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N wie Ninive
Erzählungen

In metaphorisch einprägsamen Stil  werden verschiedene Schicksale erzählt, die ihren Haupthelden alles abverlangen, sie an ihre Grenzen bringen. Bei der Frage nach der Schuld, nach Gerechtigkeit und Gott verstricken sich Zukunft und Vergangenheit. 

"Er hat einen eigenen Ton, ein bisschen mecklenburgisch erdenschwer, aber dann auch wieder sehr poetisch"

Frankfurter Allgemeine 07.10.2014 Nr. 232 S. 10 

Wider die Trägheit des Herzens - Jakob Wassermann

Wider die Trägheit des Herzens - Jakob Wassermann

Christoph Werner

Translation by Christoph Werner (Weimar, Thuringia) and Michael Leonard (Petaluma, California)

Flagge USA

Jakob Wassermann, meine Leserinnen und Leser, war in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts einer der bekanntesten Schriftsteller in Deutschland, noch vor solchen berühmten Namen wie Thomas und Heinrich Mann. Wer war dieser Autor, der lange Jahre weitgehend vergessen war und erst in jüngerer Zeit wieder stärker beachtet wird?

Jakob Wassermann wurde 1873 in Fürth als Sohn eines jüdischen Kurzwarenhändlers geboren. Eine kaufmännische Lehre führte er nicht zu Ende. Schließlich wurde er freier Schriftsteller in München, arbeitete für den Simplicissimus und schloss Bekanntschaft u. a. mit mit Thomas Mann, Rilke und Hofmannsthal.

Seinen ersten literarischen Erfolg hatte Wassermann mit seinem Roman „Die Juden von Zirndorf" (1897), der die Sehnsucht der Juden nach dem Messias beschreibt. Weithin bekannt wurde er mit „Caspar Hauser oder Wider die Trägheit des Herzens" (1907). In diesem Roman, dessen Fabel die Geschichte des mysteriösen Findlings Kaspar Hauser zugrunde liegt, setzt er sich mit der Unfähigkeit oder dem Unwillen seiner Zeitgenossen auseinander, etwas anderes als das Gewohnte, das Bürgerliche, zu akzeptieren.
In dem Roman „Der Fall Maurizius" (1928) geht es mit den Mitteln der Detektivgeschichte um das schwierige Verhältnis von Recht und Gerechtigkeit. Wassermanns Autobiographie erschien im Jahre 1921 unter dem Titel „Mein Weg als Deutscher und Jude."

Ich bin, meine Leserinnen und Leser, dem Schriftsteller zum ersten Mal in der 1923 erschienenen Geschichte „Das Gold von Caxamalca" begegnet, deren letzten Satz ich mein Leben lang nicht vergessen habe:

... und mich erfüllte das Verlangen nach einem besseren Stern,
den die herrliche Sonne reiner durchglüht und edler beseelt hat.
Dieser, auf dem ich lebe, ist vielleicht von Gott verlassen."

Caspar-Hauser-Denkmal in Ansbach. Foto: Christoph Werner.
Caspar-Hauser-Denkmal in Ansbach. Foto: Christoph Werner.

In dieser wunderbaren Erzählung entwickelt der Autor abseits der historischen Wirklichkeit einen Gegenentwurf zur europäischen Gesellschaft des 16. wie auch seines, des 19. und 20. Jahrhunderts. Schon damals, 1957, als ich die Geschichte in der gerade im Verlag Neues Leben in Ostberlin erschienenen Sammlung „Deutsche Erzähler des 20. Jahrhunderts" las, verstand ich die Verzweiflung des Schriftstellers über die anscheinende Unveränderlichkeit menschlichen Tuns, die in den oben zitierten Sätzen zum Ausdruck kommt.

Sein Leben lang hat Jakob Wassermann an seiner wirklichen oder vermeintlichen Isolierung als Jude, die wohl auch teilweise in seinem Charakter zu suchen ist, gelitten, wie folgende Stelle aus seinem Essay „Das Los der Juden" belegt:

„Sich fremd unter Fremden im fremden Land zu fühlen, das hat der aufrichtige und seiner selbst gewisse Jude natürlich nie verlernt, denn mit Liebe ward ihm nichts gewährt. Einen Rechtstitel auf seinen Besitz konnte er, durfte er niemals überzeugend nachweisen. Um so inniger, heimlicher, verhaltener ist oft sein Verhältnis zu Land und Landschaft. Es hat Juden gegeben, die aus Scham über die Liebe in einem Wahnsinn des Herzens zu Leugnern und Verrätern wurden".
Wassermann war ein außergewöhnlicher Dichter mit hohem moralischem Anspruch, der in einer sowohl innigen wie auch hochgespannten Sprache zum Ausdruck gebracht wird.
Viele Bücher Wassermanns sind als Volltextversionen im Projekt Gutenberg online zu lesen,
wodurch man einen kostenlosen Einblick in seine Werke nehmen kann, bevor man sich mit größerer Lesefreude der Buchform zuwendet.
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Quellen:

Wassermann, Jakob. 1923. Das Gold von Caxamalca. In: Deutsche Erzähler des 20. Jahrhunderts. Hg. von Böttcher, Kurt, Krohn, Paul Günter unter Mitarbeit von Berger, Karl Heinz, Band 1, Verlag Neues Leben, Berlin 1957.

Wassermann, Jakob. 1924. Deutsche Charaktere und Begebenheiten. Erste und zweite Reihe. Gesammelt und herausgegeben von Jakob Wassermann. München u. a.: Rikola Verlag.

Hammer, Franz. 1984. Er schrieb gegen die Trägheit des Herzens. Vor fünfzig Jahren starb Jakob Wassermann. Artikel in „Neues Deutschland" vom Januar 1984.

http://www.jakob-wassermann.de/jw_ueber_ursula_homann.htm

http://gutenberg.spiegel.de/index.php?id=19&autorid=623&autor_vorname=+Jakob&autor_nachname=Wassermann&cHash=b31bbae2c6

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