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Sommerschnee

Berndt Seite

Hardcover, 124 S., 2020 erscheint demnächst; Bereits vorbestellbar

ISBN: 978-3-86397-134-2
Preis: 15,00 €

Sommerschnee – das sind die luftig-bauschigen Samenfasern der Pappelfrüchte, die sich im Sommer öffnen und die Welt mit ihrem weißen Flaum überziehen: Schnee in der wärmsten Jahreszeit. Mal melancholisch, mal mandelbitter, aber stets in größter Genauigkeit geht Berndt Seite auch in seinem neuen Lyrikband den Erscheinungsformen der Natur nach und lotet in ihnen die Bedingungen des Lebens aus.

Rübezahl

Rübezahl

Die ältesten Zeugnisse zur Gestalt des Rübezahls werden bereits auf die zweite Hälfte des 16. Jahrhunderts datiert und die Geschichte selbst wurde von einer Vielzahl von Autoren, darunter Johannes Praetorius, veröffentlicht. Allerdings erlangte die Sage des Berggeistes erst mit der Publikation Volksmärchen der Deutschen von Johann Karl August Musäus überregionale Bekanntheit. In dem Kapitel Legenden von Rübezahl wird er als "Herr der Gnomen" und "Berggeist" weniger dämonisch und grobianisch dargestellt als bei Praetorius. Die Herkunft des Namens "Rübezahl" ist nicht eindeutig geklärt. Allerdings kann die folgende Geschichte einen Teil dazu beitragen, die Namensherkunft zu klären. In allen Geschichten über den Herr der Berge wird dieser als launischer Riese oder Berggeist dargestellt. Laut Praetorius ist Rübezahl ein charakterlich sehr ambivalenter „Widerspruchsgeist“, in einem Moment gerecht und hilfsbereit, im nächsten schon arglistig und launenhaft. Musäus charakterisierte ihn als „geartet wie ein Kraftgenie, launisch, ungestüm, sonderbar; bengelhaft, roh, unbescheiden; stolz, eitel, wankelmüthig, heute der wärmste Freund, morgen fremd und kalt; zuzeiten guthmüthig, edel, und empfindsam; aber mit sich selbst in stetem Widerspruch; albern und weise, oft weich und hart in zween Augenblicken, wie ein Ei, das in siedend Wasser fällt; schalkhaft und bieder, störrisch und beugsam; nach der Stimmung, wie ihn Humor und innrer Drang beim ersten Anblick jedes Ding ergreifen läßt." (Musäus, Volksmärchen der Deutsche, Zweiter Theil: Legenden vom Rübezahl, 1783)

Carolin Eberhardt

Wie Rübezahl zu seinem Namen kam

Der gestiefelte Katerinst wagte der Berggeist Rübezahl, trotz schlechter Erfahrungen im Umgang mit den Menschen, die Rückkehr auf das überirdische Land. Dabei schlich er sich unsichtbar in das Tal herab und lauschte zwischen Busch und Hecken. Plötzlich entdeckte er ein wunderschönes Mädchen, lieblich anzuschauen, gleich der Venus, welche umringt von ihren Gespielinnen am Fuße eines Wasserfalls badete und mit diesen in unschuldiger Fröhlichkeit scherzte. Der Berggeist wollte das Bild der Schönen noch lange behalten und so gestaltete er sich in einen blühenden Jüngling. Alsbald erwachten Gefühle in seiner Brust, welche er seit seiner Existenz noch nie gespürt hatte. Die schöne Nymphe, welche die Tochter des schlesischen Königs war, der in der Gegend des Riesengebirges damals herrschte, hatte den Berggeist mit ihrer Anmut verzaubert, so dass dieser wie gebannt an gleicher Stelle stehen blieb. Bevor die Königstochter erneut an den Wasserfall wiederkehrte, gestaltete der Gnome die zuvor rohen Felsen mit Marmor und Alabaster und bändigte den Wasserfall in gemäßigten, friedvollen Bahnen. Auch ließ er am Rande das romantische Vergissmeinnicht wachsen, ebenso Rosenhecken mit wilden Jasmin und Silberblüten. Die Prinzessin war begeistert von dem neuen Anblick und stand lange in stummer Bewunderung da. Doch schon bald darauf konnte sie den Versuchungen nicht widerstehen, begann alles genauer zu beschauen und von den herrlichen Früchten zu kosten, bevor es sie lüstete, in dem schönen Becken zu baden. Doch sobald sie über den glatten Rand des Marmorbeckens gestiegen war, sank sie in eine endlose Tiefe, obgleich der augenscheinliche Grund des Beckens keine Gefahr vermuten ließ. Schneller als die herzueilenden Jungfrauen das goldgelbe Haar der blonden Gebieterin erfassen konnten, hatte sie schon die gefräßige Flut verschlungen. Die Dirnen der Prinzessin eilten daraufhin zum Vater König, um ihm von der Tragödie zu berichten. Dieser, bestürzt über seinen Verlust, riss sich die Krone vom Kopfe und trauerte. Doch schon bald darauf überkam ihn die Wut und er wollte sich den Ort des Verschwindens ansehen. Als sie an den Wasserfall kamen, stand da die rohe Natur in ihrer vorigen Wildheit, da war kein Marmorbad, kein Rosengehege, keine Jasminlaube. Vermutet wurde bei der wilden Geschichte der Dirnen der Einfluss von Wodan oder Thor oder sonst einer der Götter.

Unterdessen ging es der liebreizenden Emma in den Fängen ihres geisterhaften Verehrers alles andere als schlecht. Nachdem sie in den Fluten versunken war, wurde sie von Meister Schwimmart durch einen unterirdischen Gang in einen prächtigen Palast geführt, welcher weit prunkvoller war als das väterliche Schloss. Als die Prinzessin ihr volles Bewusstsein wieder erlangt hatte, fand sie sich wieder auf einem gemächlichen Sofa, angetan mit einem Gewand von rosenfarbenem Satin und einem jungfräulichen Gürtel von himmelblauer Seide, der aus der Garderobe der Liebesgöttin entwendet zu sein schien. Ein junger, gut gewachsener Mann, welcher ihr zu Füßen lag, gestand ihr seine tiefgründige Liebe. Unter Erröten nahm sie sein Geständnis an. Der entzückte Berggeist unterrichtete sie daraufhin von seinem Stand und seiner Herkunft, von dem Ausmaß seines unterirdischen Reiches und führte sie durch die Zimmer und Säle des Schlosses und zeigte ihr alle Pracht und allen Reichtum desselben. Ein herrlicher Garten umgab das Schloss von drei Seiten, welcher das Fräulein mit seiner Blumenstücken und Rasenplätzen sehr entzückte. Alle Obstbäume trugen purpurrote goldgesprengte oder zur Hälfte übergüldete Äpfel, dergleichen es bis heut nirgendwo Vergleichbares gäbe. Das Gebüsch war mit Singvögeln ausgefüllt, die ihre hundertstimmigen Symphonien hervortönten. Oft wandelte das Paar unter den traulichen Bogengängen und besah zuzeiten gemeinsam den Mond. Der Gnome hing mit seinem Blick an Emmas Lippen, sein Ohr trank gierig die sanften Töne aus ihrem melodischen Munde; Jedes Wort erschien ihm wie sanfter Honig. Noch nie zuvor in seinem jahrhundertelangen Leben hat er dergleichen selige Stunden erlebt, welche ihm nun die erste Liebe bescherte.

Doch in Emmas Herzen stiegen nach einiger Zeit geheime Wünsche auf, wurden stärker und gingen mit einer Schwermut und Sehnsucht einher. Rübezahl bemerkte diesen Zustand und versuchte mit tausend Liebkosungen diese Wolken zu zerstreuen und die Schöne aufzuheitern, doch vergebens. Im Bewusstsein, dass es der Prinzessin an weiterer Gesellschaft mangelte, ging er hinaus in das Feld, zog auf einem Acker ein Dutzend Rüben aus, legte sie in einen zierlich geflochtenen Deckelkorb und brachte diesen der schönen Emma, die einsam und traurig in der beschatteten Laube eine Rose entblätterte. »Schönste aller Erdentöchter«, redete er sie an, »verbanne allen Trübsinn aus deiner Seele und öffne dein Herz der geselligen Freude; du sollst nicht mehr die Einsamtrauernde in meiner Wohnung sein. In diesem Korbe ist alles, was du bedarfst, diesen Aufenthalt dir angenehm zu machen. Nimm den kleinen buntgeschälten Stab und gib durch die Berührung mit demselben den Erdgewächsen im Korbe die Gestalten, welche dir gefallen.«

Hierauf verließ er die Prinzessin, welche einen Augenblick weilte, bevor sie mit dem Zauberstabe nach Anweisung verfuhr. »Brinhild«, rief sie, »liebe Brinhild, erscheine!« Und Brinhild lag zu ihren Füßen, umfasste die Knie ihrer Gebieterin und bentzte ihren Schoß mit Freudentränen, liebkoste sie freundlich, wie sie es sonst zu tun pflegte. Die Täuschung war so vollkommen, dass Fräulein Emma nicht auszumachen vermag, ob sie die echte Brunhild herbeigezaubert hatte oder diese nur ein Blendwerk war. Sie genoss deren Gesellschaft in vollen Zügen, wandelte mit ihr durch den Garten, pflückte ihr goldgelbe Äpfel von den Bäumen und zeigte ihr den gesamten Palast.

Der Gnome war über Emmas Freude entzückt. Die schöne Emma dünkte ihm jetzt schöner, freundlicher und heiterer zu sein als jemals. Sie unterließ auch nicht, den gesamten Rübenvorrat mit dem Zauberstabe zu beleben und gab ihnen die Gestalt der übrigen Jungfrauen ihres Gefolges. Jeder der Dirnen wurde, wie in ihrem Hofstaat üblich, durch die Dame ein Geschäft zugeteilt. Noch nie wurde eine Herrschaft besser bedient: Die Gefolgschaft kam Emmas Wünschen zuvor, gehorchte auf einen Wink und vollstreckte ihre Befehle ohne den mindesten Widerspruch. Einige Wochen lang genoss die Prinzessin die Wonne des gesellschaftlichen Vergnügens, doch nach einiger Zeit merkte das Fräulein, dass die frische Gesichtsfarbe ihrer Gesellschafterinnen etwas verblasste. Der Spiegel im Marmorsaal ließ sie zuerst bemerken, dass sie allein wie eine Rose aus der Knospe frisch hervorblüte, da die geliebte Brunhild und die übrigen Jungfrauen welkenden Blumen glichen. Obwohl die Gespielinnen Emma versicherten, dass es ihnen wohl erginge, schwanden ihr Leben und ihre Tätigkeit von Tage zu Tage mehr dahin und alles Jugendfeuer erlosch.

Als die Prinzessin eines heiteren Morgens, durch gesunden Schlaf gestärkt, fröhlich ins Gesellschaftszimmer trat, wie schauderte sie zurück, da ihr ein Haufen eingeschrumpfter Matronen an Stäben und Krücken entgegenzitterte. Bestürzt rannte die Prinzessin aus dem Zimmer, um der grauenvollen Gesellschaft zu entfliehen, trat heraus und rief laut nach dem Gnomen, welcher alsbald in demütiger Stellung auf ihr Geheiß erschien. »Boshafter Geist!«, redete sie in zornmütig an. »Warum mißgönnst du mir die einzige Freude meines harmvollen Lebens, die Schattengesellschaft meiner ehemaligen Gespielinnen? Ist diese Einöde nicht genug, mich zu quälen, willst du sie noch in ein Spital verwandeln? Augenblicklich gib meinen Dirnen Jugend und Wohlgestalt wieder oder Hass und Verachtung soll deinen Frevel rächen.« »Schönste der Erdentöchter«, entgegnete der Gnome, »zürne nicht über die Gebühr, alles was in meiner Gewalt ist, steht in deiner Hand; aber das Unmögliche fordere nicht von mir. Die Kräfte der Natur gehorchen mir, doch vermag ich nichts gegen ihre unwandelbaren Gesetze. So lange wachsende Kraft in den Rüben war, konnte der magische Stab ihr Pflanzenleben nach deinem Gefallen verwandeln; aber ihre Säfte sind nun vertrocknet und ihr Wesen neigt sich nach der Zerstörung hin; denn der belebende Elementargeist ist verraucht. Jedoch das soll dich nicht kümmern, Geliebte, ein frischgefüllter Deckelkorb kann den Schaden leicht ersetzen. Du wirst daraus alle die Gestalten wieder hervorrufen, die du begehrst. Gib jetzt der Mutter Natur ihr Geschenke zurück, die dich so angenehm unterhalten haben, auf dem großen Rasenplatze im Garten wirst du bessere Gesellschaft finden.« Der Gnome entfernte sich darauf und Fräulein Emma nahm ihren buntgeschälten Stab zur Hand, berührte damit die gerunzelten Weiber und tat damit, was Kinde, die eines Spielzeugs müde sind, zu tun pflegen: Sie warf den Plunder in Kehricht und dachte nicht mehr daran.

Leichtfüßig hüpfte sie nun über die grünen Matten dahin, den frischgefüllten Deckelkorb in Empfang zu nehmen, den sie gleichwohl nirgends fand. Sie ging den Garten auf und nieder, aber es wollte kein Korb zum Vorschein kommen. Am Traubengeländer kam ihr der Gnome entgegen mit sichtbarer Verlegenheit, dass sie sie Bestürzung schon von ferne wahrnahm. »Du hast mich getäuscht, sprach sie, »wo ist der Deckelkorb geblieben? Ich such ihn schon seit einer Stunde vergebens.« »Holde Gebieterin meines Herzens« , antwortete der Geist, »wirst du mir meinen Unbedacht verzeihen? Ich versprach mehr als ich geben konnte, ich habe Land durchzogen, Rüben aufzusuchen; aber sie sind längst geerntet und welken in dumpfigen Kellern. Die Fluren trauern, unten im Tale ists Winter, nur deine Gegenwart hat den Frühling an diesen Felsen gefesselt, und unter deinem Fußtritt sprossen Blumen hervor. Harre nur drei Mondenwechsel in Geduld aus, dann soll dirs nie an Gelegenheit gebrechen, mit deinen Puppen zu spielen.« Ehe noch der beredsame Gnome mit dieser Rede zu Ende war, drehte ihm seine Schöne unwillig den Rücken zu und begab sich in ihr Zimmer, ohne ihn einer Antwort zu würdigen. Er aber machte sich von dannen zur nächsten Marktstadt innerhalb seines Gebietes, kaufte, als ein Pächter gestaltet, einen Esel, den er mit schweren Säcken Samen belud, womit er einen ganzen Morgen das Land besäte. Dabei bestellte er einen seiner dienenden Geister zum Hüter, dem er aufgab, ein unterirdisches Feuer anzuschüren, um die Saat von unten herauf mit linder Wärme zu versorgen.

Die Rübensaat schoss lustig auf und versprach in kurzer Zeit eine reiche Ernte. Fräulein Emma ging täglich hinaus auf ihr Ackerfeld, welches zu sehen sie mehr gelüstete als die goldenen Äpfel des Gartens. Aber Missmut trübte ihre kornblumenfarbenen Augen; sie weilte am liebsten in einem düsteren Tannenwäldchen, am Rande eines Quellbaches, der sein silberhelles Gewässer ins Tal rauschen ließ und warf Blumen hinein. Der Gnome sah wohl, dass auch durch tausend kleine Gefälligkeiten von Emma keine Liebe abzugewinnen war. Dennoch ermüdete seine hartnäckige Geduld nicht. Doch des Prinzessins Widerspenstigkeit rührte von dem Gnome unbekannter Ursache. War sie doch bereits vor ihrem Verschwinden dem jungen Grenznachbarn, dem Fürst Ratibor, versprochen und hatte dieser doch auch hier Herz schon entfacht. Nach mancher durchwachten Nacht spann sie endlich einen Plan aus, der des Versuchs würdig schien, um sich aus ihrem Gefängnis zu befreien.

Als nun der Lenz in die gebirgischen Täler zurückkehrte, ließ der Gnome das unterirdische Feuer in seinem Treibhaus erlöschen und die Rüben, die durch die Einflüsse des Winters in ihrem Wachstum nicht waren gehindert worden, gediehen zur Reife. Die schlaue Emma zog täglich einige davon heraus und machte damit Versuche, ihnen allerlei beliebige Gestalten zu geben, dem Anschein nach sich damit zu belustigen; aber ihre Absicht ging weiter. Eines Tages ließ sie eine kleine Rübe zur Biene werden, um sie als Botin zu ihrem Geliebten zu schicken: »Flieg, liebes Bienchen, zum Ausgang« , sprach sie, »zu Ratibor, dem Fürsten des Landes und summe ihm sanft ins Ohr, dass Emma noch für ihn lebt; aber eine Sklavin ist des Fürsten der Gnomen, der das Gebirge bewohnt. Verlier kein Wort von diesem Gruße und mir Botschaft von seiner Liebe.« Die Biene flog alsbald von dem Finger ihrer Gebieterin, wohin sie beordert war; aber kaum hatte sie ihren Flug begonnen, so stach eine gierige Schwalbe auf sie herab und verschlang diese, zum großen Leidwesen des Fräuleins. Daraufhin formte sie mit Hilfe des Wunderstabes eine Grille und gab ihr selbigen Auftrag: »Hüpfe, kleine Grille, über das Gebirge, zu Ratibor, dem Fürsten des Landes, und zirpe ihm ins Ohr, dass die getreue Emma begehrt, von seinem starken Arm aus der Gefangenschaft errettet zu werden.« Die Grille flog und hüpfte so schnell sie konnte, um auszurichten, was ihr befohlen wurde. Aber ein langbeiniger Storch kreuzte ihren Weg am Berge, erfasste die Grille mit seinem langen Schnabel und fraß sie auf.
Doch die misslungenen Versuche schreckten Emma nicht davor, weitere zu unternehmen. Die Dritte Rübe nun bekam durch sie die Gestalt einer Elster. Das Fräulein sprach zu dieser: »Schwanke hin, beredsamer Vogel, von Baum zu Baum, bis du gelangest zu Ratibor, gib ihm Auskunft über meine Gefangenschaft und gib ihm Bescheid, dass er meiner harre mit Ross und Manne, den dritten Tag von heute, an der Grenze des Gebirges im Maientale, bereit den Flüchtling aufzunehmen, der seine Kette zu zerbrechen wagt und Schutz von ihm begehrt.« Die Elster gehorchte, flog von einem Ruheplatz zum anderen, während die sorgsame Emma ihren Flug begleitete soweit das Auge reichte. Zu dieser Zeit wandelte Fürst Ratibor kummervoll auf der Suche nach seiner Verlobten durch die Wälder. Während er unter einer schattenreichen Eiche saß und an seine Prinzessin dachte, seufzte er laut: »Emma!« Alsbald gab das vielstimmige Echo ihm diesen geliebten Namen schmeichelhaft zurück; doch zugleich rief auch eine unbekannte Stimme den seinigen aus. Er horchte auf, sah jedoch niemanden, wähnte eine Täuschung und höre schon im nächsten Moment erneut den Ruf. Kurz darauf erblickte er eine Elster, die auf den Zweigen hin und her flog und wurde gewahr, dass der gelehrige Vogel seinen Namen rief: »Armer Schwätzer«, sprach er, »wer hat dich gelehrt, diesen Namen zu sprechen, der einem Unglücklichen gehört, welcher wünscht, von der Erde vertilgt zu sein wie sein Gedächtnis?« Hierauf fasste er wütend einen Stein und wollte ihn nach dem Vogel schleudern, als die Elster Emmas Namen erneut aussprach. Sogleich begann sie die Botschaft der Prinzessin bekannt zu geben. Fürst Ratibor erwachte daraufhin aus seiner tödlichen Gram und überirdische Freude erfüllte seine Seele. Als er sich allerdings bei dem Vogel nach dem Schicksale seiner Geliebten erkundigen wollte, konnte die Elster nichts weiter verkünden als die gelernte Botschaft. Eilig und leichtfüßig machte sich der Fürst zu seinem Hoflager auf, rüstete sein Pferd und sein Gefolge und zog mit ihnenhin ans Vorgebirge.

Unterdessen hatte Fräulein Emma im Stillen alles heimlich vorbereit: so spielte sie dem Gnome eine Gemütsverbesserung vor. Durch ihre freundliche Miene, ein bedeutsames Lächeln hier und dort, wurden die Flammen seines Herzens noch stärker geschürt. So trug er ihr alsbald erneut seine Liebesbekundungen an, welche Emma nicht ablehnte. Allerdings erbat sie sich nochmals eine kurze Bedenkzeit, welche ihr der Gnome bereitwillig eingestand. Eines Morgens erschien Emma in ihrem schönsten Kleid, die Haare prachtvoll gesteckt, das schönste ihres Geschmeides angelegt, glitzernd im Garten, wo sie Rübezahl entgegentrat und zu ihm sagte: »Vermag eine Sterbliche dir zu widerstehen, Gebieter meines Herzens? Deine Standhaftigkeit hat obsiegt. Doch bedenke, das Weib hat nicht stets die Reize einer Geliebten. Du alterst nimmer; aber irdische Schönheit ist eine Blume, die bald dahinwelkt. Woran soll ich erkennen, dass du der zärtliche, liebevolle, gefällige, duldsame Gemahl sein werdest, wie du als Liebhaber warest? Ich heische nach einem Beweis deiner Gefälligkeit. Gehe hin und zähle die Rüben all auf dem Acker. Mein Hochzeitstag soll nicht ohne Zeugen sein. Ich will sie beleben, dass sie mir zu Kränzeljungfrauen dienen; aber hüte dich, mich zu täuschen und verzähle dich nicht um eine, denn das ist die Probe, woran ich deine Treue prüfen will.«

Ungern aber dennoch gehorsam zog der Gnome ohne Verzug zum Acker und ging rasch an sein Geschäft. Bald hatte er alle Rüben durchgezählt, doch setzte er zur Prüfung eine erneute Zählung an. Zu seinem Verdruss fand er nun eine Abweichung in seiner Rechnung und musste zum dritten Mal mit dem Rechnen beginnen. Währenddessen machte die verschmitzte Emma, alsbald Rübezahl ihr aus den Augen entschwunden war, Anstalt zur Flucht. Sie hielt eine saftige, wohlgenährte Rübe in Bereitschaft, welche sie flugs in ein mutiges Ross mit Sattel und Zaumzeug verwandelte. Gleich darauf schwang sie sich in den Sattel, flog über die Heiden und Steppen des Gebirges dahin, während der flüchtige Pegasus sie ohne straucheln wiegte und sicher auf seinem sanften Rücken ins Maiental brachte. Dort wartete bereits ihr geliebter Ratibor, welcher Emma sogleich freudig in die Arme schloss.

Nachdem der Berggeist sein Werk des Rübenzählens beendet hatte, wollte er stolz und selbstzufrieden darüber, die Prüfung in so kurzer Zeit bestanden zu haben, zu seiner Angebeteten zurückkehren. Als er jedoch den Palast betrat, war die schöne Emma nirgends anzutreffen, gleichwohl er sie überall suchte. Wütend und rasend über den Verrat, schwang er sich in seiner geisterhaften Gestalt in die Lüfte, flog über die Berge und Bäume dahin und war gerade noch gewahr, wie die Prinzessin mit einem anderen über die Grenze ritt. Daraufhin ballte der Gnome zwei große Wolken zusammen und schoss einen monströsen Blitz hinter den Fliehenden her, wodurch eine große tausendjährige Eiche zerstört wurde, das eigentliche Ziel allerdings wurde von dem Blitz verfehlt. Entzürnt ob seines Verlustes wütete er weiter durch den Himmel und klagte den vier Winden sein Leid, bis er trauernd und enttäuscht in seinen Palast zurückkehrte. Dort angekommen, stapfte er dreimal mit dem Fuß, wonach der gesamte Palast und alles in seinem unterirdischen Reich mit ihm ins Nichts zurück fielen. Ein großes Loch, bis zum Mittelpunkt der Erde ward an selber Stelle, wohin nun der Berggeist mit seinem Menschenhass verschwand.

Ratibor brachte die Prinzessin an den Hofe ihres Vaters zurück und wurde nun als Held gefeiert. Ein paar Tage später wurde die Hochzeit des Paares durchgeführt. Das Brauchtum, einen unwillkommenen Verehrer auf Abstand zu halten, indem die Angebetete ihn Rübenzählen schickte, hat sich auf Grund der Geschehnisse bald durchgesetzt. Seit jeher wurde durch die Einwohner der umliegenden Gegenden der Berggeist mit dem Spottnamen Rübenzähler oder Rübezahl benannt.


*****

Textquelle:

Märchen entnommen aus: Musäus, Johann Karl August: Volksmärchen der Deutschen, Zweiter Teil: Die Legenden von Rübezahl: Die Erste, 1909, S. 1-41; überarbeitet von Carolin Eberhardt.


Bildquellen:

Vorschaubild: Titelbild: Reichhardt, Rudulf; Siegert, Eugen: Rübezahl: Deutsche Volksmärchen vom Berggeist und Herrn des Riesengebirges.

Illustration aus Lee, James; Carey, James T.: Silesian Folk Tales (The Book of Rubezahl, American Book Company, New York, 1915.

Rübezahl, 1845, Urheber: Moritz von Schwind via Wikimedia Commons Gemeinfrei.

Rübezahl, 1829-84, Urheber: Ludwig Richter via Wikimedia Commons CC0.

Rübezahl: Motiv Familie im Wald, entnommen aus: Rübezahl: Deutsche Volksmärchen vom Berggeist des Riesengebirges.

Rübezahl, 1842, Urheber: Ludwig Richter via Wikimedia Commons Gemeinfrei.

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