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Reden wir von der Liebe

Florian Russi hat sich diesem Unterfangen gestellt und vieles zusammengetragen, was in der Welt über die Liebe gedacht, gesagt, gesungen und geschrieben wurde. Ohne Umschweife erzählt er aus Mythen und Sagen, stellt berühmte Paare vor und beschreibt ihr oft abenteuerliches Liebesleben.

Liebeslied

ein bekanntes Liebesgedicht

Rainer Maria Rilke (1875-1926) war einer der bedeutendsten Lyriker deutscher Sprache. Er führte ein unstetes Leben, litt häufig unter finanziellen Sorgen und war in Liebesdingen unbeständig und unsicher. Einige Jahre unterhielt er eine sehr fruchtbare Beziehung zu der hoch gebildeten, um viele Jahre älteren und verheirateten Lou Andreas-Salomé (1861-1937), die auch mit Sigmund Freud (1856-1939) befreundet war und der Friedrich Nietzsche (1844-1900) vergeblich einen Heiratsantrag gemacht hatte. Im Jahr 1901 heiratete Rilke die Bildhauerin Clara Westhoff (1878-1954). Knapp eineinhalb Jahre später verließ er jedoch die gemeinsame Wohnung und zog nach Paris. Von 1914 bis 1916 verband ihn eine Liebesbeziehung mit der Künstlerin Lou Albert-Lasard (1885-1969).

Lou Andreas-Salomé Clara Rilke-Westhoff

 

    
Lesen Sie hier eines seiner bekanntesten Liebesgedichte:
 
Wie soll ich meine Seele halten,
dass sie nicht an Deine rührt? Wie soll ich sie
hinheben über dich zu andern Dingen?

Ach gerne möchte ich sie bei irgendwas
Verlorenem im Dunkel unterbringen
An einer fremden stillen Stelle, die
Nicht weiterschwingt, wenn deine Tiefen schwingen.

Doch alles, was uns anrührt, dich und mich,
nimmt uns zusammen wie ein Bogenstrich,
der aus zwei Saiten eine Stimme zieht.

Auf welches Instrument sind wir gespannt?
Und welcher Geiger hat uns in der Hand?
0 süßes Lied.

Rilke fühlte sich nicht in der Lage, eine Antwort auf die Frage: »Was ist Liebe« zu geben. In einem Brief an den damals 20-jährigen Franz Xaver Kappus hielt er es jedoch für lohnend, die Liebe als Last und Lehrzeit um einer besseren Zukunft willen auf sich zu nehmen:

»Darin aber irren die jungen Menschen so oft und so schwer; dass sie (in deren Wesen es liegt, keine Geduld zu haben) sich einander hinwerfen, wenn die Liebe über sie kommt, sich ausstreuen, so wie sie sind in all ihrer Unaufgeräumtheit, Unordnung, Wirrnis ...: Was aber soll dann sein?
Kein Gebiet menschlichen Erlebens ist so mit Konventionen versehen wie dieses; Rettungsgürtel der verschiedensten Erfindung, Boote und Schwimmblasen sind da; Zuflüchte in jeder Art hat die gesellschaftliche Auffassung zu schaffen gewusst, denn, da sie geneigt war, das Liebesleben als ein Vergnügen zu nehmen, musste sie es auch leicht ausgestalten, billig, gefahrlos und sicher, wie öffentliche Vergnügungen sind.
Wer ernst hinsieht, findet, dass, wie er für den Tod, der schwer ist, auch für die schwere Liebe noch keine Aufklärung, keine Lösung, weder Wink noch Weg erkannt worden ist; und es wird für diese beiden Aufgaben, die wir verhüllt tragen und weitergeben, ohne sie aufzutun, keine gemeinsame, in Vereinbarung beruhende Regel sich erforschen lassen.
Wenn wir aber doch aushalten und diese Liebe auf uns nehmen, als Last und Lehrzeit, statt uns zu verlieren an all das leichte und leichtsinnige Spiel, hinter dem die Menschen sich vor dem ernstesten Ernst ihres Daseins verborgen haben, - so wird ein kleiner Fortschritt und eine Erleichterung denen, die lange nach uns kommen, vielleicht fühlbar sein; das wäre viel.«

 

 

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Textquelle: "Reden wir von der Liebe", Herausgeber: Florian Russi, erschienen im Bertuch Verlag Weimar, 2007

Vorschaubild, Rainer Maria Rilke, gemeinfrei, bearbeitet von Andreas Werner

Lou Andreas-Salomé, gemeinfrei
Clara Rilke-Westhoff, gemeinfrei