Deutschland-Lese

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Autor Christoph Werner lässt den Weimarer Unternehmer und Verleger Friedrich Justin Bertuch zurückblicken auf das eigene Leben.

Ein Tag im Leben des Friedrich Justin Bertuch

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Der Alkoholiker

Der Alkoholiker

Florian Russi

Eine Frau hatte Besuch von ihrem Cousin, der Psychotherapeut und Suchtberater war. Als sie von einer Besorgung abends nach Hause kamen, fanden sie den Ehemann der Frau ohnmächtig auf dem Boden liegend. Er hatte sich den Kopf an einem Möbelstück angeschlagen und blutete an seiner Stirn. Beim Sturz hatte er sich außerdem erbrochen. Den beiden drang ein widerlicher Geruch entgegen.

„Ach je, mein armer Mann“, stöhnte die Frau und eilte in die Küche, um eine Schüssel mit Wasser, ein Handtuch und einen Wischlappen zu holen. Der Cousin aber stellte sich ihr entgegen und sagte: „In deinem und seinem Interesse, lass uns erst darüber reden. Ist so etwas schon öfter vorgekommen?“

„So schlimm wie heute noch nicht“, antwortete die Frau. „Doch in letzter Zeit betrinkt er sich immer wieder. Er hat Probleme an seinem Arbeitsplatz. Mehrere Kollegen mobben ihn und sein Chef lässt ihn im Regen stehen und hilft ihm nicht.“

„Wie man hier sehen kann, ist das Alkoholproblem deines Mannes schon recht fortgeschritten“, antwortete der Cousin. „An deiner Reaktion, gleich Wasser und Tücher zu holen, entnehme ich, dass auch du schon zu dem geworden bist, was man eine Co-Alkoholikerin nennt. Lass mich dir helfen: Alkoholismus ist eine Sucht und von der Weltgesundheitsorganisation als Krankheit anerkannt. Wie bei allen Krankheiten, muss man sie zunächst analysieren und dann zu heilen versuchen. Sehr viele Menschen haben Ärger in ihrem Beruf und werden deswegen nicht zu Alkoholikern. Suchtkranke finden immer Ausreden für ihr Verhalten. Ein erster Schritt ist deshalb der, dass sie ihre Erkrankung einsehen und den festen Willen aufbringen, dagegen vorzugehen. Solange die Menschen um ihn seine Sucht entschuldigen, bemänteln und mit Wasser und Lappen überdecken, sehen sie keinen Grund, mit dem Trinken aufzuhören.“

„Meine beiden Kinder und ich leiden sehr darunter“, gab die Frau zu.

„Ja, es kommt hinzu, dass Alkoholiker sehr stark dazu neigen, die Menschen in ihrem Umfeld schlecht zu machen, herabzuwürdigen und zu kommandieren. Nur so haben sie das Gefühl, ihren Selbstwert nicht zu verlieren. Nicht sie sind die Versager, sondern alle anderen.“

„Du hast wohl recht“, erwiderte die Frau. „Jetzt aber muss ich mich um meinen Mann kümmern.“

„Ich gebe dir einen dringenden Rat“, erklärte der Cousin sehr bestimmt. „Lass ihn so liegen wie er daliegt. Am besten wäre es sogar, wenn du seinen Kopf greifen und nochmals in sein Erbrochenes tauchen würdest. Es ist warm genug im Zimmer. Er wird nicht frieren. Wenn er aber aufwacht, muss er das Elend, in dem er lebt, selbst erkennen und abstoßend finden. Nur so wird er in sich gehen. Aus einer Sucht heraus kommt nur der, der es selbst unbedingt will.“

Fazit: Alkoholismus und Suchtkrankheiten werden in der ganzen Welt überspielt.

Oder: Probleme und Nöte fordern zunächst den Betroffenen selbst.

Oder: Hilfe bedeutet manchmal, den Hilfebedürftigen auf sich selbst aufmerksam zu machen bzw. ihn selbst zu fordern.

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