Deutschland-Lese

Gehe zu Navigation | Seiteninhalt
Deutschland-Lese
Unser Leseangebot

 

Sommerschnee

Berndt Seite

Hardcover, 124 S., 2020 erscheint demnächst; Bereits vorbestellbar

ISBN: 978-3-86397-134-2
Preis: 15,00 €

Sommerschnee – das sind die luftig-bauschigen Samenfasern der Pappelfrüchte, die sich im Sommer öffnen und die Welt mit ihrem weißen Flaum überziehen: Schnee in der wärmsten Jahreszeit. Mal melancholisch, mal mandelbitter, aber stets in größter Genauigkeit geht Berndt Seite auch in seinem neuen Lyrikband den Erscheinungsformen der Natur nach und lotet in ihnen die Bedingungen des Lebens aus.

Der Präsident und der Diktator

Der Präsident und der Diktator

Florian Russi

Der Präsident eines großen Landes tat sich mit immer neuen Sprüchen hervor. „Es gibt keine Probleme, die ich nicht lösen kann“, erklärte er. „Ich bin von Gott berufen, mein Land groß zu machen und ihm Frieden und Wohlstand zu bringen. Mit meinem Kollegen, dem Diktator, werde ich die Welt gerecht aufteilen. Zwischen uns wird Frieden sein. Der Diktator ist ein edler Mann. Wir verstehen uns. Kostet mich nur ein Telefongespräch und ich werde mit ihm alle Probleme der Welt zu einem guten Ende führen.“ Sagte es und hängte sich kurz darauf ans Telefon, um im abgesicherten Raum höchst vertraulich mit dem Diktator zu sprechen.

„Na, wie geht es dir?“, fragte er den Diktator.

„Seitdem du wieder an der Macht bist, fühle ich mich von Tag zu Tag wohler“, antwortete der.

„Das freut mich, doch wir müssen endlich zu Potte kommen. Ich habe versprochen, den Äquatorkonflikt innerhalb von 24 Stunden zu beenden.“, erwiderte der Präsident. „Der Äquator gehört uns. So war es schon immer und so muss es auch bleiben.“

„Das würde dir so passen“, sagte der Diktator. „Auf den Äquator erhebe ich Anspruch.“

„Ich habe eine Lösung: Rechts herum gehört er mir und links herum dir.“, schlug der Präsident vor. „Allerdings brauche ich dafür noch die Zustimmung meines Parlaments. Doch die ist reine Formsache.“

„Da bin ich besser dran“, erklärte der Diktator. „Mein Parlament ist auf meinen Willen angewiesen, nicht ich auf seinen.“

„Das habe ich immer an dir bewundert“, meinte der Präsident. - „Nichts ist selbstverständlich. Ich bin halt der Größte“, sagte der Diktator. 

„Bald werde ich der Allergrößte sein“, behauptete der Präsident. „Das allergrößte Arschloch vielleicht“, erwiderte der Diktator.

So ging das Gespräch weiter.

Der Präsident: „Halte dich zurück mit solchen Tönen, du Idiot. Ich kann auch ohne deine Hilfe Höchstleistungen vollbringen.“

Diktator: „Wir können uns aber gegenseitig sehr nützlich sein.“

Präsident: „Darüber haben wir uns verständigt. Was wir hier bereden, bleibt unter uns.“

Diktator: „Jawohl, du Knallkopf.“

Präsident: „Wie lange willst du noch Krieg führen? Mein Geheimdienst hat mir berichtet, dass schon Hunderttausende deiner Soldaten ihr Leben lassen mussten.“

Diktator: „Es ist eine große Ehre, sein Leben für mich einsetzen zu dürfen. Meine Gegner aber müssen alle mit dem Schlimmsten rechnen. Ich allein bestimme über Leben und Tod.“

Präsident: „Du hast es gut. Deine Leute sind es gewohnt, zu gehorchen und sich zu ducken. Bei mir ist das etwas komplizierter. Zum Glück leiden die meisten Menschen unter den Folgen einer Pandemie und finden alles gut, was ich tue. Mein Kabinett habe ich aus lauter Verrückten zusammengestellt. So macht das Regieren Spaß.“

Diktator: „Dann sorge endlich dafür, dass alle in deinem Land auch mich achten und meine Ansprüche akzeptieren, du blöder Hund. Wir haben uns noch nicht eindeutig über die Grenzen zwischen unseren Herrschaftsgebieten verständigt, du Scheißkerl. Vor allem über den Nordpol müssen wir reden. Der gehört mir. Darüber können wir uns in 2 Stunden einig sein.“

Präsident: „Ich bin zwar von Gott auserwählt, doch so einfach, wie du dir das vorstellst, geht es nicht, du Dirmel. Die Welt ist ein Narrenhaus und braucht Staatsmänner wie uns beide, mich und dich, du Blödmann. Du bleibst mir ein Vorbild. Ich hasse und verehre dich und melde mich bald wieder bei dir.“

Diktator: „Mach endlich voran, sonst werde ich dich öffentlich einen Barbaren nennen.“

Präsident: „Also bis bald!“

Diktator: „Bis bald, Dreckskerl.“

Der Präsident legte den Hörer auf und lächelte zufrieden. „Wir hatten ein sehr offenes und vertrauensvolles Gespräch“, ließ er seine Pressechefin der Öffentlichkeit mitteilen.

Fazit: Auf einer bestimmten Ebene verstehen sich auch Lumpen und Verbrecher.

Oder: Viele Menschen lieben Macher, egal was sie tun.

Oder: Das Gegenteil von Menschlichkeit, Wahrheit und Gerechtigkeit ist Machtmissbrauch, Verlogenheit, Schmeichelei und Willkür.

Weitere Beiträge dieser Rubrik

Die Hungersnot
von Florian Russi
MEHR
Zeus und Lisa
von Florian Russi
MEHR
Die Frauenmannschaft
von Florian Russi
MEHR
Die Zuwanderer
von Florian Russi
MEHR
Die erste Bestattung
von Florian Russi
MEHR
Anzeige
Unsere Website benutzt Cookies. Durch die weitere Nutzung unserer Inhalte stimmen Sie der Verwendung zu. Akzeptieren Weitere Informationen