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Frank Meyer

Raum 101
Erzählungen über Männer

Von dem Konflikt mit dem Vater beim Froschschenkeljagen, den abenteuerlichen Gefühlen einer Kinderliebe, den bleibenden Momenten mit dem besten Freund, die erschütternden Erlebnisse beim Bund...teils einfühlsam, teils derb erzählen die Geschichten dieser Sammlung, wie Jungen und Männer sich in verschiedenen Lebensabschnitten bewähren... oder wie sie versagen. 

Der Gottessohn

Der Gottessohn

Florian Russi

Der Oberstudienrat galt als sehr eitel und war sowohl bei seinen Schülern als auch bei seinen Kollegen sehr unbeliebt. Wenn er in der Stadt unterwegs war und einem seiner Schüler begegnete, erwartete er, dass dieser artig den Kopf vor ihm verbeugte, ihn mit freundlichen Worten begrüßte und dabei auch seinen Namen, einschließlich seines Doktortitels aussprach. Das führte dazu, dass Schüler, die auf sein Wohlwollen angewiesen waren, untertänig vor ihm katzbuckelten, andere aber, wenn sie ihn nur schon von ferne sahen, sich eiligst davonschlichen.

Eines Tages saß der Oberstudienrat in seiner Wohnung in seinem Sessel und hatte plötzlich eine Vision. Um ihn herum flackerte das Licht und eine Stimme sprach zu ihm: „Ich bin der Titan Hekardos und stehe noch über den Göttern. Ich habe Zeus berufen und später viele andere Götter. Doch sie haben mich alle enttäuscht. Deshalb habe ich selbst wieder meine Rolle als oberster Gott angenommen. Du aber bist mein Sohn. Mit dir habe ich noch sehr viel vor. Sammle dich und warte auf die Anweisungen, die ich dir in den nächsten Wochen und Monaten geben werde.“

Sofort, nachdem diese Worte gefallen waren, begann das Licht noch viel heftiger als vorher zu flackern und im Zimmer klang es wie ein fernes Donnergrollen. Es konnte keinen Zweifel geben. Der Oberstudienrat war zu Höherem und sogar zu Allerhöchstem berufen.

Am folgenden Schultag konnte er nicht umhin, seinen Schülern und Kollegen seine neue Rolle mitzuteilen. „Ich war mir immer schon bewusst, besonders auserwählt zu sein. Jetzt aber weiß ich es vom obersten Titanen persönlich“, erklärte er.

Die Kollegen schüttelten die Köpfe und legten dem Direktor der Schule nahe, den Oberstudienrat aus dem Schuldienst zu entlassen. „Das kann ich nicht so einfach“, reagierte der. „Ich muss ihm nachweisen, dass er seine Verpflichtungen als Lehrer nicht mehr erfüllt, dass er Unsinn erzählt, die Schüler erkennbar ungerecht behandelt oder, statt zu unterrichten, Andachten mit ihnen feiert oder sich von ihnen anbeten lässt. Warten wir also ab und sammeln Beweise.“

Nach einigen Wochen ließ der Direktor den Sprecher der Schulklasse, in welcher der Oberstudienrat Klassenlehrer war, zu sich kommen und fragte ihn: „Hat er irgendwann vor euch Schülern behauptet, Gottes Sohn zu sein?“

„Ja, das hat er“, antwortete der Klassensprecher.

„Und, wie habt ihr darauf reagiert?“

„Wir stehen kurz vor der Versetzung“, antwortete der Klassensprecher. „Also haben wir ihm zu seiner Berufung gratuliert und lassen keine Gelegenheit aus, ihn als Gottessohn zu achten.“

Fazit: Die Frage, was wahr und gerecht ist, entscheidet sich oft nach den Machtverhältnissen.

Oder: Wer nicht stark genug ist, um zu kämpfen, passt sich dem Mächtigen an.

 

*****

Vorschaubild: vectors/bergpredigt-christus-glaube-7832674/, Urheber: Gerd Altmann auf Pixabay.

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