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Kennst du Gotthold Ephraim Lessing?
vorgestellt von Jürgen Krätzer

Jürgen Krätzer eröffnet uns eine neue Sicht auf den Autor. Lessing entpuppt sich als schulverdrossener Aufrührer, als Student in „schlechter Gesellschaft" und als leidenschaftlicher Glücksspieler, der sich von Job zu Job hangelt. Bewusst stellte er sich gegen die damaligen Erwartungen und prangerte die Scheuklappen der Gesellschaft an. Krätzer zeigt dies anhand unkonventioneller Fabeln und Gedichte, seiner Kritiken und Briefe. Zugleich setzt er sich mit Lessings neuartiger Theatertheorie und den aufklärerischen Werten in seinen Dramen auseinander. Dabei gelingt es ihm aufzuzeigen, wie relevant und modern deren Themen noch heute sind.

Der Glaubensgelehrte

Der Glaubensgelehrte

Florian Russi

In einem Land lebten zwei reiche Männer, die sich für ihre Arbeit auf den Feldern und Werkshallen mehrere Sklaven hielten. Die Sklaven mussten unentwegt schuften. Deshalb taten sie einem Nachbarn der beiden leid. Er sagte daher zu den beiden Reichen: „Hört endlich auf damit, Sklaven zu halten. Ihr müsst doch wissen, dass unser großer Prophet die Sklavenhaltung als schwere Sünde verurteilt hat. Darauf steht die Strafe der Hölle.“

Da wurden die beiden Reichen unsicher. Sie beschlossen, einen berühmten Glaubensgelehrten aufzusuchen, ihm als Zeichen ihrer Glaubenstreue eine Opfergabe zu überbringen und ihn in der Sklavenfrage um sein Urteil zu bitten. So taten sie es.

Nachdem sie vor den Gelehrten getreten waren und ihm ihr Anliegen vorgetragen hatten, runzelte dieser seine Stirn, hob seinen Kopf in die Höhe, verfiel in tiefes Nachdenken und sagte schließlich mit erhobener Stimme: „In der Tat hat der hochheilige und gepriesene Begründer unserer Religion gesagt, dass es uns nicht erlaubt sei, Sklaven zu halten. Doch als er dies sagte, so bezeugen uns mehrere Schriftgelehrte, ging hinter ihm gerade die Sonne unter. Das aber bedeutet, das von ihm ausgesprochene Verbot gilt nur für die Zeit des Sonnenuntergangs, also die frühen Abendstunden. Davor und danach ist es euch also gestattet, weiterhin Sklaven zu halten. In der Zwischenzeit könnt ihr sie in unserem Glauben unterweisen.

Fazit: Für jede Unverschämtheit findet sich eine Rechtfertigung.

Oder: Wenn der Glaube im Weg steht, wird er gebeugt.

 

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Vorschaubild: photos/skulptur-gebet-hände-religion-3611519/, Urheber: Couleur auf Pixabay.

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