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Schinkel kämpft in seinen Fieberträumen um die Vollendung seines Bildes "Schloss am Strom". Er durchlebt auf seinem Krankenbett noch einmal sein erfülltes und von krankmachendem Pflichtgefühl gezeichnetes Leben und die Tragik des Architekten und Künstlers, der sich zum Diener des Königs machen ließ.

Roman

Das Namensrecht

Das Namensrecht

Florian Russi

Nun war es endlich geschafft. Jeder durfte sein Geschlecht selbst festlegen. Der Blick zwischen die Beine ließ nur noch eine Vermutung zu. Ob sie Mann oder Frau sein wollten, war den Menschen von ihrem 14. Geburtstag an persönlich überlassen. Es war ein Akt freier Selbstbestimmung und konnte jedes Jahr erneuert werden.

Herbert verliebte sich in Hugo, wollte aber nicht als schwul gelten. Deshalb wandelte er sein Geschlecht und nannte sich Albertine. Von nun an benutzte er auch die Frauentoiletten. Das war misslich, denn er wollte sich nicht abgewöhnen, im Stehen zu pinkeln. Andere Toilettenbenutzer hatten das Nachsehen.

Ein Teil der Menschen fühlte sich unterdrückt. „Es gibt nicht nur Mann und Frau“, sagten sie, sondern noch 35 andere Geschlechter dazwischen und daneben. Es muss jedem anheimgestellt sein, sich zu einem von ihnen zu bekennen.“

Sie forderten, dass man auch neue Vornamen erfinden müsse, die nicht von vornherein die Zuordnung zu einem bestimmten Geschlecht bedeuteten.

Das rief eine andere gesellschaftliche Gruppe auf den Plan. Es handelte sich um diejenigen, die auf Grund alten Namensrechts unschöne Nachnamen geerbt hatten. Mit Recht fühlten sie sich diskreditiert. Wer wollte schon freiwillig Kuhfuß, Hühnerbein oder Morgenlatte heißen? Das sah auch der Gesetzgeber ein und stellte es frei, auch seinen Nachnamen mindestens alle fünf Jahre ändern zu können. Das traf auf viel Zustimmung und wurde auch zu politischen oder religiösen Bekenntnissen genutzt. So verschwanden die Namen Krautwurm, Köttel, Niedergesäß, Aufschneider oder oft auch Müller aus den Telefonbüchern. An ihre Stelle traten Klimaschützer, Katzenfreund, Bayernfan, Herrenfrisör, Frauenversteher, Reichsbürger oder Linksliberaler.

Auch an Gerhard ging dieser Trend nicht vorbei. Nachdem er gelesen hatte, dass die durchschnittliche Lebenserwartung von Frauen um vier Jahre über der von Männern lag, entschloss er sich, sein Geschlecht zu wechseln. So wurde aus Gerhard Johannes Nepumuk Rammler Elvira Gertrude Alice Nichtwähler. Doch seine bzw. ihre Rechnung ging nicht auf. Schon ein Jahr später fiel er bzw. sie eine Treppe hinunter und brach sich das Genick. Obwohl er bei seinen Arbeitskollegen beliebt war, erschien keiner von ihnen zu seiner Beerdigung. „Was ist nur aus dem guten alten Gerhard geworden?“, fragten sie sich. „Der hat sich irgendwo auf eine Sonneninsel zurückgezogen und genießt dort mit einer Eingeborenen seine letzten Jahre in vollen Zügen“, spekulierte einer von ihnen.

Fazit: Jede Beliebigkeit schafft neue Probleme.

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