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Der Bettnässer

Russi thematisiert in seinem neuen, einfühlsamen Roman die gesellschaftlichen und psychischen Probleme eines Jungen, dessen Leben von Unsicherheit und Angst geprägt ist.

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Beethoven verkannt

Beethoven verkannt

Hermann Multhaupt

Militärarzt Professor Johann Adam Schmidt schüttelte zum wiederholten Male den Kopf.  „Wenn Ihr meine Medizin nach der Verordnung nicht regelmäßig einnehmt, Herr Compositeur, kann ich Euch keine Erleichterung Eures Leidens verschaffen. Ich wiederhole meine Empfehlung: Fahrt nach Baden zur Kur, und zwar bald. Die frische Luft und die Landschaft werden euch gut tun.“

Auf seinen Arzt ließ Ludwig van Beethoven nichts kommen, obgleich er Medizinern sonst kritisch gegenüberstand. „Ich lebe wie ein Verbannter“,pflegte er zuweilen zu sagen.

„Sobald ich tot bin und Professor Schmidt lebt noch, so bittet ihn in meinem Namen, dass er meine Krankheit beschreibe, und dieses hier geschriebene Blatt füget ihr dieser meiner Krankengeschichte bei, damit wenigstens so viel als möglich die Welt nach meinem Tode mit mir versöhnt werde“, notierte der Meister in seinem „Heiligenstädter Testament“ - er hat es allerdings nie abgeschickt.

Central Hotel im Kurort Baden bei Wien um 1900
Central Hotel im Kurort Baden bei Wien um 1900

Von 1804 bis 1815 fuhr Beethoven fünfzehnmal nach Baden. Er tat es dem Kaiser Franz I. nach, der jeden Sommer mit Mitgliedern seines Hofstaates und hochrangigen Gästen in die Kurstadt reiste. In sieben verschiedenen Häusern schlug der Komponist seine Zelte auf: Aus den meisten wurde er höflich hinaus komplimentiert. Nicht jeder Kurgast mochte durch Klaviermusik aus dem Nebenzimmer in seiner mittäglichen oder mitternächtlichen Ruhezeit gestört werden. Die erste Beschwerden wegen Schwerhörigkeit waren bereits im Alter von 25 oder 27 Jahren aufgetreten und führten schließlich zur Taubheit. Doch dieses schwere Leiden war nicht das einzige, an dem Beethoven litt: Es kamen Koliken, chronische Verdauungsstörungen, Leberzirrhose, Beschwerden mit der Milz und Bauchspeicheldrüse hinzu. Immanuel Kants Erkenntnis - „Schlechtes Sehen trennt mich von den Dingen, Schwerhörigkeit von den Menschen“ - war ihm ein schlechter Trost. Auch die Hörrohre von Johann Mälzel, dem Erfinder des Metronoms, blieben nur Stückwerk.

Schwierig als Mensch war er, der Ludwig van Beethoven. So fiel es ihm auch schwer, jeweils ein neues Quartier für seinen nächsten Kuraufenthalt zu finden. Im Sommer 1821 saß er gerade beim Mittagessen im Gasthaus „Zum schwarzen Adler“, als er erfuhr, dass im Kupferschmiedhaus eine Wohnung zu vermieten sei. Er sprang auf und eilte zu der angegebenen Adresse. Der Wirt jedoch, der Beethoven nicht kannte, meinte, es mit einem Zechpreller zu tun zu haben und rief nach der Polizei. Sie führte Beethoven zum Verhör ins Rathaus, wo sich der Fall bald aufklärte.

In der Rathausgasse 10 wohnte der Komponist während seiner Kurzeit in Baden.
In der Rathausgasse 10 wohnte der Komponist während seiner Kurzeit in Baden.

Während seiner Kuraufenthalte unternahm der Komponist ausgedehnte Spaziergänge. Eine dieser Wanderungen führte ihn am Wiener Neustädter Kanal entlang. Der Kanal war 1803 für den Transport von Holz, Ziegel und Kohle eröffnet worden. Es dunkelte, als Beethoven die Wiener Neustadt, etwa dreißig Kilometer von Baden entfernt, erreichte. Er war in einem alten, schäbigen Mantel unterwegs und trug auch keinen Hut. Da er sich nicht erinnerte, wo er sich aufhielt, blickte er in einige Fenster der Wohnhäuser. Die Menschen hielten ihn für einen Bettler oder Landstreicher. Der „Lump“ wurde schließlich festgenommen und befragt. Doch niemand wollte ihm glauben, dass er der berühmte Komponist sei. Schließlich musste der Neustädter Kreisschuldirektor und Organist Anton Herzog Beethovens Identität bestätigen. Die Nacht brachte er als Gast im Hause Herzogs zu. Der Bürgermeister von Wiener Neustadt entschuldigte sich am nächsten Morgen für die Festnahme und ließ Beethoven in einem Pferdewagen zurück nach Baden bringen.

Mit Mitteln der heutigen Medizin hätte man Ludwig van Beethovens Krankheitsverläufe wahrscheinlich heilen oder zumindest stark mildern können.

***

verwendete Literatur

Werner Sabitzer: „Lump“ und „Zechpreller“. Öffentliche Sicherheit 7-8/20

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