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Wilfried Bütow
Kennst du Heinrich Heine?

Kunstfertig in vielen Genres, geht Heine souverän mit den Spielarten des Komischen um, erweist sich als ein Meister der Ironie und der Satire und weiß geistreich und witzig zu polemisieren.
Doch hatte er nicht nur Freunde. Erfahre mehr vom aufreibenden Leben Heines, wie er aus Deutschland fliehen musste, in Paris die Revolution von 1830 erlebte und den großen Goethe zu piesacken versuchte.


 

Die Insel im Strom

Die Insel im Strom

Florian Russi

Man schrieb die Mitte des 19. Jahrhunderts und obwohl inzwischen immer mehr Weiße in ihr Land einfielen, lagen die Indianerstämme auf beiden Seiten des großen Stroms untereinander in erbittertem Streit. Einer bekriegte den anderen. Die Lokis überfielen ein Dorf der Kalmis, töteten alle Männer, nahmen ihnen die Trophäen ab, raubten ihre Frauen und Kinder und teilten sie untereinander auf. Das nahm der Stamm der Arax zum Anlass, die Krieger der Lokis in eine Falle zu locken, sich über sie herzumachen und alle zu erschlagen. Dann zogen sie zu deren Herkunftsort und bemächtigten sich der dort lebenden Frauen und Kinder. Sie machten doppelte Beute, denn unter den Geraubten waren natürlich auch die Frauen und Kinder der Kalmis. Die Mandus wurden von weißen Siedlern aus ihren Dörfern vertrieben. Sie flüchteten zum großen Strom und baten die Stammesbrüder der Pantas und der Urgras um Hilfe. Die sagten Hilfe zu, weigerten sich jedoch, die Mandus bei sich aufzunehmen. Darüber kam es zum Streit, nicht nur mit den Flüchtigen, sondern auch zwischen den Pantas und Urgras. Es dauerte nicht lange, da hatten sie sich gegenseitig ausgelöscht. Die wenigen Überlebenden aus allen drei Stämmen bildeten eine Bande, zogen umher und überfielen und beraubten andere Stämme.

„So kann es nicht weitergehen“ sagte da Gluki Petra, ein Weiser, der wegen seiner prophetischen Gaben von vielen Stämmen geachtet wurde. Gluki Petra, der viel durch die Lande reiste, hatte viel Merkwürdiges zu hören und zu sehen bekommen.

„Wir müssen Acht geben“
, sagte Gluki Petra, „Winde treiben mit großen Sprüngen über das Land und führen viele Krankheiten mit sich, Krankheiten der Seele. Wer erst einmal davon befallen ist, dem kann man nicht mehr helfen. Neulich brach ein Windstoß über ein Dorf der Yanos ein und zerstörte ihre Zelte und all ihr Hab und Gut. Da zeigte einer von ihnen auf das verwüstete Dorf und fing an unbändig zu lachen. Anstatt ihn zu stören und ihm die Zunge festzuhalten, taten einer nach dem andern es ihm nach. Schließlich lachte das ganze Dorf. Im benachbarten Dorf wurde man stutzig und schickte einen Abgesandten. Der hörte alle lachen und ritt sofort zurück, um seinen Stammesbrüdern darüber zu berichten. Doch ehe er nur einen Satz herausbrachte verfiel er in hemmungsloses Weinen. Seine Mitbewohner konnten es sich nicht erklären und schüttelten nur die Köpfe. Und was geschah? Nach zwei Tagen wurde auch in diesem Dorf nur noch geweint. Beide Dörfer verkamen.
Nun mag es noch angenehm sein, sich totzulachen, bei den Limanschen aber brachte ein Windstoß die bis dahin friedlichen Bewohner dazu, aufeinander einzuschlagen und sich gegenseitig umzubringen. Anderswo fielen die Männer über die Squaws her und taten ihnen Gewalt an und wieder an einer anderen Stelle kletterten die Bewohner auf hohe Bäume und ließen sich herunterfallen. Den Stamm der Navajos traf ein Windstoß und alle glaubten darauf, unbesiegbar zu sein. Sie bewaffneten sich und fielen über ihre Nachbarn, die Sekuren, her. Die aber waren gewarnt, legten einen Hinterhalt und massakrierten die Navajos. Danach fühlten auch sie sich als die Stärksten und zückten die Kriegsbeile gegen die Damis.

In den Kämpfen, die nun begannen, rotteten sich die Stämme gegenseitig aus. Nur wenige haben überlebt. Die kamen zu mir und haben mich um Rat gefragt. Ich haben zu ihnen gesagt: „Begrabt eure Kriegsbeile oder werft sie besser noch in einen tiefen See, so dass ihr sie nicht wieder an euch nehmen könnt.“ Sie sind meiner Aufforderung gefolgt. Was aber geschah? Sie haben sich gegenseitig mit den Händen umgebracht.
Die Seelen in uns können uns stärken, aber auch schwächen. In allen Siedlungen und bei allen Stämmen bin ich auf Menschen gestoßen, die verwirrt sind und Dinge sagen oder tun, die kaum einer verstehen kann.
Wir müssen dringend etwas unternehmen und miteinander reden“, wiederholte Gluki Petra immer wieder und schließlich gewann er die Zustimmung einer größeren Anzahl von Stämmen. Er wurde beauftragt, ein großes Treffen zu organisieren.

Damit es nicht zu unnötigen Eifersüchteleien über den Ort des Treffens kommen würde, bat Gluki Petra einen seiner erfahrensten Helfer, der „Lächelt immer“ genannt wurde, einen neutralen Tagungsort zu suchen. Der wurde bald fündig. Mitten im großen Strom lag eine Insel, die von keinem der Stämme als ihr Einflussgebiet beansprucht wurde. Dorthin schickte Gluki Petra seinen Helfer und bat ihn, alle notwendigen Vorbereitungen zu treffen. Der tat dies, alle waren einverstanden und so konnten schon bald Boten über Land reiten und die Stammeshäuptlinge und Dorfältesten zur Verhandlung einladen.
So gut es ging, hatte „Lächelt immer“ die Insel für das Treffen hergerichtet. Er hatte viel Gestrüpp entfernt, mehrere Zelte aufgestellt und Nahrungsmittel gelagert. Den Versammelten sollte es an nichts fehlen. Das Treffen begann mit einem langen Schweigen, dann zogen einige Häuptlinge ihre Pfeifen hervor und begannen zu rauchen. Das löste nach und nach die steife Stimmung und Gluki Petra nahm dies zum Anlass, von seinen Erfahrungen zu erzählen und auf bestehende und drohende Gefahren hinzuweisen. „So kann es nicht weitergehen“, bestätigten danach alle. „Lasst uns zunächst gemeinsam essen“, sagte nun „Lächelt immer“. Es wurden Maisbrote gebacken und Büffelfleisch gebraten. Die meisten aßen mit Genuss, nur wenige hatten an der Mahlzeit etwas auszusetzen. Nach dem Essen fragten einige Teilnehmer: „Wo kann man denn hier seine Notdurft verrichten?“

„Lächelt immer“ steckte seinen Zeigefinger in den Mund, befeuchtete ihn und hielt ihn dann in die Luft. „Der Wind kommt von Westen“, sagte er dann. „Geht also zur Ostspitze der Insel. Dort gibt es genügend Bäume und Sträucher, die euch Deckung bieten.“ So war dieses menschliche Problem schnell gelöst. Doch in der Versammlung selbst kam es zu keinen Fortschritten. „Großer Bär“, der Oberhäuptling des Stammes der Palaber beschwerte sich bei den anderen, dass er von vielen von ihnen „Hat sie nicht mehr alle“ genannt würde. Als Geste der Versöhnung bat er an, in Zukunft alle Stämme friedlich durch sein Land ziehen zu lassen, wenn sie eine von ihnen entdeckte Büffelherde verfolgten. Kurz danach bedrohte er „Adlerauge“, den Häuptling seines Nachbarstammes, damit, dass er über ihn herfallen werde, nachdem der ihm ins Wort gefallen war. Er beschimpfte ihn als „räudigen Kojoten“. „Wenn wir schon einmal dabei sind“, ergänzte da Häuptling „Büffelheld“, „ich weiß, dass die Leute deines Stammes mich als „Kann nichts als Mausen“ benennen. Das lass ich mir zukünftig nicht mehr gefallen.“ Die Stimmung wurde immer gereizter. Das änderte sich auch nicht, nachdem die ersten Häuptlinge von ihren Gängen zur Ostspitze der Insel zurückkehrten und unabhängig voneinander berichteten, dass sie im Wasser ein Gespenst hatten schwimmen sehen. In einem Fall sah es aus wie eine Qualle, im anderen Fall wie ein hässliches menschliches Wesen.

„Unser Ziel muss es doch vor allem sein, die Weißen davon abzuhalten, unsere Jagdgründe weiterhin zu zerstören“
, warf da der Wipaka-Häuptling „Schlauer Fuchs“ ein, den die anderen aber „Kriegt keinen hoch“ nannten. „Mein Stamm ist der Größte von allen“, fuhr er fort. „Deshalb beanspruche ich, dass ich in Krisenzeiten den Oberbefehl über euch alle bekomme.“
„Das kommt überhaupt nicht in Frage“
wiedersprachen die anderen empört. Die Streitereien wurden immer heftiger. Als einziges Ergebnis der Verhandlungen schälte sich heraus, dass allen bewusst wurde, wie wenig sie sich gegenseitig leiden konnten. Alle waren frustriert, nur Häuptling „Mutiger Kämpfer“ bzw. „Großer Schleimer“ freute sich. Er war von vornherein hergekommen, um eine Einigung zu verhindern.

Plötzlich hoben alle ihre Nasen. Ein unerträglicher Gestank breitet sich über ihnen aus. Der Wind hatte gedreht und kam jetzt von Osten. Häuptling „Büffelheld“ erhob sich als erster und teilte mit, dass er dringend in seinem Dorf erwartet würde. Sofort schloss sich ihm „Adlerauge“ an, da er noch seine Tochter verheiraten musste. Fast fluchtartig brachen nun auch alle anderen auf und suchten das Weite. Zuvor stellten sie aber noch fest, dass sie sich dringend zu neuen Gesprächen treffen müssten.

Als er von seinen Stammesangehörigen bedrängt wurde, von den Verhandlungen zu berichtigen, musste „Adlerauge“ tief Luft holen. Dann fiel er in ein schrilles Lachen, über dass er nicht mehr Herr wurde. Seine Leute zuckten die Schultern und schüttelten die Köpfe. Doch plötzlich brach einer nach dem andern von ihnen ebenfalls in haltloses Gelächter aus. Alle schlugen sich auf die Schenkel und liefen zu ihren Familien, die nach kurzer Zeit ebenfalls zu lachen anfingen. Der Medizinmann des Stammes, der in einem benachbarten Dorf Verwandte hatte, machte sich entsetzt auf den Weg, um seine Angehörige zu warnen. Als er bei ihnen eintraf, hörte er schrille Laute. Niemand lachte, aber alle pfiffen aus Leibeskräften. Bei vielen klang es so, als ob sie es nicht mehr lange durchhalten würden. Wenig später fielen Weiße in ihr Land ein und besetzten es. Sie lachten nicht dabei, aber sie grinsten.

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Teaserfoto: Pixabay - Freie kommerzielle Nutzung, Kein Bildnachweis nötig; Urheber: hschmider - Bild bearbeitet von Kati Spantig