In einem Wohnviertel am Rande der Stadt lagen 20 Häuser, deren Gärten aneinander angrenzten. Die Bewohner der Häuser kannten sich mit Namen, waren zum Teil miteinander befreundet, halfen sich gegenseitig aus, wenn irgendwo mal was fehlte und manchmal feierten sie auch gemeinsame Feste. Mehrere von ihnen hielten sich Katzen, und es war selbstverständlich, dass diese Tiere in den Gärten herumstreunen konnten. Die Katzen nutzten das und besuchten auch die Häuser der benachbarten Familien, wo sie freundlich aufgenommen wurden und manchmal auch etwas Leckeres zu essen bekamen. Vor allem die Kinder freuten sich über diese Besuche. Sie spielten mit den Tieren, streichelten und liebkosten sie. Nur ein Mädchen war darunter, das eine Katzenallergie hatte. Dies aber wurde von den anderen Kindern respektiert. Das Mädchen wich den Katzen aus, und auch die hatten bald gemerkt, dass sie das Mädchen meiden mussten. So waren alle zufrieden und man konnte sagen, dass die Menschen in dem Wohnviertel recht gut und vertraut zusammenlebten.
Eines Tages musste eine Familie in einen anderen Ort umziehen, weil der Vater dort eine neue Arbeit gefunden hatte. Sie verkauften ihr Haus an eine andere Familie, die bald danach darin einzog. Der Vater dieser Familie hasste alle Haustiere, vor allem aber Katzen. „Sie machen nur Schmutz, tragen Krankheiten mit sich herum und stehlen einem das Fleisch vom Teller, wenn man im Garten essen will und nicht achtgibt“, sagte er. Schon bald störte es ihn, wenn die Katzen der Nachbarn durch seinen Garten liefen und seine eigenen Kinder mit ihnen spielen wollten. Weil ihm bewusstgeworden war, dass in der Nachbarschaft viele Katzenliebhaber wohnten, legte er heimlich an einer Stelle in seinem Garten eine mit Rattengift versetzte Leberwurst aus. Seiner Frau gegenüber behauptete er, er habe dort eine Ratte entdeckt und wolle nur ihr zu Leibe rücken. Bald darauf schleppte sich eine Katze mit letzter Kraft in das Haus, in dem sie lebte, jammerte kläglich und verendete unter großen Qualen. Die Kinder, die es sahen, liefen verzweifelt hin und her und vergossen bittere Tränen. Überall in der Nachbarschaft erzählten sie vom Tod ihrer geliebten Katze. Niemand aber konnte sich den Grund erklären.
Wenig später wurde in einem der Gärten erneut eine tote Katze gefunden. Die Familie, zu der sie gehört hatte, war überaus traurig. Nach einiger Zeit hörte man das Mädchen, das die Katzenfellallergie hatte, erzählen, dass die Familie der zuerst verstorbenen Katze, die als zweite Verstorbene vergiftet hätte, weil in dem Glauben wäre, dass deren Familie ihr Kätzchen ums Leben gebracht hätte. Als bald darauf eine dritte Katze vergiftet in einem der Gärten gefunden wurde, fiel der Verdacht auf eben dieses Mädchen. Ein anderes Mädchen, das sich mit ihm zerstritten hatte, behauptete, es habe sich wegen seiner Allergie, die sich erheblich verschlimmert hätte, entschlossen, alle Katzen aus dem Umfeld heimlich zu töten. Die Gerüchte und Verdächtigungen gingen hin und her und als dann noch zwei weitere Tiere tot aufgefunden wurden, kochte die Wut und Verzweiflung in dem bisher so friedlichen Wohnviertel über. Menschen, die sich bisher gut verstanden hatten, begannen sich plötzlich zu misstrauen. Sie, die bisher freundschaftlich zusammengelebt hatten, gingen sich aus dem Weg und redeten unschön übereinander. Der Katzenfeind aber sagte scheinheilig zu allen, die er auf der Straße traf: „Als ich in mein neues Haus einzog, hätte ich mir nicht vorstellen können, in eine solch zerstrittene Nachbarschaft zu geraten.“
Fazit: Eine hinterhältige Person kann Feindschaft in jede noch so friedliche Gemeinschaft bringen.
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Vorschaubild: illustrations/kätzchen-katze-nette-katze-haustier-2801007/, Urheber: Jennie auf Pixabay.