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Kennst du Antoine
de Saint-Exupéry?

Karlheinrich Biermann

Großer Beliebtheit erfreut sich noch heute die Geschichte vom kleinen Prinzen, jenem philosophischen Märchen, das von Liebe, Freundschaft und Tod handelt. Darin geht Saint Exupery der Frage nach dem Sinn des Lebens nach und blickt zurück auf sein eigenes: das Abenteuer einer Bruchlandung, das Überleben in der Wüste, die Sehnsucht nach der verlorenen Liebe … all das war dem Autor nur allzu vertraut.

Alternative Fakten

Alternative Fakten

Florian Russi

Der berühmte Mann, den alle „Boss“ nannten, lag krank darnieder. Um ihn herum war seine Familie versammelt. Da begann er aus seinem Leben zu erzählen:

„Ich war ein Wunderkind und kam am 4. Juli, dem Tag der amerikanischen Unabhängigkeit im Schloss Balmoral zur Welt“. „Dein Geburtstag war doch einen Monat früher und in Amerika gibt es doch gar keine Schlösser“, wandte da einer der Verwandten ein.

“Stelle meine Herkunft nicht in Frage“, schnauzte ihn darauf der Boss an. „Meine Vorfahren gehen auf Aeneas, den Prinzen von Troja und Gründer von Rom zurück. Er hatte eine Affäre mit Dido, der Königin von Carthago. Sie hat sich später aus Liebeskummer umgebracht. Der gemeinsame Sohn, Histrobal, wurde zu einem bedeutenden Heerführer und heiratete später Kalimache, eine Tochter Alexanders des Großen. Sie bekamen den Sohn Ajax, der zum Stammvater vieler europäischer Kaiser und Könige wurde. So kam es dazu, dass auch Karl der Große zu unseren Ahnen gehört. Mein Urgroßvater Gernot gefiel es nicht mehr in Europa. Deshalb flog er in die Vereinigten Staaten“.

„Das kann aber nicht sein“, erwiderte ein Enkel. „Damals gab es noch keine Flugzeuge“. Der vorlaute Enkel wurde sofort von seiner Mutter zurückgepfiffen. „Dein Opa lügt nicht. Was er sagt, ist immer die Wahrheit.“ „So ist es“, sagte der Boss und fuhr fort zu erzählen. „Mein Urgroßvater kam in Amerika an. Er hatte zwei Säcke mit Goldmünzen in seinem Gepäck, die ihm jedoch gestohlen wurden. So musste er verarmt ein neues Leben beginnen. Was er aber seinen Kindern weitergegeben hat, war ein starker Wille. Den habe auch ich geerbt. Aus kleinen Anfängen habe ich ein riesiges Unternehmen ausgebaut und bin Milliardär geworden. Tausende Mitarbeiter habe ich eingestellt und wieder gefeuert und ebenso vielen Handwerkern habe ich ihren Lohn nicht gezahlt. Alle aber sind mir dankbar und lieben mich. Ihre Zuneigung hat mich so erdrückt, dass ich nun hier liege. Doch ich bin gesund und werde bald aufstehen. Heute ist ja Sonntag, da will ich zum Golfen gehen.“

„Ist heute nicht Freitag?“ wandte eine der Anwesenden ein. „Ich habe diesen Tag geehrt“, erwiderte der Boss. „Wer mir nicht zustimmt, den werde ich enterben. Ich bin der Boss, ich allein bestimme“. Der Boss richtete sich auf und sein Kopf lief rot an. Er begann zu würgen. „Ruft den Arzt“, rief eine seiner Töchter, „schnell, bringt ihm seine Medizin“ eine andere. Einer der Enkel brachte Tabletten herbei, ein anderer ein Glas mit Wasser. Der Boss nahm beides zu sich. Dann bäumte er sich nochmals auf, röcheltete und sank auf sein Kissen.

Der herbeigerufene Arzt konnte nur noch den Tod feststellen. Dann schaute er auf das Döschen, aus dem die Tabletten entnommen worden waren. „Das ist ja Arsen“, rief er entsetzt. „Mir hat einer gesagt, das sei ein sehr wirksames Mittel und habe schon vielen geholfen“, antwortete der Enkel. „Gewirkt hat es ja“, ergänzte eine der Anwesenden und hielt sich gleich die Hand vor den Mund.

Fazit: - Wer auf Lügen baut, kann auch auf Lügen hereinfallen.

*****
Bildquelle: Todeskampf von Edvard Munch, 1915 Öl auf Leinwand 140,3 × 182,4 cm Statens Museum for Kunst, Kopenhagen, gemeinfrei via wikimedia

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