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Der Bronstein-Defekt

und andere Geschichten 

Christoph Werner

"Ich stellte bald an mir selbst die Verführung durch Zählen und Auswerten fest und empfand die Wonne, Gesetzmäßigkeiten bei gewissen Massenerscheinungen festzustellen. Nichts war vor mir sicher. Als erstes machte ich mich über die Friedhöfe her..."

Maifeste

Walpurgisnacht, Tag der Arbeit, Muttertag und Marienandachten

Wie der erste Tag war auch die Nacht zum ersten Mai mit Brauchhandlungen aufgeladen. Hand aufs Herz - wer denkt da nicht gleich an die heute so beliebte Feier der Walpurgisnacht, in der in vielen Orten Deutschlands mächtige Feuer in den nächtlichen Himmel lodern.

Wo sich die Feier vielerorts erhalten hat oder auch unter touristischen Aspekten wiederbelebt wurde, spielt wieder unsere moderne Freizeit- und Eventkultur die zentrale Rolle. Denn das, was wir heute als Walpurgisnachtfeier kennen, gründet eigentlich, wer weiß das schon, auf einer Neuschöpfung aus höchst prominenter Feder: Nach Eindrücken seiner ersten Brockenwanderung von 1777 gestaltete Johann Wolfgang von Goethe in der gleichnamige Szene in seinem Weltdrama „Faust 1. Theil", erschienen 1808, den aus früheren Darstellungen bekannten Hexensabbat nach und baute die bis dahin nur im Eichsfeld bekannte heilige Walburga (Walpurgis) ein, deren Heiligentag der 1. Mai war. Die danach auf dem Brocken immer ausgelassener werdende neue Brauchrealität erhielt Ende des 19. Jahrhunderts nahezu Volksfestcharakter und war in Deutschland weithin bekannt. Diese dann durch die Grenzlage während der deutschen Teilung 1961?1989 verloren gegangene Tradition wurde nach 1990 ? auch unter touristischem Aspekt ? wieder belebt, nun konzentriert auf Schierke und weitere 35 Harzorte sowie vor allem den Hexentanzplatz bei Thale.

Plakat von Otto Marcus zum 1. Mai 1901
Plakat von Otto Marcus zum 1. Mai 1901

Ende des 19. Jahrhunderts erhielt nun der erste Tag im Mai in politischer Hinsicht eine neue, ganz eigene Tradition: War er 1889 und 1890 das Datum großer Massendemonstrationen für die Ziele der Arbeiterbewegung, so wurde er 1891 zum „Festtag der Arbeiter aller Länder" bestimmt, „an dem die Arbeiter die Gemeinsamkeit ihrer Forderungen und ihre Solidarität bekunden sollen".

Seit 1933 - ja, seit der NS-Zeit - ist der Erste Mai in Deutschland Feiertag. Wenn heute die DGB-Gewerkschaften zu ihren Kundgebungen aufrufen, so erleben sie vielfach Ähnliches, was auch die christlichen Kirchen zu Pfingsten konstatieren müssen: Das Freizeitvergnügen an diesen arbeitsfreien Feiertagen geht vielen Deutschen vor! Dabei gilt der katholischen Kirche der Mai als Marienmonat, weshalb seit dem 18./19. Jahrhundert zur besonderen Verehrung Marias Maiandachten gehalten und Maialtäre aufgestellt werden.

Im 20. Jahrhundert wurde es außerdem noch üblich, am zweiten Sonntag im Mai den Muttertag zu begehen. Kräftig mitgeholfen haben an diesem von den USA übernommenen Brauch auch die Werbung und die Floristen: Kaum ein Jahr, an dem nicht Vorfeld massiv zum Geschenkekauf für die Mütter aufgerufen wird.

 

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- Vorschaubild: 1. Mai-Demonstration in Hamburg (2004). Urheber: Grubmah in de.wikipedia, CC-BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons
- Foto "Walpurgisfeuer": Florian Russi
- "Proletarier aller Länder vereinigt Euch!" Plakat von Otto Marcus zum 1. Mai 1901.