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Johann Joachim Winckelmanns Wirken auf Schloss Nöthnitz und in Dresden

Klaus-Werner Haupt

Nach rastlosen Jahren findet Johann Joachim Winckelmann auf dem nahe Dresden gelegenen Schloss Nöthnitz eine Anstellung als Bibliothekar. Die bünausche Bibliothek und die Kunstsammlungen der nahen Residenzstadt ermöglichen Kontakte mit namhaften Gelehrten. In ihrem Kreise erwirbt der Dreißigjährige das Rüstzeug für seine wissenschaftliche Karriere. Sein epochales Werk „Gedancken über die Nachahmung der Griechischen Werke in der Mahlerey und Bildhauer-Kunst“ (1755) lenkt den Blick auf die Kunstsammlungen Augusts III. und ebnet den Weg nach Rom.

Winckelmanns Briefe, von denen mehr als fünfzig aus den sächsischen Jahren überliefert sind, lassen seinen Karrieresprung, aber auch seine persönlichen Nöte vor unseren Augen lebendig werden. Zwei Gastbeiträge über die jüngere Geschichte des Schlosses und die Visionen der Freunde Schloss Nöthnitz e. V. runden den Jubiläumsband ab.

Goethes vergebliches Liebeswerben in der Grafschaft Glatz

Goethes vergebliches Liebeswerben in der Grafschaft Glatz

Hermann Multhaupt

Henriette Eleonore Augusta Freiin von Lüttwitz durfte den Dichter nicht ehelichen

Der Eisvogel zeigt sich wieder am Teich. Manchmal steht er minutenlang unbeweglich, als warte er auf Nahrung. Aber er sieht nicht nach Beutefang aus. Wenn man ihm die Fähigkeit des Nachdenkens oder Meditierens zusprechen könnte, würde er nach einem Philosophen auf Vogelbeinen aussehen. Der Eisvogel ist für viele Menschen ein Glücksbringer. Für mich ist er ein Unglücksbote. Denn er zeigt mir nun in aller Deutlichkeit, dass es kein Entrinnen aus der bevorstehenden Ehe gibt. Ich sage bewusst „Entrinnen“, denn freiwillig gebe ich mich nicht in die Hand meines Bräutigams. Es ist eine Pflichtehe mit dem verwitweten Friedrich von Schuckmann. Er ist sicher ein herzensguter Mensch, verlässlich, treu, in Preußischen Diensten hochangesehen, ein Meister der Diplomatie. Junge Frauen meinesgleichen würden sich glücklich schätzen, auf diese Weise „versorgt“ zu werden und die Sicherheiten eines bequemen Lebens zu genießen. Doch ohne Liebe? Ohne die Gewissheit, die erwartete Zuneigung erfüllen zu können? Man wird Kinder von mir erwarten, Kinder, die ich gebären werde, ohne sie in Liebe gezeugt zu haben. Ich schäme mich, weil ich so denke, ich schäme mich, weil ich allem aristokratischem Trend entgegen handle, mich mit einem gesicherten Leben zufrieden zu geben. Kann eine Ehe, kann ein Leben ohne Liebe gedeihen? Manche sagen, die Liebe kommt, wächst mit den Jahren. Ich kann es nicht glauben.

Warum bin ich in dieses Haus gekommen, ich, Henriette Eleonore Augusta von Lüttwitz aus Mittelsteine in der Grafschaft Glatz, und musste Goethe begegnen? Goethe, der Gast bei meinem zukünftigen Ehemann Friedrich von Schuckmann war? Auf seiner herbstlichen Schlesienreise 1790 war er im Hause meines Bräutigams eingekehrt und als begnadeter Dichter gefeiert worden. Ich habe mich in ihn verliebt, spontan, wie es zugehen mag bei der Liebe auf den ersten Blick. Ich war 21. Und ihm ging es wohl ebenso. Er war mit dem Herzog unterwegs, mit seinem Freund Carl August von Sachsen-Weimar-Eisenach. Politische Angelegenheiten führten ihn bis Schlesien, doch Johann Wolfgang liebte die Natur, die Wälder, Berge und Menschen hierzulande und wollte unter klarem Herbsthimmel den Kamm des Riesengebirges und die Schneekoppe besteigen. Mit Durchlaucht hatte er eine Tour nach Tarnowitz, Krakau, Tschenstochau und Wielitzka gemacht. Graf Reden war auch von der Gesellschaft gewesen und sie hatten sehr angenehme und nützliche Tage verbracht.

Und dann kam er in das Haus von Friedrich von Schuckmann, weil es zugleich das Haus meiner lieben, doch inzwischen leider verstorbenen Freundin Leopoldine von Röder und Gattin Schuckmanns gewesen war. Goethe war ein brillanter Gesellschafter. Im Frühjahr war er in Venedig gewesen. Er sprach von dieser Reise und den „Venezianischen Epigrammen“, die danach entstanden waren. Auch von der inzwischen zurückliegenden Aufführung des „Faust“ in Krakau war die Rede. Ich muss ihn wohl mit meiner Lektüre der Werke von Shaftesbury, Locke, Hume, Mendelssohn und einigen anderen Poeten und Philosophen sehr beeindruckt haben.

Doch ja, ein Schatten fiel auf die Begegnung mit Goethe, als man mir diskret zu verstehen gab, er lebe seit zwei Jahren unverheiratet mit Christiane Vulpius zusammen und sei bereits Vater eines Sohnes geworden. Doch wenn er mich so lieb ansah, wenn wir abends auf der Terrasse standen – es wurde schon etwas kühl, und er legte mir seine Jacke über die Schulter – und er den Blick auf die Sterne und dann auf meine Augen richtete, wie hätte ich ihm gram sein sollen? Hätte mich das gestört, ihn zu heiraten? Ihn, den hochgeistigen, in der Blüte seiner Jahre stehenden Dichter, der nicht nur in literarischen Kreisen, sondern auch am Weimarer Hof hochangesehen war? Goethe suchte in diesen Tagen stets meine Nähe. Und am Ende war er entschlossen, um meine Hand anzuhalten.

Und damit begann mein Unglück. Der Eisvogel richtete sein Augenmerk  auf mich, wenn ich am Fenster stand, als verhieße er nichts Gutes. Ein adeliges Fräulein und ein Bürgerlicher? Mein Vater, der erst vor zwei Jahren zum Freiherrn erhobene Landschaftsgeneralrepräsentant Hans Wolf von Lüttwitz, lehnte Goethes Heiratsantrag schlichtweg ab. Die Nachricht muss ihn bei der Rückkehr von den Salzminen von Wieliczka bei Krakau am 10. September 1790 in Breslau hart getroffen haben. Ich habe nichts mehr von ihm gehört, nur erfahren, dass er am 19. September die Rückreise nach Weimar angetreten habe.

Nun also steht mir die Hochzeit mit Friedrich von Schuckmann bevor. Der 25. April 1791 ist mein Schicksalstag. Die Familien werden sich freuen. Aber ich? Friedrich hat das Schlossgut Hartlieb als Wohnsitz erworben. Der Eisvogel hat sich bis auf die Terrassenbrüstung herangewagt und starrt mich an, und starrt und starrt...

 

Henriette Eleonore Augusta von Schluckmann starb mit 29 Jahren in Bayreuth. Sie hatte 1796 eine Tochter mit Namen Marianne geboren. Goethe hat über diese Romanze stets Stillschweigen bewahrt. Erst durch die Biografie Henriettes Bruder Ernst Freiherr von Lüttwitz über Friedrich von Schuckmann kam sie ans Licht.

 

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Bildquellen:

Vorschaubild: AlcedoAtthisGould, 1861, Urheber: John Gould via Wikimedia Commons Gemeinfrei.

Friedrich von Schuckmann, hochgeladen 2006, Quelle: Stadmuseum Berlin via Wikimedia Commons CC BY-SA 3.0.

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