Es war vor vielen Jahren, als der Großinquisitor eines Landes seine Schergen nach Ungläubigen fahnden ließ.
Sie suchten nach Frauen und Männern, die der Hexerei beschuldigt wurden und nach Juden, die selbst oder deren Vorfahren und Familien dazu gezwungen worden waren, zum katholischen Glauben überzutreten, in ihrem Herzen aber immer noch der jüdischen Religion anhingen. Die Schergen taten, was von ihnen verlangt wurde und brachten die Gesuchten in die Keller der Inquisition, wo sie so lange gefoltert wurden, bis sie unter höchsten Qualen die erzwungenen Geständnisse ablegten, Hexereien betrieben oder jüdische Glaubensrituale zelebriert zu haben. Daraufhin wurden die Geständigen zum Tode verurteilt und auf dem Marktplatz der Hauptstadt bei lebendigem Leibe auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Am Tag der Verbrennungen strömten von nah und fern viele Menschen herbei, die sich das scheußliche Schauspiel nicht entgehen lassen wollten. „Der Mensch ist des Menschen grausamster Feind“, heißt es in einem Sprichwort.
Der Großinquisitor überwachte die Menschenverbrennungen und achtete persönlich darauf, dass alle Urteile vollstreckt wurden. Er war zufrieden mit seiner Arbeit und hoffte, dass die Scheiterhaufen auf die vielen Zuschauer eine abschreckende Wirkung haben würden.
Mit lauter Stimme begann er, die armen gemarterten Opfer zur Buße und Umkehr zu ermahnen und dann Gebete zu sprechen und Kirchenlieder zu singen. Die Gläubigen, die um ihn versammelt waren, deuteten dies als eine Botschaft des Himmels. Die jedoch nahte in ganz anderer Art und Weise. Ein großes Beben erschütterte die Erde und brachte zahlreiche Gebäude zum Einsturz. Vom Meer her rasten hohe Wellen auf die Küste des Landes zu und ein Großbrand breitete sich aus. Der Druck der Wellen vernichtete weite Teile des Landes. Viele Menschen kamen dabei ums Leben.
Auch der Großinquisitor kam qualvoll zu Tode. Verschüttet und verkohlt lag seine Leiche auf dem Marktplatz. Als die Wirkungen des Bebens vorüber waren, kam ein Hund, der die Katastrophe überlebt hatte, auf den Platz gelaufen. Er sah den leblosen Körper des Großinquisitors liegen und sagte: „So hat Gottes Strafe auch dich getroffen. Du warst ein menschliches Ungeheuer, hast dich zum Herr über Leben und Tod aufgespielt und auch das von mir geliebte Frauchen verfolgt und qualvoll verbrennen lassen. Ich war zu schwach, um sie zu verteidigen und auch jetzt bin ich zu schwach, um etwas zu unternehmen. Ich sehe aber, dass du genauso leiden musstest wie meine Herrin. Umherfliegende Steine und die Druckwelle vom Meer haben deine Knochen gebrochen und die Gluthitze hat dich von innen her gekocht und verbrannt. Ist das Gerechtigkeit? Besser wäre es gewesen, wenn mein Frauchen noch leben würde und auch du nicht hier lägest und stattdessen mit ehrlicher Arbeit deinen geliebten Schöpfer ehren würdest. Jetzt ist es leider für beides zu spät.“ Weil der Hund nichts Anderes zu tun wusste, hob er verlegen sein Bein und pinkelte auf den Leichnam des Inquisitors.
Fazit: Wir Menschen sollten friedlich und freundlich miteinander umgehen. Unsere Umwelt ist grausam und gefährlich genug.
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Vorschaubild: photos/inquisitor-ballett-theater-porträt-433123/, Urheber: Jan Bednář auf Pixabay; neu bearbeitet von Carolin Eberhardt.