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Kennst du Heinrich von Kleist?

Arno Pielenz

"... mein Leben, das allerqualvollste, das ein Mensch je geführt hat." So schrieb Heinrich von Kleist an eine seinem Herzen nahe stehende Verwandte wenige Stunden, bevor er sich mit seiner Todesgefährtin am Wannsee erschoss.

Heinrich von Kleist

Heinrich von Kleist

Ulrike Unger

„Mein Alles hab´ ich an den Wurf gesetzt;
Der Würfel, der entscheidet, liegt, er liegt:
Begreifen muß ich´s - und daß ich verlor."

(Aus dem Trauerspiel »Penthesilea«)
Kleist war ein Wanderer. Zeitlebens rastlos in seinem Streben nach literarischer Anerkennung und seiner Suche nach emotionaler Stabilität. Überspannt mögen ihn einige genannt haben, neurotisch andere. Tatsache ist, dass sich mit Heinrich Kleist eine Persönlichkeit offenbart, die nicht erst für die Nachwelt charakterlich schwer zu fassen ist. Da trat einer in die Welt ohne diese jemals zu verstehen, ohne sein eigenes Wesen durchleuchten zu können. Das, muss man zugeben, ist schon sehr dem romantischen Menschentypus anverwandt, wenngleich Kleist weder Romantiker noch klassischer Autor war. Obwohl ihm Christa Wolf in „Kein Ort. Nirgends" ein literarisches Denkmal als romantischer Dichter setzte, war Kleist in seinem wahren Schaffen ein Ausnahmetalent. Stammelnden Wortes, komplex und unerwartet reißt er die Moderne ins frühe 19. Jahrhundert hinein. Kleist bedient sich zwar aus dem Stoffrepertoire der Klassik sowie der Romantik, wird aber nie deren Kind. Er schaffte eigene, völlig neue Reibeflächen in der Poesie: ohne die von seinen Zeitgenossen erwartete Formenstrenge und glatt geschliffene Sprache. Fast trotzig wirft er dem Leser das verstörende, klassischen Grundsätzen zuwider laufende Drama Penthesilea vor die Füße. Die Tragödie von der Amazonenkönigin, die in wilder Hassliebe ihren Achill mit den eigenen Zähnen zerfleischt. Sein Erstlingswerk Die Familie Schroffenstein: bizarr und düster. Das analytische Drama Der zerbrochene Krug steckt voller vielschichtiger Komik. Prinz Friedrich von Homburg wird oft als reifstes Kleist-Werk gesehen, ausdrucksstark entzieht es sich politischer Vereinnahmungen als Preußen-Stück. Neben journalistischen Arbeiten, die er schrieb, war Heinrich Kleist vor allem ehrgeiziger Dramatiker und großer Erzähler.
Wappen der Familie von Kleist
Wappen der Familie von Kleist
Als Sohn aus altem pommerschen Adelsgeschlecht wurde er am 18. Oktober 1777 in Frankfurt/Oder geboren. Seinen Militärdienst absolvierte er in Potsdam, brach diesen aber nach einer Weile ab, um an der Viadrina Mathematik, Physik und Kameralwissenschaft* zu studieren. Kleist reiste viel, zum Teil mit der Halbschwester Ulrike, zu der er ein sehr gutes Verhältnis hatte. Er sah Dresden, Paris, die Schweiz, dann Königsberg und Berlin. Mit dem Geschichtsphilosophen Adam Heinrich Müller gab er ab 1808 den Phöbus heraus, ein ambitioniertes Kunstjournal, das aber bald aus finanziellen Gründen wieder eingestellt werden musste. Die Anekdote, nach der Kleist dem gestandenen Dichterfürsten Goethe seine Texte zur Rezension anbot und prophezeite, dass er ihm „den Kranz von der Stirne reißen" wolle, gehört in diese Zeit. Das sehr selbstbewusste Werben des jungen Schriftstellers wies Goethe, zumindest nach außen, verständnislos zurück. Der wütende Kleist war Goethe seit diesem Ereignis feindlich gesinnt. Immer wieder wurde er vom Perfektionswahn heimgesucht - sein bereits vollendetes Robert Guiskard-Manuskript wurde dadurch Opfer der Flammen. Noch einmal versuchte er 1810 publizistisch Erfolg zu haben: mit den Berliner Abendblättern, die zunächst populär waren, dann aber wegen verschärfter Zensurbestimmungen an Interessenten verloren. In diesen veröffentlichte Kleist auch seine bemerkenswerte ästhetische Schrift Über das Marionettentheater.
 
Gerade in seinen Briefen an die Halbschwester Ulrike von Kleist und Wilhelmine von Zenge, mit der er eine Weile verlobt war, wird sein langes Ringen um Bestätigung deutlich. In ihnen spiegeln sich Kleists geistige Entwicklung, seine Krisen, seine Weltsicht. Häufig gab er sich Todessehnsüchten hin, das irdische Dasein war ihm eine Qual, alle Ebenen des Lebens fühlte er gegen sich gestellt. Illusionslos fasste er schließlich zusammen mit der vertrauten Freundin Henriette Vogel den Entschluss, Selbstmord zu begehen. Kleist hatte die Krebskranke durch Adam Müller kennengelernt. Am 21. November 1811 am Kleinen Wannsee in Berlin erschoss er zuerst sie und brachte sich danach mit einem Kopfschuss durch den Mund selbst um. Im Abschiedsbrief an Ulrike stehen die eindrücklichen Worte: „[...] Du hast an mir getan, ich sage nicht, was in Kräften einer Schwester, sondern in Kräften eines Menschen stand, um mich zu retten: die Wahrheit ist, daß mir auf Erden nicht zu helfen war. [...]"
 
Kleist, der Sonderling mit den extremen Wesenszügen, der von tiefer innerer Zerrissenheit begleitet wurde, ist aus der Kulturlandschaft der Gegenwart nicht mehr wegzudenken. Auf vielen Bühnen spielt man seine Stücke, ihre Brillanz ist längst in der Gesellschaft angekommen. Der Autor hinter den Werken aber, bleibt bis heute rätselhaft.
 
*Kameralwissenschaft: Wirtschafts- und Verwaltungslehre absolutistischer Staaten
 
Quellen:
 
• Heinrich von Kleist: Werke in 3 Bänden. Hrsg. von Rolf Toman. Köln: Könemann 1996. 
• http://de.wikipedia.org/wiki/Heinrich_von_Kleist
Bildquellen: 
Heinrich von Kleist, Reproduktion einer Illustration von Peter Friedel, die der Dichter 1801 für seine Verlobte Wilhelmine von Zenge anfertigen ließ, gemeinfrei

Wappen der Familie von Kleist, gemeinfrei 

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