Menschen wollen an irgendetwas glauben.
Oder: Wenn ein Unsinn oft genug wiederholt wird, wird er immer mehr geglaubt.
Oder: Voraussagen sind schwierig, vor allem, wenn es um die Zukunft geht.
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