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Roland Opitz
Kennst du Fjodor Dostojewski?

Das Leben Dostojewskis glich einer Achterbahnfahrt: stetig pendelnd zwischen Verehrung und Verachtung, zwischen Erfolg, Spielsucht und Geldnot. Mit 28 Jahren wurde er wegen revolutionärer Gedanken des Hochverrats angeklagt und zum Tode verurteilt, landet dann aber im sibirischen Arbeitslager.
Er gilt als Psychologe unter den Schriftstellern, derjenige der hinab schauen kann in die Abgründe der menschlichen Seele. Diese Biografie ist gespickt mit Auszügen aus seinen Meisterwerken sowie mit einigen seiner Briefe, die einen offenherzigen Menschen zeigen.

‘s ist Krieg!

‘s ist Krieg!

Matthias Claudius

Gedicht gegen das Blutvergießen

Drei Gedichte haben den Pfarrerssohn, Dichter und Journalisten Matthias Claudius (1740-1815) bis heute fortleben lassen: Der Mond ist aufgegangen", „Der Tod und das Mädchen" und das hier vorgestellte „'S ist Krieg". Es ist ein eindringliches Plädoyer für den Frieden und gegen den Krieg. Claudius schrieb es im Jahre 1778. Zu dieser Zeit wurde in Böhmen der sog. Bayerisch-österreichische Erbfolgekrieg ausgetragen. Claudius lebte damals in Wandsbeck (heute mit einem k geschrieben) bei Hamburg und war durch diesen Krieg nicht in Mitleidenschaft gezogen. Es war auch kein blutiger Krieg, sondern ein „Kampf ohne militärische Aktion". Von einigen wurde er als „Kartoffelkrieg" verspottet, weil das Hauptproblem der beteiligten Truppen in der Versorgung mit Lebensmitteln bestand.

Trotzdem hat Matthias Claudius ihn zum Anlass genommen, sein Anti-Kriegsgedicht zu schreiben. Das war mutig, denn Kriege galten damals als normale Form der Auseinandersetzung zwischen Staaten. Von keinem literarischen Zeitgenossen sind mir ähnliche Äußerungen bekannt. Der in sehr bescheidenen Verhältnissen lebende Claudius musste mit Repressionen der Mächtigen seiner Zeit rechnen.

Die Mächtigen haben den Krieg inszeniert, die Engel Gottes ihn nicht verhindert, Soldaten und unschuldige Zivilisten müssen die grausamen Folgen erleiden. Da schreibt aus der Ferne ein harmloser Dichter am häuslichen Tisch in seine Kladde, dass er nicht schuld daran sei. Das wirkt ein wenig grotesk, stößt aber umsomehr zum Nachdenken an. Vergleichbar wäre es gewesen, wenn nach dem Untergang der Titanic im Jahr 1912 ein Alpenbewohner an den englischen König geschrieben hätte, dass er die Verantwortung für diese maritime Katastrophe nicht zu übernehmen bereit sei. In beiden Fällen hatte man es versäumt, die Kleinen und tendenziell Betroffenen vorher zu befragen.

Matthias Cladius versichert, dass er, wenn er die Möglichkeit dazu hätte, keinen Krieg aufkommen lassen würde und stellt die Gründe für Kriege bloß: Machthunger, Geldgier und Eitelkeit. Er hätte dieses Gedicht auch heute schreiben können.

Florian Russi

'S ist Krieg 

     

‘s ist Krieg! ‘s ist Krieg!
O Gottes Engel wehre,
Und rede Du darein!
‘s ist leider Krieg -
und ich begehre
Nicht schuld daran zu sein!

Was sollt ich machen, wenn im Schlaf mit Grämen
Und blutig, bleich und blaß,
Die Geister der Erschlagenen zu mir kämen,
Und vor mir weinten, was?

Wenn wackre Männer, die sich Ehre suchten,
Verstümmelt und halb tot
Im Staub sich vor mir wälzten und mir fluchten
In ihrer Todesnot?

Wenn tausend tausend Väter, Mütter, Bräute,
So glücklich vor dem Krieg,
Nun alle elend, alle arme Leute,
Wehklagten über mich?

Wenn Hunger, böse Seuch und ihre Nöten
Freund, Freund und Feind ins Grab
Versammelten und mir zu Ehren krähten
Von einer Leich herab?

Was hülf mir Kron und Land und Gold und Ehre?
Die könnten mich nicht freun!
‘s ist leider Krieg - und ich begehre
Nicht schuld daran zu sein!

 

*****  

BildQuellen:
- Vorschaubild:  "Mural in Son Servera, close to Avinguada de puig de sa Bassa". Fotograf: Frank Vincentz (2009), Lizenz: CC-BY SA 3.0, via wikimedia commons
- Foto imText: Bundesarchiv, Bild 183-08778-0001, Fotograf: Hahn, CC-BY-SA, via wikimedia commons

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