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Das Hündchen und der Floh

Das Hündchen und der Floh

Florian Russi

Am Fuße eines hohen Berges lag ein Dorf, in dem viele fleißige Menschen lebten. Sie liebten ihren Berg und fühlten sich zugleich von ihm herausgefordert. Für die Bewohner des Dorfes galt es als ehrenvolle Pflicht, mindestens einmal im Jahr auf den Gipfel des Berges zu steigen. Die jungen Leute unter ihnen überboten sich dabei. Im Frühling, Sommer, Herbst und Winter gab es Gipfelstürmertage, an denen jeder teilnahm, der nur halbwegs laufen konnte. Dabei ließen sich die Organisatoren immer neue Höhepunkte einfallen. Mal wurde die Zeit genommen, in welcher der Schnellste den Gipfel erklommen hatte, mal ging es darum, wer das schwerste Gepäck den Berg hinauftragen konnte, mal wetteiferten sie, wer sich das schönste Bergwanderlied ausgedacht hatte. Oft nahmen diejenigen, die einen Hund zuhause hatten, auch ihre Tiere mit. Für die war es auch sehr wichtig, auf den Pfaden, die zum Berggipfel führten, ihre Beinchen zu heben und ihre Duftmarken zu setzen.

Eine alte Dame im Dorf hielt sich einen kleinen Hund, der auch gern den Berg besteigen wollte. Er drängte sie, ihn den Berg hinauf zu führen, doch sie war zu schwach, um den Aufstieg zu wagen. Da entschloss sich das Hündchen, den Berg alleine hochzuklettern. Davon hörte ein Floh, der sich in einem Erdloch versteckt hielt, weil die alte Dame schon mehrfach nach ihm geschlagen und ihn nur um ein Haar verfehlt hatte. Er sagte zu dem Hündchen:

„Auch wir Flöhe sind Bewohner des Dorfes und möchten an allem teilhaben, was dort geschieht. Auch ich will den Berg hinauf, aber ich kann nur kleine Sprünge machen und um den Berggipfel zu erklimmen, fehlt mir allein die Kraft. Sei du deshalb so nett und nimm mich mit auf deinem Weg. Ich bin winzig und leicht und werde mich an einem Haarbüschel an deinem Nacken festhalten. Für dich bin ich keine Last, du wirst nicht einmal merken, dass du mich mit dir herumträgst.“

Der Floh wiederholte immer wieder seine Worte und flehte das Hündchen so eindringlich an, dass es sich schließlich bereit erklärte, auf dessen Wunsch einzugehen. Es sah ein, dass auch Lebewesen, die noch kleiner waren als es selbst, ein Recht hatten, am allgemeinen Leben teilzunehmen.

Sie verabredeten sich für den folgenden Morgen, doch als das Hündchen den Floh an seinem Erdloch abholen wollte, erwarteten ihn dort nicht der Floh allein, sondern zwölf weitere seiner Verwandten.

„So geht das nicht“, sagte da das Hündchen, „nur dir alleine habe ich versprochen, dich mit auf den Berg zu nehmen.“

„Nun sei doch mal großzügig“, antwortete der Floh. „Alle zusammen wiegen wir nicht viel mehr als ein paar Gramm. Wir belasten dich also in keiner Weise.“

Der Floh und seine Verwandten warteten die Antwort des Hündchens gar nicht erst ab. Sie sprangen alle vor und suchten sich unter dem dichten Fell des Hundes einen Platz. Der sagte so etwas wie „na meinetwegen“ und lief los.

Die Pfade zum Berggipfel waren teilweise sehr steil und so musste sich das Hündchen recht viel anstrengen, um den Aufstieg zu schaffen. Unterwegs wurde es nur von einer Gruppe von Kindern überholt, die sich Gipfelstürmer nannten und fröhliche Lieder sangen. Das Hündchen freute sich mit den Kindern, doch mit den Flöhen bekam es Ärger. Die fühlten sich unter seinem Fell pudelwohl und begannen, das Hündchen zu pieksen und von seinem Blut zu saugen. Das Hündchen begann zu schimpfen, doch das beeindruckte die Flöhe nicht. Das Hündchen rieb sich an einem Felsen und an den Rinden der Bäume, die am Weg standen. Es nutzte nichts. Die Flöhe waren unter dem Fell gut geschützt.

Unglücklich lief das Hündchen weiter, bis es endlich den Berggipfel erreichte und auch die Flöhe es sich nicht entgehen lassen wollten, um die Bergkuppe herumzutanzen und ihren Aufstieg zu feiern. Das Hündchen schaute hinab ins Tal, fühlte sich als Gipfelstürmer, scharrte mit seinen Pfoten auf der Erde und hinterließ eine Duftmarke, die auch anderen Hunden zeigen sollte, dass es den Weg bis zur Spitze des Berges geschafft hatte. Als es umkehren und den Berg hinablaufen wollte, kam der Floh wieder herbeigesprungen und rief: „Halt, vergiss nicht, uns wieder mit nach unten zu nehmen.“

Da schüttelte sich das Hündchen heftig und erwiderte: „Nach oben zu kommen, hättet ihr es schwer gehabt, doch nach unten könnt ihr locker und leicht alleine hüpfen. Lasst euch Zeit. Im Tal ist niemand, der euch erwartet.“

Fazit: Wer die Gutmütigkeit eines anderen missbraucht,
verdient weder Verständnis noch Hilfe
oder
Wer zu gutmütig ist, den piekst der Floh.

*****

Vorschaubild von Peggy und Marco Lachmann-Anke auf Pixabay

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