Deutschland Lese

Gehe zu Navigation | Seiteninhalt
www.deutschland-lese.de
Unser Leseangebot

Sesenheimer Liebeslyrik

Florian Russi

Während seines Studiums in Straßburg lernte Johann Wolfgang von Goethe die Sesenheimer Pfarrerstochter Friederike Brion kennen. Die beiden verliebten sich ineinander und Goethe wurde durch Friederike zu wundervollen Gedichten angeregt.

Einige von ihnen (Heideröslein, Mailied, Willkommen und Abschied u. a.) zählen zu seinen besten und beliebtesten überhaupt. In diesem Heft sind sie vorgestellt und mit Bildern und Erläuterungen angereichert.

Der Stehblues ist tot - es lebe der Stehblues

Der Stehblues ist tot - es lebe der Stehblues

Herbert Kihm

Requiem für einen vergessenen Tanz

Eine Erläuterung vorab: Bei diesem Beitrag handelt es sich um die freie Übersetzung und starke Verkürzung eines Artikels, der in verschiedenen französischsprachigen Printmedien (z.B. Le Monde) mit dem Titel: „Le Slow est mort -vive le Slow“ erschienen ist (Autor: Philippe Ridet).

Der französische Begriff “Le Slow“ wurde in meiner Generation (der heute 60./70.Jährigen) als „Stehblues, Klammerblues oder Engtanz“ bezeichnet und war auf Partys und in Discos sehr geschätzt. Er kann sicherlich auch mit als ein Ausfluss jener damaligen „sexuellen Revolution“ betrachtet werden, die mit den politischen als auch gesellschaftlichen Umwälzungen der 60er verbunden war. Im Weiteren möchte ich daher gerne den Begriff „Slow“ verwenden, da der mir „poetischer“ erscheint.

*

Da der „Slow“ technisch recht einfach zu beherrschen ist, erlaubte er auch den Schüchternen auf die Piste zu gehen, ihre Zuneigung zu zeigen und in weniger als fünf Minuten zu versuchen, dass diese eine Erwiderung findet. Die Schrittfolge ist ein einfaches Links-Rechts, kann aber ganz zum Erliegen kommen. In diesem Fall ist der Stehblues nichts anderes mehr als Schmusen oder Küssen im Stehen.

Lange ist es her, dass „Slow-Tänzer“ aus meiner Generation diesen langsamen Tanz ausübten. Vielleicht wäre hier die C 14 - Methode hilfreich, um das Datum unseres Körper-zu-Körper-Kontaktes auf der abgedunkelten Tanzfläche in Erinnerung zu bringen – Mitte der 70er war das vielleicht?

Den Sargnagel auf den samtgepolsterten Sarg dieses Tanzes schlug wohl Joe Dassin ein, als er damals „Le dernier slow“ sang, sozusagen ein Schwanengesang:

« Et si ce soir on dansait le dernier slow,

Un peu de tendresse au milieu du disco,

On verra plus,

Ces joues contre joue

Entre deux inconnus

Qui n’avaient pas de rendez-vous »


Es erscheint im Nachhinein seltsam, dass hier ein Lied das Verschwinden eines musikalischen Genres prophezeite, das es doch eigentlich nahezu perfekt verkörperte – ein bisschen so, als hätten die Dinosaurier ihr eigenes Ende angekündigt.

Es war doch ein Tanz zum Entspannen, zum Relaxen, da technisch höchst anspruchslos; dennoch ist er verschwunden, heute reine Nostalgie für die Sechzig-, Siebzigjährigen. Sollten sie einen davon den „Slow“ tanzen sehen, dann ist er wahrscheinlich in eine Lücke der Raumzeit geraten.

Aber warum ist er verschwunden?

2017 las man in « Le Lire Belgique »: „Der Slow erlaubte den Teenagern den Körper des anderen zu berühren, seine Wärme zu spüren, seinen Duft. In unserer westlichen Gesellschaft entwickelte sich eine Form der Vermeidung von Körperkontakten.“

Heute bevorzugen Teenager, Nachrichten auf ihrem Smartphone zu senden, anstatt den Mut zu haben, sich auf der Tanzfläche eine Abfuhr zu holen.

Kurz gesagt, der „Slow“ ist ein Opfer von “Techno“, „Break-Dance“, „Hip-Hop“ und „Free-Style“ geworden und /oder auch wegen seiner eindeutig „erotischen“ Note, die nicht mehr gesellschaftlich konsensfähig im Zeitalter von „gender mainstreaming“ erscheint.

Was nun? Wir haben ihn doch geliebt, haben wir ihn auch verteidigt?

Ich glaube nicht, war er doch schon damals meist nur auf privaten Partys und in Discos reduziert – quasi ein Indianer unter Cowboys.

Hatte der „Slow“ doch immer schon zwei Feinde: sich selbst und die Tänzer, deren Stil er für eine Unterkategorie der rhythmischen Sportgymnastik hielt.

Der „Slowtänzer“ zeichnet sich doch durch ein „laszives Treten auf der Stelle“ aus, wobei ihm lediglich sein Charme half, dass seine Partnerin weiter seine Nähe suchte –d.h.meist hatte er nur drei Minuten dazu, bei „Hey Jude“ der Beatles auch etwas mehr. Denn nur beim „Slow“ konnte sich jene Übereinstimmung, jene Harmonie der Seelen entwickeln, die eine tiefer gehende Gleichgestimmtheit nach sich ziehen konnte.

Wenn der Tango „ein trauriger Gedanke ist, der tanzt“, wie der Dichter und argentinische Komponist Enrique Santos Discepolo (1901 - 1951) schrieb, so war der „Slow“ eine Verzweiflung, die auf der Stelle trat.

Wer also wollte diese Verzweiflung bewahren?

*****

Quellen:

Joe Dassin : Le dernier slow

Bild: Auguste Renoir (1841-1919): Danse at Bougival, Detail, Museum of fine Art, Boston, public domain via wikimedia commons