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Kennst du Antoine
de Saint-Exupéry?

Karlheinrich Biermann

Großer Beliebtheit erfreut sich noch heute die Geschichte vom kleinen Prinzen, jenem philosophischen Märchen, das von Liebe, Freundschaft und Tod handelt. Darin geht Saint Exupery der Frage nach dem Sinn des Lebens nach und blickt zurück auf sein eigenes: das Abenteuer einer Bruchlandung, das Überleben in der Wüste, die Sehnsucht nach der verlorenen Liebe … all das war dem Autor nur allzu vertraut.

Der Drachenprinz

Das Ungeheuer, das die Jungfrauen schonte

Der Berg, auf dem heute die Wachsenburg steht, war vor vielen Jahren die Heimat des großen Menold. Er war König aller Drachen und überall geehrt und gefürchtet. Menold war ungeheuer groß und stark, und wenn es darauf ankam, konnte er hundert Meter weit Feuer spucken.
Eines Tages rief er seinen jüngsten Sohn Tero zu sich und erklärte: »Meine Zeit ist gekommen. Ich bin alt geworden und meine Flügel beginnen zu lahmen. Neulich passierte es mir, dass nicht einmal mehr die Kinder davonliefen, als ich über ein Dorf flog. Immer habe ich mich vor diesem Zeitpunkt gefürchtet, an dem ich das Zepter weitergeben muss. Aus dem Grund habe ich spät geheiratet und deine älteren Brüder von der Erbfolge ausgeschlossen. In meinen besten Jahren bin ich täglich viele Meilen über das Land gestreift, und kaum ein Tag verging, an dem ich mir nicht irgendwo eine schöne Jungfrau geschnappt und sie gefressen hätte.«
Der Alte rollte mit den Augen, und dicke Tränen liefen seine zerklüfteten Wangen herab. Dann spie er noch einmal einen langen Feuerstrahl aus, grub ein großes Loch in den Berg und verschwand darin.
Tero war stolz, dass er nun seines Vaters Nachfolge antreten sollte, und er wünschte sich, ebenso geachtet zu werden wie sein alter Herr. Gerne hätte er noch mehr über die Jungfrauen erfahren, die sein Vater gefressen hatte. Menold aber kam nicht mehr aus seiner Erdhöhle hervor.
So machte sich Tero allein auf den Weg. Als er über Eisenach und an der Wartburg vorbei flog, sah er, wie unterhalb der Burg ein hübsches Mädchen auf einer Wiese Blumen pflückte und sich daraus einen Haarkranz flocht. Sofort glitt er zu ihr hinab und schnaubte furchterregend.
»Wer bist du und was willst du von mir?«, fragte das Mädchen ängstlich. »Ich bin Tero, ein Drachenprinz. Bald werde ich der König aller Drachen sein, wie mein Vater Menold, von dem du sicher gehört hast.«
»Der schreckliche Menold?« Das Mädchen zitterte am ganzen Leib. »Bitte lass mich leben! Ich bin noch so jung. Auch ich bin eine Prinzessin. Ich heiße Sophie und wohne auf der Wartburg. Meine Eltern bereiten gerade meine Hochzeit vor.«
Tero sah sie an und hatte Mitleid mit ihr. »Es war nett dich kennen zu lernen«, sagte er, schwang sich in die Lüfte und flog davon. Die Prinzessin aber kniete nieder, weinte vor Glück und dankte ihrem Schicksal für die Errettung.
Tero aber flog in Richtung Osten, und plötzlich überkam ihn ein unbändiger Hunger. Da sah er auf einem Feldweg einen stattlich gekleideten Jüngling reiten. Schnaubend jagte er dem Pferd Angst ein, so dass es seinen Reiter abwarf und in Panik davon stürmte. Ohne lange zu überlegen, fraß Tero den Jüngling. Dann flog er zufrieden auf den Wachsenberg zurück, leckte sich die wulstigen Lippen und fiel in einen Verdauungsschlaf.
Als er aufwachte, spürte er wieder ein drückendes Hungergefühl. Er erhob sich und zog fliegend seine Kreise. Kurz vor Arnstadt erblickte er einen Handwerksburschen, der fröhlich pfeifend und lockeren Schrittes auf Wanderschaft war.
»Hmm«‚ sagte Tero zu sich, »der ist jung und wohlgestalt, der könnte mir den Kohldampfvertreiben.« So fuhr er herab und verleibte sich den Wanderburschen ein.
Der Drachenprinz streichelte sich behaglich mit seinen Flügeln. Er dachte, nie mehr Hunger spüren zu müssen. Doch schon wenig später knurrte ihm erneut der Magen. Vom Himmel aus sah er einen jungen Schäfer mit seiner Herde. Der Schäfer saß auf einem Hügel und spielte gedankenverloren auf einer Flöte. Vorsichtig näherte sich Tero von hinten und setzte sich neben ihn. Der war so in sein Flötenspiel vertieft, dass er den Drachen zunächst gar nicht bemerkte. Als er ihn dann sah, schreckte er zusammen. »Was willst du von mir?« fragte er.
»Spiel mir auf deiner Flöte vor«, antwortete Tero. Der Jüngling tat es. Verängstigt spielte er alle Lieder, die er kannte, und Tero legte voller Rührung einen seiner Flügel um den Schäfer. Dann leckte er ihm das Gesicht, drückte ihn an sich und verspeiste ihn genüsslich.
Inzwischen luden Prinzessin Sophies Eltern zur Hochzeit ihrer Tochter. Die Wartburg wurde von unten bis oben geschrubbt, gebohnert und geschmückt. Die Bäcker und Fleischer in der Umgebung mussten Überstunden machen. Boten wurden durchs Land geschickt, um die Hochzeitsgäste zu geleiten.
Doch am Tag der geplanten Hochzeit warteten alle vergeblich auf den Prinzen. Nur sein Pferd fand man allein und verstört auf einer Wiese. Sophie war untröstlich und weinte viele Wochen lang.
In Arnstadt harrte ein Juwelier vergeblich auf seinen Gesellen, und vor Stadtilm liefen vereinzelte Schafe herrenlos über die Felder. »Das hat der Drache angerichtet«, raunten sich die Bürger zu, und große Furcht verbreitete sich unter ihnen. »Ein Drache hat meinen besten Zuchtbullen verschlungen«, sagte einer, »aber sich an einem echten Prinzen zu vergreifen, geht entschieden zu weit.« Die Bauern trieben Schafe, Ziegen und Rinder über die Wiesen und versuchten, Tero damit zu locken. Doch der missachtete ihre Angebote und schnappte weiter nach den Söhnen aus besten Familien.
Die Bürgermeister der Gemeinden trafen sich darauf mit dem Landgrafen. Sie beschlossen, dass der kräftigste Bursche des Landes vorgeschickt werden und den Drachen im Schlaf töten solle.
Als der Bursche sich nachts heranschlich, stellte sich Tero schlafend. Doch als er nahe genug an ihn herangekommen war, spie der Drachenprinz Feuer und ließ sich den kräftigen Kerl schmecken.
Wieder versammelte der Landgraf die Bürgermeister um sich und sagte zu ihnen:
»Ihr erinnert euch an den alten Menold, Teros Vater. Der hat auch unsere Rinder, Schweine und Schafe verschmäht und stattdessen jeden Tag eine Jungfrau gefressen, ohne Rücksicht auf Herkunft und Bildung. Früher mussten wir unsere Töchter schützen. In Zukunft gilt‘s, auf unsere Söhne Acht zu geben. Offenbar gibt es kein Leben ohne Sorgen.«

Ob die Geschichte wahr ist? Alle Geschichten sind wahr, besonders die, welche sich um die Wachsenburg ereignet haben.

 

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Textquelle: „Der Drachenprinz", Bertuch Verlang GmbH Weimar, 2004; (ISBN-Nr.: 3-937601-08-2)

Teaserfoto: Zeichnung von Herrn Dieter Stockmann aus dem Buch „Der Drachenprinz"