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Johann Joachim Winckelmanns Wirken auf Schloss Nöthnitz und in Dresden

Klaus-Werner Haupt

Nach rastlosen Jahren findet Johann Joachim Winckelmann auf dem nahe Dresden gelegenen Schloss Nöthnitz eine Anstellung als Bibliothekar. Die bünausche Bibliothek und die Kunstsammlungen der nahen Residenzstadt ermöglichen Kontakte mit namhaften Gelehrten. In ihrem Kreise erwirbt der Dreißigjährige das Rüstzeug für seine wissenschaftliche Karriere. Sein epochales Werk „Gedancken über die Nachahmung der Griechischen Werke in der Mahlerey und Bildhauer-Kunst“ (1755) lenkt den Blick auf die Kunstsammlungen Augusts III. und ebnet den Weg nach Rom.

Winckelmanns Briefe, von denen mehr als fünfzig aus den sächsischen Jahren überliefert sind, lassen seinen Karrieresprung, aber auch seine persönlichen Nöte vor unseren Augen lebendig werden. Zwei Gastbeiträge über die jüngere Geschichte des Schlosses und die Visionen der Freunde Schloss Nöthnitz e. V. runden den Jubiläumsband ab.

Der Fundamentalist

Der Fundamentalist

Florian Russi

Zwei Jugendfreunde stammten aus katholischen Elternhäusern, waren beide Messdiener gewesen und hatten sich in einem kirchlichen Jugendclub engagiert. Der eine wurde später Priester, trat einem Orden bei und machte als Seelsorger und Theologe Karriere. Der andere wurde Lehrer, heiratete und gründete eine Familie. Auch er blieb seiner Kirche verbunden, wurde in den Pfarrgemeinderat seines Heimatortes gewählt und organisierte Pilgerfahrten zu heiligen Stätten. Gleichzeitig setzte er sich für Reformen in der Kirche ein und sprach sich dafür aus, dass Frauen Priester werden und Geschiedene und Homosexuelle an den Sakramenten teilhaben dürfen.

Irgendwann traf er sich wieder mit seinem Jugendfreund. Er trug ihm seine Vorstellungen vor und hoffte auf Verständnis. Aber er stieß auf eisige Ablehnung. Der Geistliche sah die Kirche, so wie sie war, als gottgewollt, sprach sich gegen jede Reform aus, kritisierte Bischöfe, die als liberal galten und lobte andere, die unverrückbare konservative Ansichten vertraten. Der Jugendfreund zeigte sich als unbeirrbarer Fundamentalist des überkommenen Glaubens.

Später erfuhr der Lehrer, dass sein Jugendfreund sich gerne mit lederfetischistischen Homosexuellen traf und mit ihnen ausgiebige Orgien feierte. „Wie ist das vereinbar?“, fragte er sich und bat einen ihm bekannten Psychotherapeuten um Rat.

Der antwortete: „Das Verhalten deines Freundes braucht dich nicht zu wundern. Homosexualität galt und gilt in der Kirche als schwere Sünde. In der Bibel heißt es, dass sie für Gott ein Greuel sei und dass Gott Jahwe wegen ihr die Städte Sodoma und Gomorra vernichtet hätte. Wenn ich also als Priester meine Homosexualität auslebe, versuche ich, das durch mein starres Festhalten an anderen Glaubenssätzen auszugleichen. Damit sichere ich meine Position. Fundamentalismus ist oft Ausdruck von Unsicherheit und in diesem Fall auch von Angst vor der Hölle. Außerdem zeigt den Betroffenen die Erfahrung, dass ein heimliches Triebleben in der Kirche gerne bemäntelt wird und man es ungehindert ausleben kann, wenn in der Kirche somit alles so bleibt, wie es ist.“

Fazit: Wirklichen Heiligen begegnet man äußerst selten.

Oder: Fundamentalisten scheuen die offene Aussprache und Argumentation.

 

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Vorschaubild: photos/engel-teufel-engel-und-teufel-2693196/, Urheber: Enrique Meseguer auf Pixabay.

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