Deutschland-Lese

Gehe zu Navigation | Seiteninhalt
Deutschland-Lese
Unser Leseangebot

Berndt Seite

N wie Ninive
Erzählungen

In metaphorisch einprägsamen Stil  werden verschiedene Schicksale erzählt, die ihren Haupthelden alles abverlangen, sie an ihre Grenzen bringen. Bei der Frage nach der Schuld, nach Gerechtigkeit und Gott verstricken sich Zukunft und Vergangenheit. 

"Er hat einen eigenen Ton, ein bisschen mecklenburgisch erdenschwer, aber dann auch wieder sehr poetisch"

Frankfurter Allgemeine 07.10.2014 Nr. 232 S. 10 

Das Irrenhaus

Das Irrenhaus

Florian Russi

In einer Heilstätte für psychisch Kranke und Behinderte wurde Inklusion großgeschrieben. Man hatte zwei Gremien gebildet, die bei der Führung der Anstalt mitbestimmen sollten. Das war zum einen der Rat der Mitarbeiter, zum anderen der Rat der Klienten. Geführt wurde das Haus von einem fest angestellten Verwaltungsleiter. Den sollten die beiden Räte beraten, unterstützen und kontrollieren. „Der Zweck unserer Einrichtung ist aber nicht deren Verwaltung“, sagten die Räte übereinstimmend. „Wir werden noch einen Präsidenten wählen, der für die Unternehmensstrategie, kulturelle Angelegenheiten, die Leitung der Sitzungen und die innere Zufriedenheit in der Anstalt zuständig sein sollte.“ Der Rat der Bediensteten schlug für diese Position eine junge Pflegerin vor, die sich im Haus großer Beliebtheit erfreute und unter dem Namen „Hedi“ bekannt war. Der Rat der Klienten wurde von einem Mann angeführt, der wegen seines rüden Auftretens von allen „Rambo“ genannt wurde. Er kündigte an, selbst für das Präsidentenamt zu kandidieren und setzte durch, dass an dem Tag, an dem gewählt wurde, alle Bewohner genau wie die Ärzte, Pfleger und Verwaltungsangestellten weiße Kittel tragen sollten. Die Wahl sollte für alle gleich sein.

Bei ihrer Vorstellung berief sich Hedi auf ihre Erfahrungen, sprach von den Zielen der Konklusion und Integration und legte ein Kulturprogramm für alle vor. Rambo aber beschimpfte sie, nannte sie Hure, behauptete, dass die Leitung der Anstalt bedroht sei, stellte fest, dass die Zahl der Klienten im Haus größer sei als die der Angestellten und deshalb mehr Einfluss haben müsse. Er hob seine Arme in die Höhe, führte einen Tanz auf und rief laut: „Ich bin der Größte, größer als Napoleon und Dschingis Khan, klüger als Einstein oder Sokrates, ich löse in kurzer Zeit alle Probleme.“

Es kam zur Wahl und Rambo wurde mit großer Mehrheit gewählt. Hedi hatte nicht einmal alle Stimmen der Angestellten bekommen. Als die Versammlung auseinanderging, kam einer der Klienten auf einen der Mitarbeiter zu und sagte: „Du hattest mir eine Zigarette versprochen, wenn ich Rambo wählen würde. Das habe ich getan.“

„Da, nimm“, antwortete der Angesprochene. „Unsere Einrichtung ist in Gefahr, geschlossen zu werden. Nun habe ich wieder Hoffnung.“

Fazit: Wer soll darüber entscheiden, was vernünftig und richtig ist?

Oder: Alle Menschen sind gleich und gleich verführbar.

Oder: In jedem Jahr wird gemessen, dass über die Hälfte der Menschen an Erkältungen erkranken und die Corona-Pandemie hat Hunderttausende dahingerafft. Wer misst die seelischen Erkrankungen und Epidemien sowie ihre Folgen?

 

*****

Vorschaubild: photos/krankenhaus-arzt-krankenschwester-661274/, Urheber: James Timothy Peters auf Pixabay.

Weitere Beiträge dieser Rubrik

Kriegskameraden
von Florian Russi
MEHR
Die Unterhaltung
von Florian Russi
MEHR
Freundlichkeit
von Florian Russi
MEHR
Anzeige
Unsere Website benutzt Cookies. Durch die weitere Nutzung unserer Inhalte stimmen Sie der Verwendung zu. Akzeptieren Weitere Informationen