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Kurt Franz & Claudia Maria Pecher
Kennst du die Brüder Grimm?

Der Froschkönig", „Schneewittchen" oder „Rapunzel" sind Erwachsenen und Kindern auf der ganzen Welt bekannt. Wer aber weiß mehr über das Brüderpaar zu erzählen als dessen Märchen? Und wer weiß schon, dass die Grimms auch viele schaurige, schöne Sagen sammelten, eine umfangreiche deutsche Grammatik veröffentlichten oder an einem allumfassenden Deutschen Wörterbuch arbeiteten?


Kormorane, Pelikane

Kormorane, Pelikane

Florian Russi

Auf einer Insel im Meer lebten viele Kormorane. Sie bauten dort ihre Nester, zogen ihre Jungen groß und ernährten sich von den Fischen, die sie rund um ihre Insel in großer Zahl fangen konnten. So siedelten sie, nicht immer friedlich, aber in gewohnter Weise.

Eines Tages wurde ihre Ordnung jäh gestört. Eine Gruppe von Pelikanen kam aufgeregt angeflogen und rief: „Ihr müsst uns helfen. Die Insel, auf der wir bisher zufrieden gelebt haben, wurde durch Wirbelstürme völlig verwüstet. Unsere Nester sind zerstört oder davon geweht, die Stürme wollen nicht aufhören, das Meerwasser schlägt Kapriolen, wir finden keine Nahrung mehr. Lasst uns bei euch Zuflucht suchen bis sich das Wetter über unserer Insel wieder beruhigt hat.“

Die Kormorane reckten ihre Hälse in die Höhe und einer ihrer Anführer schrie: „Bleibt weg von unserer Insel, wie haben keinen Platz für euch. Seht, wo ihr sonst bleibt. Das ist allein euer Problem.“ Ein anderer rief: „Schaut mal zum Himmel. Da kommt eine dunkle Wolke auf uns zu. Es ist aber keine Wolke, sondern ein riesiger Schwarm Pelikane. Wenn wir einmal nachgeben, werden wir bald nicht mehr Herr über uns selbst sein. Stehlt euch davon, wir sind eine Kormoranen-Insel und wollen euch nicht bei uns haben.“

Alles Bitten der Pelikane nutzte nichts. In großer Zahl flogen die Kormorane auf und jagten die von den Unwettern geschwächten Pelikane davon.

Es vergingen ein paar Jahre, da zitterte die Erde und auf der Insel der Kormorane brach ein Vulkan aus und spuckte Feuer und glühende Lava. Da blieb den Kormoranen nichts anderes, als ihre Insel eiligst zu verlassen. Sie flogen übers Meer und gelangten schließlich zu der Insel, auf der sich die Pelikane wieder eine Heimstatt geschaffen hatten. „Gebt uns Plätze, auf denen wir uns niederlassen können“, riefen die Kormorane den Pelikanen zu. Dafür, dass wir euch vor ein paar Jahren nicht bei uns aufgenommen haben, entschuldigen wir uns. Doch diesmal sind wir es, die bedroht sind. Unsere Insel brennt, helft uns, damit wir überleben können.“

„Das würde euch so passen“, riefen die Pelikane zurück. „Wie ihr uns, so wir euch. Auf der Pelikaninsel haben Kormorane nichts zu suchen.“ Diesmal waren es die Pelikane, die sich in die Luft erhoben und die Kormorane vertrieben. Von denen waren viele von dem langen Flug ermüdet und eine große Zahl von ihnen fiel hinab ins Meer und ertrank in den Fluten. Die Kräftigeren unter ihnen retteten sich an verschiedene Gestade und als nach mehreren Monaten der Vulkan auf ihrer Heimatinsel erloschen war, kehrten sie dorthin zurück.

Wieder gingen einige Jahre ins Land und ins Meer. Eines Tages hockte eine große Gruppe Kormorane zusammen und einer von ihnen sagte: „Ist euch auch aufgefallen, dass wir bei unseren Jagden kaum noch Pelikanen begegnen? Wo sind die nur geblieben? Es würde sich lohnen, mal nach ihrer Insel und ihren Fischgründen zu schauen. Vielleicht können wir davon profitieren.“ Der, welcher das sagte, wurde beauftragt, zur Pelikaninsel zu fliegen und herauszufinden, wie es um die Bewohner stand. Als er sich der Insel näherte, wunderte er sich darüber, dass ihm kein Geschrei entgegen dröhnte und über der Insel absolute Stille herrschte. Nachdem er gelandet war, erkannte er bald den Grund. Auf der Insel verstreut lagen Kadaver. Eine Vogelgrippe hatte sich auf der Insel ausgebreitet und die Pelikane einen nach dem anderen dahingerafft. Verstört lief der Kormoran hin und her, konnte aber keinen lebenden Pelikan mehr entdecken und ihn nach seinen Fischgründen befragen. So erhob er sich in die Luft und flog zurück zu seinen Artgenossen. Die bedrängten ihn mit Fragen und besprachen sich, wie sie mit der vorgefunden Lage umgehen sollten.

Doch das Schicksal bestimmte es anders. Der Kormoran, den sie ausgeschickt hatten, war auf der Pelikaninsel ebenfalls von der Vogelgrippe befallen worden und verbreitete nun den Virus auch unter den Kormoranen. Es dauerte nicht lange, da war auch deren Insel entvölkert.

Fazit: Wer wo auch immer glücklich leben will, muss sich rechtzeitig verständigen.

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Vorschaubild: Pelikane und Kormoran von Gwen Bailey, gemeinfrei via pixabay.com