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Sesenheimer Liebeslyrik

Florian Russi

Während seines Studiums in Straßburg lernte Johann Wolfgang von Goethe die Sesenheimer Pfarrerstochter Friederike Brion kennen. Die beiden verliebten sich ineinander und Goethe wurde durch Friederike zu wundervollen Gedichten angeregt.

Einige von ihnen (Heideröslein, Mailied, Willkommen und Abschied u. a.) zählen zu seinen besten und beliebtesten überhaupt. In diesem Heft sind sie vorgestellt und mit Bildern und Erläuterungen angereichert.

Das Kätzchen

Das Kätzchen

Florian Russi

Eines Tages wurden im Hafen von Dubai zwei prächtige Dhows mit großen Kisten und Fässern beladen, um über den indischen Ozean in das ferne Land Jemen zu fahren. Man hatte die besten Datteln und Feigen, sowie schmackhaftes Pökelfleisch, geladen und wollte es gegen feine Stoffe, Salz und Gewürze eintauschen. Während die beiden Schiffe noch beladen wurden, fiel dem Kapitän der ersten Dhow auf, dass der Schiffsjunge etwas unter seinem Hemd versteckt hielt.

»Was hast du denn da?«, fragte er misstrauisch.

»Oh, nur ein Kätzchen!«, antwortete der Junge erschrocken. »Bitte lass es mich mitnehmen! Es gibt niemanden außer mir, der sich um das Tier kümmert und an Bord wird es keinen stören.«

»Weg mit dem unnützen Vieh, wir haben schon genug Mäuler zu stopfen!«, schimpfte der Kapitän. »Und außerdem rennt es einem nur zwischen den Füßen umher, also los, raus damit!«

Der Junge begann bitterlich zu weinen, doch es nutzte ihm nichts. Der Kapitän bestand darauf, dass er die Katze wieder an Land brachte.

Der Kapitän der zweiten Dhow hatte alles beobachtet und als er sah, dass der Junge die Katze traurig am Ufer aussetzen wollte, rief er: »Komm, Kleiner, bring das Tier zu mir, ich werde mich auf meinem Schiff um dein Kätzchen kümmern.« Glücklich vertraute der Junge dem zweiten Kapitän sein Kätzchen an und ging zurück auf die erste Dhow, wo er als Schiffsjunge arbeitete.

Bald darauf legten die beiden Dhows in Richtung Jemen ab. Die Fahrt dauerte viele Tage und Nächte. Immer wieder mussten die beiden Dhows unterwegs Häfen ansteuern, um frisches Wasser nachzuladen. Als sie schließlich den Jemen erreichten, erlebten die Bootsleute eine große Überraschung: Auf der ersten Dhow war nichts mehr zu finden, was man hätte verkaufen oder tauschen können. Keine einzige Dattel, Feige oder auch nur ein Stückchen Pökelfleisch war zu finden, nur durchnagte Fässer und Kisten. Ratten hatten sich heimlich auf’s Schiff geschlichen und alles, was es geladen hatte, aufgefressen. Da war das Jammern und Klagen natürlich groß.

Auch in das zweite Schiff waren die Ratten eingedrungen. Doch das Kätzchen war ein flinker Jäger und hatte sie alle verjagt oder gefangen. Die Freude war groß, konnte man doch alles gut verkaufen und mit kostbaren Waren aus dem Jemen zurückkehren. Das Kätzchen bekam an diesem Tag ein Extra-Schälchen Milch.

Wenn du einem Tier Liebe schenkst, bekommst du viel zurück.


*****

Textquelle:

Russi, Florian: Entnommen aus: Fabula Madrasa, Halle: mdv, 2020, S.8-10.


Bildquelle:

Meer, 2017, Urheber: lukasbieri via Pixabay CCO; Skyline von Dubai, 2017, Urheber: GDJ via Pixabay CCO; Kätzchen, 2012, Urheber: Clker-Free-Vector-Images via Pixabay CCO; neu bearbeitet von Carolin Eberhardt.

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