Eines der wichtigsten Ereignisse in der Geschichte der Menschheit war die Erfindung des Rades. Zu dieser Zeit lebte ein Mann zurückgezogen als Eremit in einer Berghöhle mitten in einer Wüste. Von der Erfindung des Rades hatte er in seiner Einsamkeit nichts mitbekommen und in seiner Höhle auch kein Bedürfnis danach.
Als er alt geworden war, entschloss er sich, an den Ort seiner Jugend zurückzukehren. Da er ein Onkel des dort herrschenden Fürsten war, wandte er sich zunächst an ihn. Auf dem Weg zu dessen Schloss wurde er jedoch von Kindern aufgehalten. Sie zeigten mit den Fingern auf ihn und feixten. Sie tanzten um ihn herum, stießen unartikulierte Worte aus, bohrten in ihren Nasen, versuchten, ihn anzupinkeln und lachten dabei so, wie es nur geistig Gestörte tun.
Als der Eremit endlich zu seinem Neffen gelangte, erzählte er ihm von seinem Erlebnis mit den Kindern. „Das ist noch gar nichts“, antwortete der Fürst. „Fast mein ganzes Volk ist am Durchdrehen. Seitdem das Rad erfunden wurde, glauben die meisten, dass damit für immer alle Probleme gelöst wären. Die jungen Burschen wollen nicht mehr auf den Feldern arbeiten. Stattdessen bewerben sie sich bei meinem Nachbarfürsten als Soldaten. Dieser unterhält nämlich ein großes Kontingent von Streitwagen. Streitwagenfahren ist für die Burschen das Höchste.
Die Kinder gehen nicht mehr zur Schule, sondern treffen sich heimlich, um mit Rädchen zu spielen. Kein Bauer will wie bisher sein Land selbst pflügen. Alle warten darauf, dass jemand kommt, der ein Pflugrad besitzt. Der soll dann die Arbeit übernehmen, während die Bauern sich dem Glücksspiel hingeben und sich betrinken. Meine Beamten haben sich Wagen bauen lassen, auf denen sie sich von ihren Untergebenen oder denjenigen, die auf ihre Gunst angewiesen sind, durch die Gegend kutschieren lassen, anstatt zu arbeiten und ihre Pflichten zu erfüllen. Unter meinen Priestern gibt es eine starke Bewegung, die das Rad wieder abschaffen will. Sie halten es für ein Teufelswerk. Ich fürchte jedoch, das Rad lässt sich nicht mehr aufhalten: Vielleicht hast du für mich einen Rat?“
Fazit: Jeder technische Fortschritt muss auch geistig begleitet werden.
Oder: Auch die Erfindungen der heutigen Elektronik sind für viele Menschen psychisch nicht leicht zu verarbeiten.
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