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Friedrich Alfred Krupp

Friedrich Alfred Krupp

Uta Plisch

Der Nachfolger

Friedrich Alfred Krupp und seine Verlobte Margarethe von Ende, 1882
Friedrich Alfred Krupp und seine Verlobte Margarethe von Ende, 1882

Friedrich Alfred Krupp (1854-1902) war der einzige Sohn von Alfred Krupp und seiner Frau Bertha geb. Eichhoff. Nach dem Tode seines Vaters am 14.7.1887 erbte er die Kruppsche Gussstahlfabrik, ein Weltunternehmen mit 20000 Angestellten und Arbeitern. Er hatte bereits seit 1872 in der Firma mitgearbeitet, wo er die Welt der Industrie und die politischen Führungseliten kennenlernte. Die kulturelle Welt erschloss sich ihm über seine Mutter Bertha. Über Freunde lernte er die Welt der Naturwissenschaften kennen und lieben.

Friedrich besaß nicht die Härte seines Vaters, er war sensibel und freundlich in seinem Wesen und schüchtern in seinem Auftreten. Zeit seines Lebens litt er unter Asthma, Gelenkrheumatismus und Depressionen, was einer der Gründe für seine Aufenthalte in den Wintermonaten auf Capri war.

Er wuchs auf in einer Welt des industriellen Großbürgertums und begriff sehr schnell, dass Firma und Familie eine Einheit bildeten, aber dass sich die Interessen der Familie immer denen der Firma unterzuordnen hatten. Er erlebte als Jugendlicher die Reichsgründung und ebenso die 1873 einsetzende erste Weltwirtschaftskrise, die die Firma Krupp fast vernichten sollte. Er wusste also, was ihn als Erbe erwartete: das Erbe verteidigen und vergrößern und die Person hintenan stellen. Politisch war er Wilhelmianer, er konnte auf das Kaiserreich vertrauen, es würde ihm Stabilität garantieren, und er würde alles dafür tun, dass dies so bliebe, indem er Verantwortung für seine Beschäftigten sowie für die Gesellschaft übernähme. Die Dankbarkeit des Staates wäre ihm gewiss sowie die Treue seiner Arbeiter.

1882 heiratete Friedrich Margarethe Freiin von Ende. Die beiden hatten zusammen zwei Töchter, Bertha und Barbara.

Siedlung Altenhof I
Siedlung Altenhof I

Alfred Krupp zweifelte an den Fähigkeiten seines Sohnes, sein Lebenswerk weiterzuführen. Doch trotz aller Zweifel, und obwohl der Vater inzwischen zu einer einschüchternden Person der Zeitgeschichte geworden war, wusste Friedrich immer, was man von ihm erwartete. Er war in unternehmerischer Hinsicht ein tüchtiger und weitsichtiger Nachfolger, erweiterte die Fabrik, ergänzte sie durch ein neues Hüttenwerk (Rheinhausen) und produzierte hauptsächlich Güter für die Rüstungsindustrie. Unter seiner Regie wuchs die Arbeiterzahl auf ca. 45.000 an.

Er engagierte sich auf sozialem Gebiet wie kein anderer seiner Zeit. Hierfür steht z.B. die Siedlung Altenhof in Essen-Rüttenscheid. Ehemalige Werksangehörige konnten in den schönen Häusern im Alter kostenlos wohnen. Außerdem gründete er für seine Arbeiter Spareinrichtungen und Sport- und Bildungsvereine.

Standbild Friedrich Alfred Krupp vor der Villa Hügel in Essen
Standbild Friedrich Alfred Krupp vor der Villa Hügel in Essen

Friedrich machte die Firma Krupp zu einem Großunternehmen, beispielhaft für die damalige Zeit in punkto Rohstoffgewinnung und Stahlverarbeitung. 1893 übernahm Krupp das Grusonwerk in Magdeburg und 1896 die Germaniawerft in Kiel, wo das erste deutsche U-Boot entstand. Auf metallurgischem Gebiet erzielte er durch intensive Forschung innovative Stahllegierungen. Friedrich selbst besuchte zu diesem Zweck einige Monate die Technische Hochschule in Braunschweig.

Anders als sein Vater, der in der Öffentlichkeit so gut wie nicht vorkam, stand Friedrich Alfred Krupp im Fokus der Presse und damit auch der Öffentlichkeit. Er engagierte sich politisch (Reichstagsmandat von 1893 bis 1898, stand den Freikonservativen nahe) und machte sich durch die hohen Gewinne aus der Rüstungsproduktion und durch sein Engagement für die kaiserliche Flottenpolitik angreifbar. Vor allem den Sozialdemokraten war er ein Dorn im Auge. Dies führte innerhalb kurzer Zeit zu einer menschlichen Katastrophe.

Die Zeiten hatten sich langsam, aber unaufhaltsam geändert: die Sozialdemokraten gewannen an Einfluss, die Arbeiterbewegungen wurden aggressiver und stärker, der Einfluss der Presse wuchs und mit ihm die öffentliche Meinung. Friedrich Alfred Krupp wurde das erste prominente Opfer der Klatschpresse und von bösartigen Gerüchten.
 

Die Via Krupp auf Capri
Die Via Krupp auf Capri

Friedrich hatte eine heimliche Liebe, und die hieß Capri. Und seine Leidenschaft waren die Naturwissenschaften. Beides ergänzte sich aufs Beste. In Capri konnte er sich endlich der Tiefseeforschung widmen. Aus preußischem Pflichtgefühl führte er die Geschäfte in Essen, aber richtig frei wurde er auf der Insel, die nicht nur seiner Seele, sondern auch seinem kranken Körper gut tat. Er litt an einem Syndrom nervöser Leiden, das man zu seiner Zeit „Neurasthenie" nannte. Menschen mit Geld erlaubte diese Krankheit, sich zeitweilig in Italien niederzulassen. 1898 reiste Krupp nach Neapel, berühmt wegen seines Heilklimas. Dort traf er auf den Meeresforscher Anton Dohrn und seine Stazione Zoologica, das erste Meeresforschungsinstitut der Welt am Golf von Neapel. Es entwickelte sich eine fruchtbare Zusammenarbeit zwischen den beiden. Dohrn bot Krupp die Möglichkeit, wissenschaftlich zu arbeiten, und Krupp betätigte sich als Mäzen. Er rüstete zwei Forschungsschiffe aus und erforschte die Tiefseefauna im Golf von Neapel. Friedrich entdeckte 27 neue Arten mariner Kleinlebewesen. Die Ergebnisse wurden wissenschaftlich publiziert.

Wenn er am Golf von Neapel weilte, und das war praktisch jedes Jahr in den Wintermonaten von 1899 bis 1902, lebte er in einem Hotel auf Capri. In diese Insel hatte er sich verliebt, hier kannte ihn jeder, denn er geizte nicht mit seinem Geld, das er großzügig verteilte. Er kaufte Ländereien, die er später den Menschen dort als Park zur Verfügung stellte, und er ließ eine Straße erbauen, die Via Krupp, ein steiler Serpentinenweg. Am Ende des Weges befand sich eine Höhle, die er hatte ausbauen lassen, um dort mit seinen Freunden „die Seele baumeln lassen zu können". Sie zogen sich weiße wallende Gewänder an und genossen ihr Beisammensein ohne äußere gesellschaftliche Zwänge. Plötzlich kamen Gerüchte auf, dass Krupp dort seinen homosexuellen Neigungen nachging. Ob daran etwas Wahres war oder ob es Verleumdungen eines Journalisten waren, man weiß es nicht. Seltsam war daran nur, dass keiner auf der Insel dies jemals bestätigt hatte, zu keiner Zeit.

Trauerzug für Friedrich Alfred Krupp mit Kaiser Wilhelm II. am 26. November 1902
Trauerzug für Friedrich Alfred Krupp mit Kaiser Wilhelm II. am 26. November 1902

Im Juni 1902 erfuhr Krupp von den Vorwürfen. Die italienische Zeitung „Propaganda" griff ihn im Oktober als Päderasten an, und der „Vorwärts", die Zeitung der Sozialdemokraten, griff die Nachricht am 15. November 1902 auf und berichtete angebliche Einzelheiten des Privatlebens von Friedrich Alfred Krupp auf Capri, wobei sie ihm homosexuelle Neigungen unterstellte. Eine Woche später, am 22. November, starb er in der Villa Hügel an einem Gehirnschlag. Viele vermuteten einen Selbstmord, aber Friedrich Krupp war ein schwerkranker Mann, dessen geschwächter Körper diese persönlichen Angriffe wohl nicht verkraftet hat.

Die Beisetzung fand unter großer Anteilnahme der Bevölkerung statt, auch Kaiser Wilhelm II. nahm daran teil.

Testamentarisch bestimmte Friedrich Alfred die Umwandlung der Firma in eine Aktiengesellschaft. Seine ältere Tochter Bertha erhielt das komplette Aktienpaket.

 

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- Vorschaubild: Friedrich Alfred Krupp, 1990. (PD) Quelle: Wikimedia Commons
- Friedrich Alfred Krupp und seine Verlobte und Margarethe von Ende, 1882 (Foto: Atelier Teich Hanfstaengel) © ThyssenKrupp AG
- Krupp-Siedlung Altenhof I, Essen, 2007. Urheber: Kungfuman, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons
- Standbild von Friedrich Alfred Krupp vor der Villa Hügel in Essen © Florian Russi (2013)
- die Via Krupp auf Capri (2005) Urheber: Jojo86, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons
- Trauerzug für Friedrich Alfred Krupp mit Kaiser Wilhelm II., 26. November 1902, © ThyssenKrupp AG