Der alte König war gestorben und hinterließ als Erben nur seinen achtjährigen Sohn. Nach den Gesetzen des Landes war er sein Thronfolger und wurde feierlich zum neuen König gekrönt. Um dem das Regieren zu ermöglichen, wurde ihm ein Rat von erfahrenen Verwaltungsbeamten und Generälen zur Seite gestellt. Letzteres war vor allem notwendig, da sich das Land in Machtstreitigkeiten mit seinen Nachbarn befand.
Eines der Nachbarländer wurde autoritär von einem Verwandten des Kindkönigs regiert. Er nannte ihn Cousin und bewunderte ihn wegen seines straffen Regiments. Dieser Cousin jedoch schickte sich an, seine Macht weiter auszudehnen und drohte dem Land des Kindkönigs mit Krieg.
„Ein Krieg muss in jedem Fall verhindert werden“, erklärten die Berater des Kindkönigs. „Wir müssen uns dringend zu Verhandlungen mit dem Cousin treffen.“
„Das werde ich ganz alleine tun“, antwortete der Kindkönig. „Er ist mein Cousin und ich bin der König und bestimme.“
So kam es dann auch bald an einem vereinbarten Ort zu einem Treffen des Kindkönigs mit seinem Cousin. „Ich will auf keinen Fall Krieg“, sagte er dann gleich zu Beginn. „Den will ich doch auch nicht“, beschwichtigte ihn der Cousin. „Wir sind doch Verwandte und lieben uns.“ Dann setzte er fort: „Du bist zwar erst acht Jahre alt, aber ich und mein ganzes Land bewundern dich maßlos wegen deiner Fähigkeiten. Du bist nicht nur unendlich klug, sondern auch sehr schön und liebenswert. Wer dich kennt, muss dich gernhaben. Lass uns also zunächst die Gelegenheit nutzen, dass wir heute mal ganz unter uns sind.“
Dann ließ der Cousin eine Menge Spielzeug heranbringen und lud den Kindkönig zum gemeinsamen lustigen Zeitvertreib ein. Anschließend ließ er noch zwei Esel herbeiführen, mit denen die beiden dann vergnügliche Reiterspiele aufführten. „Ich wusste doch, dass du mir ein allerliebster Cousin bist“, erklärte der Kindkönig und umarmte den Verwandten.
„Bevor wir uns leider wieder trennen müssen, habe ich noch einen kleinen Wunsch“, erklärte der Cousin dann beiläufig. „Mein Land ist hoch gerüstet. Ich muss meine Soldaten irgendwie beschäftigen. Selbstverständlich will ich dir und deinem Land nichts antun. Aber ich habe den Befehl gegeben, in ein anderes Nachbarland einzufallen. Da hast du doch nichts dagegen, oder?“
„Natürlich nicht“, erwiderte der Kindkönig, fuhr in sein Land zurück und ließ sich als Friedensstifter feiern.
Fazit: Regiert wird immer nur soweit der Verstand reicht.
Oder: Auch ältere Regenten lassen sich gerne vereinnahmen. Man spricht dann nicht von Kindkönigen, sondern von Kindsköpfen.
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