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Johann Winckelmann
Begründer der klassischen Archäologie und modernen Kunstwissenschaften

Klaus-Werner Haupt

Das Portrait einer außergewöhnlichen Forscherpersönlichkeit, dessen mysteriöser Mord bei seinen zeitgenössischen und namhaften Verehrern - wie Goethe, Herder oder Anna Amalia - einen Schock auslöste.

Johann Joachim Winckelmann

Johann Joachim Winckelmann

Klaus-Werner Haupt

Kunst des Alterthums
Kunst des Alterthums

Vor 250 Jahren erschien Winckelmanns Geschichte der Kunst des Alterthums (1764). Die Ermordung des Altertumswissenschaftlers am 8. Juni 1768 in Triest löste bei seinen Verehrern einen Schock aus. Fürst Leopold III. Friedrich Franz von Anhalt-Dessau erhielt die Nachricht in Wörlitz. Johann Wolfgang Goethe, der als Student in Leipzig Zeichenunterricht nahm, war durch den Maler Adam Friedrich Oeser mit Winckelmanns Gedanken über die Nachahmung der Griechischen Werke in der Mahlerey und Bildhauerkunst (1755) vertraut gemacht worden.

Nach einem Jahrzehnt in Diensten des Herzogs Carl August von Sachsen-Weimar-Eisenach wollte Goethe seinen „heißen Durst nach wahrer Kunst" stillen: Von 1786 bis 1788 gönnte er sich eine Auszeit in Italien. Mit der in Rom erworbenen italienischen Übersetzung der Geschichte der Kunst des Alterthums ließ er sich nun „an Winckelmanns dauerhaftem Faden" durch die verschiedenen Kunstepochen leiten.

Schloss Nöthnitz
Schloss Nöthnitz

Der in Stendal/Altmark geborene Johann Joachim Winckelmann fühlte sich zwar zum Pädagogen berufen, aber das Lehrerdasein in Preußen brachte ihm nicht die erhoffte Erfüllung. Im Alter von 30 Jahren musste er feststellen, dass er sich ohne Protektion und ohne finanzielle Mittel in einem Teufelskreis drehte. Am 16. Juni 1748 bewarb er sich um die Bibliothekarsstelle auf Schloss Nöthnitz bei Bannewitz. Der Name Heinrich Graf von Bünau - Besitzer einer mehr als 40.000 Bände umfassenden Universalbibliothek und Verfasser der Teutschen Kayser- und Reichs-Historie - war Winckelmann bereits geläufig. Auch er wünschte nichts sehnlicher, als der Wissenschaft zu dienen. Bereits nach wenigen Wochen erhielt er die Zusage des Grafen - der Teufelskreis schien durchbrochen! Voller Erwartung traf Winckelmann am 8. September 1748 auf dem landschaftlich reizvoll gelegenen Renaissanceschloss Nöthnitz ein. Als zweiter Gehilfe arbeitete er zunächst an Bünaus Reichs-Historie. Anleitung gab der Bibliothekar Johann Michael Francke, der selbst an dem neuartig strukturierten Catalogus Bibliothecae Bunavianae arbeitete. So erwarb Winckelmann wichtige Fertigkeiten im Umgang mit historischen Quellen und Dokumenten.

Rom, Tempel des Saturn
Rom, Tempel des Saturn

Bald galt er als sachkundiger Gesprächspartner und führte zahlreiche Gäste durch die Salons der Bibliothek. Sein Traum war ein Studienaufenthalt in der Ewigen Stadt Rom. Dieser Traum wurde genährt durch den in Dresden akkreditierten päpstlichen Botschafter Archinto. Der Nuntius stellte Winckelmann eine Stelle an der Vatikanischen Bibliothek in Aussicht - unter einer Bedingung: die Konversion zum katholischen Glauben.

Zweifel an der Richtigkeit seines Vorhabens ließen Winckelmann den Glaubenswechsel zwei Jahre lang aufschieben. Schließlich wurde am 11. Juni 1754 der „kühnste Schritt", den er je in seinem Leben getan hatte, vollzogen. Und Archinto hatte vor seiner Rückbeorderung nach Rom erfolgreich einen Protestanten bekehrt. Für seinen Studienaufenthalt in der Ewigen Stadt gewährte der Dresdner Hof ein jährliches Stipendium Stipendium von 200 Talern.

Um die Wartezeit bis zur Abreise nach Rom zu überbrücken, zog Winckelmann nach Dresden um. Sein Logis war im Rietschelschen Haus in der Großen Frauengasse (heutige Frauenstraße) am Neumarkt, vier Treppen hoch bei dem Maler Oeser. Im Frühjahr 1755 wechselte er mit dessen Familie auf die rechtselbische Seite. Als Pensionär des gleichaltrigen Malers bezog er eine Stube in der heutigen Königstraße 10. Im gleichen Jahr erschien seine epochale Erstschrift Gedanken über die Nachahmung der Griechischen Werke in der Malerey und Bildhauerkunst. Drei antike Gewandstatuen - die drei Herkulanerinnen - wurden zum Schlüsselerlebnis für seine Formel von „edler Einfalt und stiller Größe". Gleichzeitig war Winckelmann war der Erste, der Raffaels Sixtinische Madonna beschrieb.

Golf von Neapel
Golf von Neapel

Ende September 1755 stand Reise nach Rom stand bevor. Am 18. November trat Winckelmann durch die Porta del Popolo in die Ewige Stadt. Mit Hilfe des elf Jahre jüngeren Malers Anton Raphael Mengs kam er zunächst im benachbarten Palazzo Zuccari, einem der größten Künstlerhäuser des Fremdenviertels (heute Bibliotheca Hertziana, Via Gregoriana, 28) unter. Nicht Gemälde, sondern Antiken standen nun im Mittelpunkt des Interesses. Winckelmanns Manuskripte verdeutlichen, wie viel ihm das Studium historischer Quellen, das Prüfen der Antiken auf originale und ergänzte Teile sowie die Beurteilung von deren künstlerischer Qualität bedeutete. Sein Ziel war, seine These vom griechischen Ursprung der Kunstwerke zu beweisen. Er konnte aber keinen Schlusspunkt setzen, ohne die Ausgrabungsstätten am Vesuv gesehen zu haben. Nach seiner zweiten Reise an den Golf von Neapel entstand das Sendschreiben von den Herculanischen Entdeckungen (1762).

Um Winckelmanns Ermordung am 8. Juni 1768 in Triest ranken sich zahlreiche Legenden. Geblieben ist sein wissenschaftliches Vermächtnis: die Grundlagen der klassischen Archäologie und der neueren Kunstwissenschaft. Die Verbindung von literarischen Quellen und aktuellem Kontext machte Winckelmann zum Wegbereiter der „Weimarer Klassik“. Sowohl die Werke jener Epoche (etwa 1772 bis 1805) als auch Goethes Italienische Reise (1817) wurden inspiriert durch seine Schriften und Briefe.

Winckelmanns Beispiel beweist, dass ein Vorhaben nur mit Enthusiasmus zum Erfolg geführt werden kann. Die beiden Federn, die er zu führen verstand - die kämpferische Vitalität und die poetische Bildlichkeit seiner Sprache - sind noch immer das offene Geheimnis wirkungsvoller Polemik!

Statue Johann Joachim Winckelmanns

Bildquellen:

( 1 ) Angelika Kauffmann, Winckelmann als Antiquar (1764), gemeinfrei

( 2 ) Geschichte der Kunst des Altertums (1764), gemeinfrei

( 3 ) Twardon, Schloss Nöthnitz (vor 1855), nach Tuschezeichnung von Friedrich A. Frenzel.
Foto: Sammlung der Familie von Finck

( 4 ) Forum Romanum Rom, Tempel des Saturn. Foto: Klaus-W. Haupt (2004)

( 5 ) Golf von Neapel. Foto: Klaus-W. Haupt (2012)

( 6 ) Ludwig Wilhelm Wichmann, Statue Johann Joachim Winckelmanns (1844-1848),
Friedrichswerdersche Kirche Berlin. Foto: Klaus-W. Haupt (2012)

 

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