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Mitgelaufen

Christoph Werner

Das Buch „Mitgelaufen“ ist nicht wie andere Bücher über das Leben in der DDR. Hier liegt nicht der Fokus auf Mangelwirtschaft, einer allmächtigen Partei und der Staatssicherheit. Der Autor ist auch kein Opfer des Regimes, dem schreckliches widerfahren ist. Er gehört zu der großen Masse derjenigen, die sich als Rädchen im Mechanismus der DDR-Diktatur gedreht haben. Christoph Werner bricht mit seinem Buch das Schweigen der Mitläufer. Er stellt sich seiner eigenen Vergangenheit und dem Wissen, dass er selbst durch seine Zurückhaltung oder auch lautstarke Zustimmung das alte System lange am Leben erhalten hat. Jahrzehnte nach dem Mauerfall eröffnet er damit vor allem der heranwachsenden Generation, welche die DDR nur noch vom Hörensagen kennt, einen ganz neuen Blickwinkel auf ihre Geschichte.

Ohne Anklage und ohne den Versuch der Rechtfertigung wagt er eine kritische Betrachtung aus dem eigenen Erleben und gewährt Einblicke in eine vergangene Zeit.
Möge der Leser nicht mit dem Zeigefinger auf ihn zeigen, sondern sich fragen, wie oft er heute selbst dem Mainstream folgt oder mutig zu sich selbst und seiner Meinung steht.

Hans der Schwärmer

Hans der Schwärmer

Detlev von Liliencron

In der folgenden Ballade beschreibt Detlev von Liliencron (1844-1909) das Problem von zwei jungen Menschen, die sich lieben aber nicht zusammenkommen, weil der junge Mann ein schüchterner Idealist ist, der die Romantik, die seine Geliebte mit ihm konkret erleben möchte, auf die Ebene von Gedichten überträgt, die er einem Zuhörerkreis vorliest. Bald hat er das Nachsehen.

Florian Russi

Hans Töffel liebt Schön Doris sehr,
Schön Doris Hans Töffel vielleicht noch mehr.
Doch seine Liebe, ich weiß nicht wie,
Ist zu scheu, zu schüchtern, zu viel Elegie.
Im Kreise liest er Gedichte vor,
Schön Doris steht unten am Gartentor:
Ach, käm er doch frisch zu mir hergesprungen,
Wie wollt ich ihn herzen, den guten Jungen.
   Hans Töffel liest oben Gedichte.

Am andern Abend, der blöde Tor,
Hans Töffel trägt wieder Gedichte vor.
Was Schön Doris wirklich sehr verdrießt,
Da er immer weiter und weiter liest.
Sie schleicht sich hinaus, er gewahrt es nicht;
Just sagt er von Heine ein herrlich Gedicht.
Schön Doris steht unten in Rosendüften
Und hätte so gern seinen Arm um die Hüften.
   Hans Töffel liest oben Gedichte.

Am andern Abend ist großes Fest.
Viel Menschen sind eng aneinander gepreßt.
Heut muß ers doch endlich sehn, der Poet,
Wenn Schön Doris sacht aus der Türe geht.
Der Junker Hans Jürgen, der merkt es gleich;
Die Linden duften, die Nacht ist so weich.
Und unten im stillen, dunklen Garten
Braucht heute Schön Doris nicht lange zu warten.
   Hans Töffel liest oben Gedichte.

 

****

Quelle:
Aus „Hurra das Leben" Deutsche Verlagsanstalt Stuttgart und Berlin 1924

Bild: Blumenplastik der saarländischen Künstlerin Rotraut Gies (1939 - 2007), fotografiert von von Rita Dadder

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