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Tee mit der Königin

Kurzgeschichten aus Wales herausgegeben und übersetzt von Frank Meyer und Angharad Price.

Der Karton

Der Karton

Florian Russi

Unter dem Titel „Schaubühne“ hat Florian Russi 8 kleine Theaterstücke für integrative Kinder- und Jugendgruppen verfasst. Eines davon ist „Der Karton“, den wir hier wiedergeben. Wie alle anderen Stücke der „Schaubühne“ kann es honorarfrei für Aufführungen genutzt werden, wenn Autor und Verlag kenntlich gemacht werden.

Das Lese-Team

DER KARTON

Es spielen mit:

Vater
Lukas
, sein Sohn

Mädchen und Jungen aus der Nachbarschaft:
Mia

Vitus
Till

Katharina

Hugo

Gabriel
Selina

Einfahrt zu einem Haus. Auf dem Weg liegt ein Karton.


Vater:
Lukas! Beim Einfahren in unseren Hof ist mir ein Karton vom Wagen gefallen. Such ihn und bring ihn in die Garage.

Lukas:
Wird sofort erledigt. Ich sehe ihn schon. Er liegt mitten auf dem Weg. (geht zum Karton und begutachtet ihn)

Der ist aber groß und vermutlich schwer. Den kann ich allein nicht tragen. Ich werde meine Freundin Mia bitten, mir dabei zu helfen. Mia!

Mia erscheint und reibt sich die Augen.

Mia:
Was willst du schon wieder? Kann ich nicht mal in Ruhe chillen?

Lukas:
Das kannst du später, so lange du willst. Hilf mir vorher aber noch, diesen Karton in unsere Garage zu bringen.

Mia:
Einen so schweren Karton zu heben, das kannst du von mir nicht verlangen.

Lukas:

Ich weiß, dass alle dich die faule Mia nennen. Ich will nur, dass du mir ein einziges Mal hilfst.

Mia:
Ein einziges Mal? Neulich hast du mich doch erst gebeten, dir eine Tafel Schokolade aus der Stadt mitzubringen. Außerdem hat mich meine Mutter in dieser Woche schon zweimal zum Einkaufen geschickt. Ich bin doch keine Maschine. Ich brauche Zeit, um neue Kraft zu gewinnen. Nicht die Arbeit hält uns fit, sondern das Rasten.

Lukas:
Bitte, nur noch einmal.

Mia:
Du willst mein Freund sein? Dann darfst du mir nicht solchen Stress machen. Gestern musste ich schon um sechs Uhr aufstehen.

Lukas:
Das war allerdings früh.

Mia:
Nein, es war nicht sechs Uhr morgens, sondern sechs Uhr abends. Ich hatte mich aufs Sofa gelegt und wollte eigentlich bis zu den Abendnachrichten chillen. Doch da hat mich Mutter aufgeweckt und zum Einkaufen geschickt.

Lukas:
Mia, gib dir einen Ruck und greife mit mir am Karton an.

Mia:
Das bedeutet bücken, zulangen, hochheben, tragen, abstellen. Schon bei dieser Vorstellung werde ich müde. Irgendwer hat den Karton dahin gelegt. Der soll ihn auch wieder aufheben und nicht meine Arbeitskraft ausbeuten.

Lukas
:
Du willst mir also nicht helfen?

Mia:
Es ist höchste Zeit für mich. Ich muss zum chillen; du kannst ja mitkommen.


Mia geht ab.


Lukas:

Kann man sich auf niemanden verlassen?

Vitus taucht auf der Bühne auf.


Lukas:

Oh, da kommt ja der dicke Vitus, der wird mir sicher helfen.

Vitus:

Hast du was für mich zu essen?

Lukas:
Ich geb‘ dir gern etwas. Vorher musst du mir nur kurz helfen, diesen Karton in die Garage zu tragen.

Vitus:
Schön der Reihe nach. Ihr habt doch zu Hause diese herrlichen Würste. Bring mir ein paar davon, ich bin hungrig. Anschließend können wir uns über den Karton unterhalten.

Lukas:
Meinetwegen. Die Würste werden gleich da sein.

Lukas geht ab. Vitus schaut ihm nach, greift dabei in seine Tasche, zieht Erdnüsse heraus und fängt an zu kauen. Nach kurzer Zeit kommt Lukas zurück.


Lukas:

Hier die gewünschten Würste.

Vitus nimmt die Würste an sich, setzt sich auf eine Mauer und fängt begierig an zu essen.

Vitus:

Die sind wirklich großartig, deine Würste. Wenn ich anschließend noch Hunger habe, werde ich dich um weitere bitten. (Vitus mampft und mampft.) Lukas tritt ungeduldig von einem Fuß auf den anderen. Ist in dem Karton auch etwas zu essen?

Lukas:
Nein, das glaube ich nicht.

Vitus:
Neulich war ich auf eine Hochzeit eingeladen. Da haben sich die Tische gebogen von den vielen leckeren Sachen. Glaub mir, ich hab mich nicht lumpen lassen. Mindestens sieben Mal hab ich nachgelangt.

Lukas:

Bist du jetzt fertig?

Vitus:
(leckt sich die Finger)
So, das war gut. Mehr Würste packe ich nicht. (rülpst laut)

Lukas:
Dann können wir ja loslegen.

Vitus:

Loslegen, womit? Du erwartest doch nicht, dass ich nach solch einem Essen gleich anfange zu arbeiten? Du kennst doch den Spruch „Nach dem Essen sollst du ruh‘n oder zwanzig Schritte tun.“ Das werde ich jetzt befolgen. (steht auf und stöhnt dabei) Ich bin viel zu dick, um zu arbeiten. Ich weiß nicht, warum ich so geworden bin. Die Pillen, die mir der Arzt verschrieben hat, wirken überhaupt nicht. Auf niemanden kann man sich verlassen.

Vitus geht ab. Lukas sieht ihm nach. Dann sieht er Till kommen.

Lukas:
Na, da kommt ja Till, vielleicht ist er bereit, mir zu helfen.

Till torkelt heran. Er ist betrunken.

Lukas:

Hallo Till, kannst du mir helfen?

Till:
Natürlich helfe ich dir, wo soll ich anpacken? (schwankt um den Karton herum) Das ist ja ein Karton, hick, ein richtiger Karton. hick. Der muss hier weg, hick, das ist klar, hick, also fort mit dir, hick, Karton. (hält die Arme in die Höhe und wankt davon) Immer Ärger mit den Kartons. Was will man da machen? Die Liebe und der Suff, die reiben einen uff.

Till verschwindet von der Bühne. Katharina kommt.

Lukas:
Da kommt Katharina, die ist zuverlässig und wird hoffentlich nicht auch betrunken sein.

Katharina:

Ich sehe dir an, du hast ein Problem.

Lukas:

Kannst du bitte mir helfen, diesen Karton in unserer Garage zu tragen?

Katharina:

Das will ich gern, doch was befindet sich darin?

Lukas:
Das weiß ich nicht.

Katharina:

Wenn ich etwas tragen soll, muss ich das aber doch wissen.

Lukas:
Ich werde meinen Vater fragen.


Katharina:

Nein, warte noch. Wir müssen auch klären, wohin die Kiste soll.

Lukas:
In unsere Garage.

Katharina:

Wie weit ist sie von hier entfernt?

Lukas:
So ungefähr 50 Meter.

Katharina:
Was heißt ungefähr. Ich will es genau wissen. (zückt ein Metermaß und misst die Kanten des Kartons ab) Der Karton misst 1 mal 1,35 mal 2,17 Meter. Du wirst nicht erwarten, dass ich auch noch den Weg zur Garage genau ausmesse.

Lukas:
50 Meter sind doch keine lange Strecke.

Katharina:
Wie bist du denn drauf? Du weißt nicht, was sich im Karton befindet und nur ungefähr, wie lang die Strecke zur Garage ist. Es kann sein, dass der Karton so schwer ist, dass wir ihn immer wieder abstellen müssen. Es könnte also mehr als eine Stunde dauern, bis wir ihn in der Garage abstellen können. Ich habe aber nur (schaut auf ihre Armbanduhr) noch 33 Minuten Zeit. Deshalb ist es besser, dass ich erst gar nicht anpacke.

Lukas:

Aber ...

Katharina:

Du wirst jemanden anderen finden.


Katharina geht davon.


Lukas:
(jammernd)
Will mir wirklich niemand helfen?

Hugo kommt herbei.


Hugo:

Du brauchst Hilfe?

Lukas:
Seit über einer Stunde suche ich jemanden, der mir hilft, diesen Karton in unsere Garage zu tragen.

Hugo:
Das sollte doch kein Problem sein. Was sagtest du, was getragen werden soll?

Lukas:
(zeigt auf den Karton)
Dieser Karton.

Hugo:

Das dürfte doch kein Problem sein. Wo sagtest du, dass er hin soll?

Lukas:

In unsere Garage.

Hugo:

Ach ja, wir haben uns jetzt auch eine bauen lassen. Wie geht es deinem Vater?

Lukas:

Er will, dass ich ihm den Karton bringe.

Hugo:

Ach ja, das sagtest du schon. Lass ihn also nicht länger warten. Bis bald dann mal. Vergiss nicht, deinen Vater zu grüßen.

Hugo greift sich an den Kopf, als wenn ihm plötzlich etwas einfallen würde und geht den Weg zurück, den er gekommen ist.
Gabriel kommt heran und schaut auf Lukas und den Karton.

Gabriel:
Euch scheint‘s ja sehr gut zu gehen, was ist denn da drin?

Lukas:
Ich weiß es nicht. Der Karton ist meinem Vater vom Wagen gefallen. Würdest du mir helfen, ihn in unsere Garage zu tragen?

Gabriel:

Sicher ist der Karton voller leckerer Sachen oder technischer Neuigkeiten. Ich besitze keinen solchen Karton, und wenn, dann wüsste ich, was drinnen ist.

Lukas:

Hilf mir, ihn zu tragen. Wenn wir in der Garage angekommen sind, machen wir ihn auf und gucken, was drin ist.

Gabriel:
Das würde dir so gefallen. Du findest einen Dummen, der dir beim Tragen hilft, dann zeigst du ihm, was er da Schönes für dich geschleppt hat und machst ihm die Nase lang.

Lukas:

Ich werde meinen Vater fragen, ob er dir was gibt.

Gabriel:

Das kann er sich sicher leisten, ein paar Cent für mich abzu- drücken. Hauptsache, sein Karton steht in der Garage. Nein, ich lasse mich nicht für andere missbrauchen. Wenn ich arbeite, dann nur für mich. Ich bin nicht dafür da, deinen Wohlstand zu vermehren. Adieu!

Lukas:

Alter Neidhammel!

Gabriel geht ab. Selina tritt auf.


Lukas:

Du bist meine letzte Hoffnung. Kannst du mir helfen, diesen Karton ein kleines Stück zu tragen?

Selina:

Gerne will ich das tun. Was befindet sich in dem Karton?

Lukas:
Ich weiß es nicht.

Selina:

Und wenn eine Bombe darin ist?

Lukas:

Mein Vater hat ihn vom Wagen verloren und nur gesagt, ich solle ihn in die Garage bringen. Das hätte er nie gesagt, wenn da etwas Gefährliches drin wäre. Woher auch?

Selina:

Ich kenne deinen Vater kaum, aber ich möchte schon wissen, worauf ich mich einlasse. Stell dir vor, wir stürzen mit dem Kar- ton oder lassen ihn fallen. Auf so etwas bin ich nicht versichert. Es tut mir leid, aber solange diese Dinge nicht geklärt sind, kann ich dir nicht helfen.

Selina geht ab. Lukas setzt sich auf die Mauer und schaut verzweifelt zu den Zuschauern.


Lukas‘ Vater kommt.


Vater:

Liegt das verdammte Ding denn immer noch da?


Der Vater gibt dem Karton einen Tritt, so dass er in die Luft fliegt. Lukas springt auf und nimmt den Karton an sich.

Lukas:

Es tut mir Leid, Papa, aber ich bin aufgehalten worden. Sofort bringe ich den Karton in die Garage.


Lukas eilt mit dem Karton davon, der Vater folgt ihm.


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