Es war zu einer Zeit, als die Menschen noch in Höhlen und geflochtenen Hütten lebten. Da hatte sich in der großen Savanne ein Stamm gebildet, der vor allem von der Jagd und vom Sammeln von Früchten lebte. Einer, welcher der körperlich stärkste unter ihnen war, hatte die Macht über den Stamm übernommen. Er herrschte uneingeschränkt. Die übrigen Stammesangehörigen kannten es nicht anders.
Eines Tages aber wuchs ihm ein Enkel heran, der sich zu einem kräftigen Mann entwickelte und sich immer wieder mit ihm stritt, weil er viele seiner Befehle für unbegründet hielt. Darüber kam es auch zu körperlichen Auseinandersetzungen. Der Enkel hatte zwar nicht so viele Erfahrungen wie sein Großvater, aber war ihm auf Grund seiner Jugend körperlich überlegen. In einem Wutanfall ergriff und erwürgte er ihn.
„Inzwischen bin ich der Stärkste in unserem Stamm“, ließ er die anderen wissen. „Also bin ich in Zukunft auch euer Häuptling.“ Die Stammesbrüder und –schwestern kannten es nicht anders und nannten ihn fortan „UU“, was für sie Fürst bedeutete. Der UU zeigte sich als leidenschaftlicher Jäger, vernachlässigte jedoch das Sammeln von Früchten. Das führte zu Krankheiten und, da dem Stamm für längere Zeit das Jagdglück ausblieb, auch zu einer Hungersnot und somit zu Unruhen im Stamm. Einer der Angehörigen hatte sich für die Jagd beigebracht, mit gezielten Steinwürfen wilde Tiere zu erlegen. Er lauerte dem UU auf und tötete ihn mit einem Wurf an die Stirn. „Jetzt bin ich der neue UU“, verkündete er dann. „Niemand kann so gezielt Steine schleudern wie ich.“
Sofort stieß er an, dass wieder mehr Körner, Beeren und Wurzeln gesammelt wurden. Das gefiel allen, doch litten sie unter den Launen, die er als Herrscher zeigte und unter seinem Hang, bestimmte Stammesbrüder zu fördern und andere zu benachteiligen. Inzwischen waren von einem entfernt lebenden Stamm bronzene Schneiden erfunden worden. Durch Tauschhandel gelangte eine von ihnen in den Besitz eines Angehörigen des von UU regierten Stammes. Der probierte sie aus und zögerte nicht lange, seinen Häuptling zu überfallen und ihm die Kehle durchzuschneiden.
„Jetzt ist er unser Stärkster“, sagten nun fast alle. Doch ein älterer, von allen wegen seiner Weisheit anerkannter Stammesbruder rief eine Versammlung ein und erklärte:
„Nie kommt es vor, dass einer allein sehr stark ist. Wenn er im Besitz des Schneidewerkzeuges wäre, könnte sogar der Schwächste unter uns allen anderen überlegen sein. Nicht Einzelne sind die stärksten unter uns, sondern wir als Stamm sind die Stärksten. Unter uns gibt es viele Talente und Befähigungen. Wenn wir sie zusammentragen, haben wir alle etwas davon. Deshalb sollen nicht Einzelne allein bestimmen. In Zukunft werden wir Leute wählen, die verpflichtet sind, unser Zusammenleben zu ordnen und zu fördern. Gemeinsam sind wir stark. Einen UU wie bisher brauchen wir nicht mehr.“
Fazit: Niemand kann in allen Bereichen stark sein.
Oder: Stärken und Schwächen müssen sich ausgleichen.
Oder: Auf dem Gedanken des Ausgleichs beruht unsere Demokratie.
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