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B-Z! Das ist nett! (Teil 2)

Dresdner Schrift-Sprach-Erwerb - 3. Heft

Anne Volkmann und Annett Zilger

Arbeitsheft zum Schreibenlernen

Das Arbeitsheft beinhaltet die Erarbeitung und Positionsanalyse aller noch fehlenden Konsonanten. Diese werden in Silben, Wörtern und Texten gelesen und geschrieben

IMPRESSIONISMUS (1885 - 1. Weltkrieg)

IMPRESSIONISMUS (1885 - 1. Weltkrieg)

Georg Bürke

Musik im Tuileriengarten von Édouard Manet
Musik im Tuileriengarten von Édouard Manet

Benennung: Der Name Impressionismus oder Eindruckskunst in der Li­teratur ist aus der Maltechnik übernommen, die vor allem in Frankreich schon 1870-80 aufkam, speziell von dem Gemälde des Franzosen Claude Monet „L´impression", das er 1874 in Paris ausstell­te.

Zeitliche Abgrenzung:
Die Entstehung des literarischen Impressionismus fällt zeitlich fast genau mit den Anfängen des Natura­lismus zusammen und überlebte diesen bis etwa zum Ausbruch des 1, Weltkrieges.


Impressionistische Maltheorie: Impressionismus bedeutet eine neue Kunst des Sehens (- auch gegenüber dem Naturalismus, der seinerseits schon eine neue Kunst des Sehens vermittelte.) Es werden keine mit Namen bestimmbare Begriffe dar­gestellt (Menschen, Tiere, Bäume, Felsen, Wolken, Haus usw.), son­dern ihre Eigenschaften, also die Eindrücke, die unser Auge von jenen Dingen empfängt (Eindruckskunst). Wohl sollte - wie im Natura­lismus - die Natur unverfälscht wiedergegeben werden, aber nicht als mehr oder weniger gleichbleibender und objektiver Gegenstand (der vor allem verstandesmäßig erfasst wird), sondern seine im jeweiligen Augenblick sich darbietende Erscheinung, sein fortwährend wechseln­der Stimmungseindruck, sein flüchtiger Augenblickseindruck mit seiner Zufälligkeit, Augenblicklichkeit, Flüchtigkeit (mehr sinnenmäßig als verstandesmäßig erfassbar). Um das zu erreichen, werden die Gegen­stände aufgelöst in Lichter und tupfenhaft angedeutete Farbflecke in verschwimmenden Tönungen und aufgelösten Konturen, in Andeutungen, in unverbunden nebeneinanderliegenden Farben (also nicht durch genaue Ausführung gegenständlicher, sachgetreuer Einzelheiten). Im Auge des Beschauers vermischen sie sich dann zu einem festen Eindruck, zum Bild (Man vergleiche etwa ein Sehen mit halbgeschlossenen, oder verschleierten Augen!). Um diese fortwährend wechselnde Stimmung in ihrem besonderen Augenblick festhalten zu können, zieht der impressio­nistische Maler mit seiner Leinwand aus dem Atelier in die Natur und malt im freien, spielenden Licht.

Vertreter der Malerei:
In Frankreich: Monet, Manet, Corot, Degas, Pissaro, Renoir, Sisley. In Deutschland: Menzel, Liebermann, Corinth u.a.
(Ähnlich in der Musik: der impressionistische Künstler will weniger durch präzise Thematik und Melodienführung als durch verschleierte Klang­mischung künstlerische Wirkung erzielen.)

Claude Monet: Impression, soleil levant, 1872, Musée Marmottan, Paris
Claude Monet: Impression, soleil levant, 1872, Musée Marmottan, Paris

Die impressionistische Malkunst wirkte stark auf die Literatur:

Impressionistische Dichtungstheorie:
Auch hier ist Impressionismus die Kunst des Augenblicksein­drucks. Anstelle der optischen Impressionen der Malkunst treten in der Dichtung die klanglichen Impressionen.

Der Naturalismus hatte eine neue Stoffwelt eröffnet (die Welt des sinnlich Wahrnehmbaren, den Alltag, das naturwissenschaftlich Ma­teriell-Greifbare, Milieu und Vererbung, das Vordergründige) und hat eine neue Sehweise entwickelt (exakt sinnliche Wahrnehmung und Nach­zeichnung, massiv und derb zugreifende Gestaltungsweise, sachliche Vollständigkeit) und wollte so das Objekt, die objektive Wirklich­keit, die Natur einfangen, ist also gegenständlicher, stofflicher Naturalismus, Kunst des Objekts.

Der Impressionismus verfeinert, steigert die naturalistische, exakte Technik des Sehens, das Wie des Naturalismus, und überträgt sie auf die Seele, ins Psychologische, auf die Seelenzergliederung, und wird damit ein psychologischer, technischer Naturalismus, Kunst des Sub­jekts. So gelangt er, auf der gleichen weltanschaulichen Grundlage, schließlich zu einer vom stofflichen Naturalismus völlig abweichen­den Kunst: die Bindung an die Wirklichkeit verlagert sich vom natur­wissenschaftlich Greifbar-Materiellen ins Seelische; die strenge Ableitung des Menschen aus Milieu und Vererbung wird ersetzt durch psychologische Zwangsläufigkeit. Nicht mehr das Ding an sich soll abgezeichnet werden, sondern der Dichter zeigt das Ding, wie er es sieht; man entdeckt, dass das darzustellende Objekt nicht eine, die wirkliche, Gestalt habe, sondern viele verschiedene Gestalten, die nicht nur je nach Tages- und Jahreszeiten, Aufstellung und Beleuch­tung, sondern auch nach der Betrachtungsweise des Beschauers und seiner Stimmung wechseln. Das Wie gilt mehr als das Was; die Methode der Reproduktion mehr als das Reproduzierte; die Stimmungswirkung im Menschen mehr als die realen Gegebenheiten; die Stimmung mehr als der Gegenstand, der die Stimmung auslöst; die Spiegelung des Objekts Im Innern des Menschen mehr als die äußere Erscheinung des Objekts. Impressionismus wird also feinste psychologische Stimmungskunst, Ein­druckskunst. Die exakt sinnliche Wahrnehmung wird ersetzt durch feinste psychologische Beobachtung, das Seelenleben des Menschen wird abgebildet bis in die feinsten Abschattungen, in ihrer flüchtigen Augenblicksstimmung, den rasch wechselnden Zuständen, den Hintergrün­den, dem Wirrnis der Gefühle, der Ahnungen, Träume, Gesichte. Sinnen­hafte Eindrücke werden in feinsten Nuancen wiedergegeben, mit einer nervösen Reizbarkeit, und hinter diesen Reizen der Sinneseindrücke werden die verborgensten Regungen der Seele ahnen gelassen, in die untergründigsten seelischen Tiefen und Abgründe hineingeleuchtet.

So entwickelt sich der Impressionismus aus der Technik des Natura­lismus und seiner Empirik über feinste, nuanciertest Sinneswahrnehmung zur verfeinerten Seelenkunde und subtilsten psychologischen Ausdeutung, damit zum Übersinnlichen, Irrationalen, und damit letzten Endes zum Gegenpol des stofflichen Naturalismus. Auf dem Umweg über das Wie wird auch das Was des Naturalismus verdrängt, überwunden.

Dostojewski in Paris (1863)
Dostojewski in Paris (1863)

Die feinnervige, zarte, schleierhaft verhüllte, ganz auf Reiz ein­gestellte Stimmungskunst erforderte eine verfeinerte Dichternatur, eine feinnervige Seelenhaltung mit subtilsten Fingerspitzengefühl, den empfindsamen Sinnenmenschen, den ‘'reizsamen“ Nervenmenschen, Indem diese Seelenhaltung sich mit einer neuen, auf dem Geistigen (nicht bloß Psychologischen, Seelisch-Übersinnlichen, Irrationalen) aufbauenden Weltanschauung verbindet, wird er zum Wegbereiter des Symbolismus, der dem Naturalismus ganz und gar entgegengesetzt ist. Im Impressionismus streiten gleichsam Naturalismus und Symbolismus, Daher gibt es den Impressionismus auf dem weltanschaulichen Unter­grund des Naturalismus wie des Symbolismus, einen naturalistischen und einen symbolistischen Impressionismus, bei den Naturalisten wie bei den Symbolisten.

Gemeinsam ist dem Impressionismus und Symbolismus (wie überhaupt allen Gegenströmungen gegen den Naturalismus) die Rückwendung zum Irrationalen gegenüber dem Stofflichen und Rational-Fassbaren des Naturalismus. Die naturalistische Nachzeichnung unverfälschter Wirklichkeit war ja auf Kosten der seelischen Tiefe, des Wesentli­chen gegangen, (schon eine Schwäche des Realismus).

Sprache:
Erstrebt wird Tonmalerei, ein Stimmungsgemälde. Handlung und Schil­derung werden in einzelne Gesichte aufgelöst« Die klaren sprachli­chen Umrisse, Ideen, Meinungen werden in Eindrücke aufgelöst, Rhyth­mus und Reim werden ausgeschaltet, oft fehlen Interpunktionen und große Anfangsbuchstaben.

Vorbild:
Stärksten Einfluß auf alle Seelenstimmungskunst der Literaturepoche, also auch auf den Impressionismus übte die psychologische Zerglie­derungskunst Fedor Dostojewskij (1821-1881) aus. Er ist der Meister subtilster Bestandsaufnahme seelischer Regungen.

Vertreter:
Der erste und bedeutendste deutsche Impressionist ist Detlev von Liliencron (1844-1909), der aber ähnlich wie G, Hauptmann, Hermann Bahr u. a. die ganze Entwicklung vom Naturalismus bis zum Symbolismus mitgemacht hat.

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Bildquellen:

Musik im Tuileriengarten, 1862 National Gallery, London und Dublin City Gallery The Hugh Lane, gemeinfrei

Claude Monet: Impression, soleil levant, 1872, Musée Marmottan, Paris, gemeinfrei

Dostojewski in Paris (1863) von Urheber Unbekannt, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=50...