Deutschland-Lese

Gehe zu Navigation | Seiteninhalt
Deutschland-Lese
Unser Leseangebot

Tee mit der Königin

Kurzgeschichten aus Wales herausgegeben und übersetzt von Frank Meyer und Angharad Price.

Der Arzt und der kranke Junge

Der Arzt und der kranke Junge

Florian Russi

In einem Land war ein Diktator an die Macht gelangt, der die Meinung vertrat, dass sich alles menschliche Leben an den Gesetzen der Natur auszurichten hätte. „Das Stärkere setzt sich durch, das Schwächere hat das Nachsehen. Das ganz Schwache aber ist nur hinderlich und muss ausgeschaltet werden.“ Er erklärte, dass alle Geisteskranken und Schwerbehinderten den Staat und die Gesellschaft unnötig belasteten und ein „unwertes Leben“ darstellten, das auf keinen Fall weitervererbt werden dürfe und weitgreifend beseitigt werden müsse. Er ließ Gesetze verabschieden, wonach alle Betroffenen zwangsweise getötet oder sterilisiert werden sollten. Er ordnete an, dass im ganzen Land Einrichtungen geschaffen würden, in denen diese Maßnahmen umgesetzt werden sollten; und er forderte alle Ärzte auf, die ihnen bekannten Fälle an diese Einrichtungen zu melden.

Beim Chefarzt einer psychiatrischen Klinik wurde ein kleiner Junge abgeliefert, der von großen geistigen und körperlichen Behinderungen gekennzeichnet war. Man hatte ihn seiner Mutter entrissen, die bitter weinend versichert hatte, den Jungen zu versorgen und zu pflegen und alles dafür zu tun, dass er niemanden zur Last fallen würde. Es hatte nichts genutzt. Das Gesetz stand dagegen.

Nun nahm sich der Chefarzt des Jungen an. Er war ebenso wie der Diktator der Meinung, dass das Leben unheilbar Kranker nichts wert sei und beschäftigte sich intensiv mit der Eugenik, d. h. der Erbgesundheitslehre. „Es muss unser Ziel sein, den Anteil der gesunden Erbanlagen in unserem Volk zu vergrößern und die schlechten zu verringern.“, pflegte er zu sagen.

Der Chefarzt nahm sich den Jungen vor und fand ihn ungewöhnlich interessant. Er zog ihn aus und testete seine Reaktionen auf sanfte Berührungen und Schmerzufügungen. Besonders letzteres fand er sehr interessant. Es ging ihm darum, den Lebenswillen einer wertlosen Kreatur zu prüfen. Deshalb schloss er auch seine Hände um den Hals des Jungen und erwürgte ihn. „So war es besser für dich“, sagte er dann und rief nach seiner Sekretärin.

„Sorgen Sie dafür, dass der kleine Körper sofort von hier abgeholt wird“, sagte er zu ihr. „Ich habe dem Jungen den Weg zur Giftspritze erspart.“

„Nein, das werde ich nicht tun“, antwortete die Sekretärin. „Stattdessen kündige ich. Leider musste ich mit anhören, was Sie mit dem Jungen angestellt haben und konnte es am Schluss durch einen Türspalt auch sehen. Als ich mich um die Stelle bei Ihnen beworben habe, ging ich davon aus, dass Sie den Eid des Hippokrates geschworen hätten und alles dafür tun würden, um Menschenleben zu retten. Nun erlebe ich das genaue Gegenteil. In meinen Augen sind sie kein Arzt, sondern ein Mörder.“

Fazit: Wessen Leben war hier „unwerter“, das des unschuldigen Jungen oder das des perversen Arztes?

Oder: Gesetze müssen allein dazu dienen, das Leben von Menschen zu ordnen und zu schützen.

Oder: Im Namen des nationalsozialistischen Euthanasieprogrammes wurden 200.000 Deutsche ermordet. Dieses unvorstellbare Verbrechen wurde nie richtig aufbereitet. – ein Skandal.

(Anm.: Euthanasie (griech.) bedeutet wörtlich „Herbeiführung eines guten d. h. schmerzfreien Todes“)

 

*****

Vorschaubild: vectors/maske-nadel-impfung-injektion-7344171/, Urheber: NoPixelZone auf Pixabay; kind-silhouette-schwarz-stehen-28766/, Urheber: Clker-Free-Vector-Images auf Pixabay;neu bearbeitet von Carolin Eberhardt.

Weitere Beiträge dieser Rubrik

Kriegskameraden
von Florian Russi
MEHR
Die beiden Pilger
von Florian Russi
MEHR
Der Unterhaltsame
von Florian Russi
MEHR
Im Glanze der Könige
von Florian Russi
MEHR
Anzeige
Unsere Website benutzt Cookies. Durch die weitere Nutzung unserer Inhalte stimmen Sie der Verwendung zu. Akzeptieren Weitere Informationen