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Kennst du Erich Kästner?

Astrid Koopmann/ Bernhard Meier

Kästner mal ganz privat! Er hat immer eine Menge spannender Geschichten auf Lager. Wenn du Glück hast, trägt er dir sogar ein paar seiner Verse vor - die sind richtig genial!

Wolltest du schon immer wissen, wie der Kinderbuchautor als Kind war, wie er zum Schreiben kam, wofür er sich einsetzte? Hier steht dir der vielseitige Autor persönlich Rede und Antwort.

 

Erich Kästner

Erich Kästner

Ulrike Unger

„Der Moralist pflegt seiner Epoche keinen Spiegel, sondern einen Zerrspiegel vorzuhalten. Die Karikatur, ein legitimes Kunstmittel, ist das Äußerste, was er vermag. Wenn auch das nichts hilft, dann hilft überhaupt nichts mehr."

(aus dem Roman „Fabian")

Für die, die Kästner (1899-1974) kennen, steht es sowieso fest: Er schrieb großartige Kinderbücher. Als „Emil und die Detektive" 1929 erstmals in den Regalen der Buchhandlungen stand, war die Begeisterung der Leser kaum zu bremsen. Kästners spannende Detektivgeschichte war das, was junge Menschen lesen wollten. Nicht nur mit Emil und seinen Freunden, sondern auch mit Pünktchen und Anton und den Schülern aus dem „fliegenden Klassenzimmer" identifizierte sich der Nachwuchs. Das sprach Jungen wie Mädchen an, traf ihr Lebensgefühl. Fern der Märchen tauchte jemand mit ihnen in ihre reale Welt. In diesen Romanen Kästners stehen Kinder im Zentrum: mutig, ungehorsam, selbstständig und gerecht. Ihr Spielplatz: Die Großstadt. Kästner entstaubte die Facetten kindlicher Abenteuerlust und löste den Typus des folgsamen Kindes aus der Literatur des 19. Jahrhunderts mit Bravour ab. Weil er sie in ihrer Persönlichkeit nicht herabsetzte, lehrte er sie bessere Menschen als die Erwachsenen zu werden. Er gab sich ihnen zu erkennen, trat ihnen ganz wahrhaftig und ohne Verstellung gegenüber.
Darüber hinaus war Kästner vor allem Moralist, Satiriker, Großstadtpoet. Seine literarischen Fähigkeiten erstreckten sich vom Genre der Lyrik über journalistische Zeitungsartikel, Kabarettstücke und andere parodistische Beiträge. Der Literaturwissenschaftler ordnet Kästners Gedichte der Gebrauchslyrik zu, seine Stimme der Neuen Sachlichkeit. Sein größter Wirkkreis liegt in der Zeit der Weimarer Republik. Doch auch später ist Kästner nie stumm geworden.
Er war gebürtiger Dresdner, der in Leipzig studierte, hier erste Zeitungsartikel und Kritiken fürs Theater verfasste und anschließend seine produktivsten Jahre in Berlin verbrachte. Zuletzt lebte er in München. In Berlin entstand 1931 sein wichtiger Roman „Fabian", den er im Original „Der Gang vor die Hunde" nannte. Mit dem „Fabian" entwarf Kästner einen ausdrucksstarken Großstadt- und Gesellschaftsroman über die 20er Jahre. Er ist eine kluge Erfassung des damaligen Zeitgeistes ohne Beschönigungen und Aussparungen. Die waren nicht Kästners Art. Überall spürt der skeptische arbeitslose Germanist Jakob Fabian den moralischen und politischen Verfall seiner Epoche. Er ist ein enttäuschter Protagonist, der leise auf das menschliche Erwachen hofft und schließlich doch zum Realisten wird. Das Werk wurde von den Nationalsozialisten wegen vermeintlich unsittlicher Passagen verboten und 1933, wie die Bücher vieler anderer Schriftsteller, verbrannt. Verzweifelt war Kästner vielleicht manchmal, aber nie resigniert. Er harrte bis kurz vor Kriegsende in Deutschland aus. Die Gründe für sein Bleiben stecken auch in einem seiner Verse:

Ich bin ein Deutscher aus Dresden in Sachsen.
Mich läßt die Heimat nicht fort.
Ich bin wie ein Baum, der - in Deutschland gewachsen -
wenn´s sein muß, in Deutschland verdorrt.

Da er bis auf kritiklose Unterhaltungsliteratur im Dritten Reich nichts mehr schreiben durfte, fand er bald einen Weg im Ausland zu veröffentlichen. Der Roman jedoch, den Kästner als Zeuge der NS-Herrschaft schreiben wollte, kam nie zustande. Nachdem 1944 seine Berliner Wohnung in Charlottenburg ausgebombt worden war, erwartete er die Kapitulation Deutschlands in der Schweiz. In München begann er neu, aber mit altbekannter Schärfe. Schwer machte es ihm die Nachkriegsmentalität, der Wunsch nach Tagesordnung, das Schweigen der Menschen über Auschwitz. Kästner setzte da an, wo er sich mitunter am wohlsten fühlte - beim Kabarett. „Die Schaubude" war die erste wiedereröffnete Kleinkunstbühne nach dem 2. Weltkrieg. Für diese textete Erich Kästner regelmäßig. Ab 1951 half er bei der Gründung des Kabaretts „Kleine Freiheit." Weiterhin leitete er das Feuilleton der „Neuen Zeitung". Auch als Herausgeber und Redakteur der Zeitschrift „Pinguin" war er erfolgreich. Das Jugendmagazin hatte es sich zur Aufgabe gemacht, der jungen Generation demokratische Werte zu vermitteln. 
Die humorvolle Entlarvung menschlicher Charakterzüge beherrschte Kästner vorzüglich. Da gab es keinen unliebsamen Zeigefinger. Seine Worte waren ehrlich und daher oft bitter. In seinen Gedichten stand er auf gegen deutschen Kriegswahn, militärischen Irrglaube (wie in einem seiner bekanntesten: „Kennst du das Land, wo die Kanonen blühn?") und Unmoral. Trotz dieser Missbilligungen hielt der Autor mit der spitzen Feder an seinem Optimismus fest. Wie einer seiner Gedichtbände „Gesang zwischen den Stühlen" titelt, ließ sich Erich Kästner als Individuum nie in Ideologien pressen. Er blieb erklärter Antifaschist, ein Mensch mit einem lachenden und einem wehmütigen Auge. Nicht umsonst verlieh man Erich Kästner 1957 den Georg-Büchner-Preis, den bedeutendsten Literaturpreis im deutschen Sprachraum.

 

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Quellen:

• Kennst du Erich Kästner?. Texte von Erich Kästner für junge Leser ausgewählt und vorgestellt von Astrid Koopmann und Bernhard Meier. Weimar: Bertuch-Verlag 2009.
• http://kaestnerimnetz.wordpress.com/
• http://www.dradio.de/dlf/sendungen/langenacht_alt/990219-stimmen.html

 Bildquelle:

 Bild an der "Kästner-Passage" in Dresden, bearbeitet von Andreas Werner