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Kennst du Gotthold Ephraim Lessing?
vorgestellt von Jürgen Krätzer

Jürgen Krätzer eröffnet uns eine neue Sicht auf den Autor. Lessing entpuppt sich als schulverdrossener Aufrührer, als Student in „schlechter Gesellschaft" und als leidenschaftlicher Glücksspieler, der sich von Job zu Job hangelt. Bewusst stellte er sich gegen die damaligen Erwartungen und prangerte die Scheuklappen der Gesellschaft an. Krätzer zeigt dies anhand unkonventioneller Fabeln und Gedichte, seiner Kritiken und Briefe. Zugleich setzt er sich mit Lessings neuartiger Theatertheorie und den aufklärerischen Werten in seinen Dramen auseinander. Dabei gelingt es ihm aufzuzeigen, wie relevant und modern deren Themen noch heute sind.

Und wenn sich der Schwarm verlaufen hat

Und wenn sich der Schwarm verlaufen hat

Friedrich Adolf Krummacher

Die Ritter von der Gemütlichkeit


Dieses Lied wird gerne im Anschluss an den offiziellen Teil von Festkommersen gesungen. Das Gros der Teilnehmer hat die Veranstaltung verlassen; jetzt sind nur noch die Unentwegten zu Gange. Sie brauchen nicht mehr auf Etikette zu achten und huldigen stattdessen der Gemütlichkeit. Jetzt kann nach Herzenslust getrunken werden, frei debattiert und frei von der Leber weg gesungen werden. Das Lied ist ein Hochgesang auf die Freiheit von gesellschaftlichen Zwängen und Benimmregeln.

Florian Russi

1. Strophe
Und wenn sich der Schwarm verlaufen hat
um mitternächtige Stunde,
dann findet unter den Edleren statt
eine würdige Tafelrunde.
|: Es sind erhaben ob Raum und Zeit
die Ritter von der Gemütlichkeit. :|

2. Strophe
Und wie der Zapfen vom Fasse springt,
so springt der Deckel vom Herzen,
und was sich drinnen bewegt, das klingt
in lustigen Liedern und Scherzen.
|: Es sind dem freien Wort geweiht
die Ritter von der Gemütlichkeit. :|

3. Strophe
Wenn einem trocken die Kehle ward
und er durstig lechzt nach dem Nassen,
so ist es dieser Ritter Art,
dass sie ihn nicht sterben lassen.
|: Es sind dem Wohle der Menschheit geweiht
die Ritter von der Gemütlichkeit. :|

4. Strophe
Und wenn sich etliche Toren gar
in traurigem Irrtum bekannten
zu jener beklagenswerten Schar
der Sekte der Flagellanten*.
|: Denen setzen zurecht den Kopf beizeit
die Ritter von der Gemütlichkeit. :|

5. Strophe
Drum lebe hoch das freie Wort,
das frisch von den Lippen rinne!
Drum lebe, wem nicht die Kehle verdorrt
und wer nicht verachtet die Minne!
|: Drum leben, erhaben ob Raum und Zeit
die Ritter von der Gemütlichkeit. :|

* Als Flagellanten wurden christliche Fanatiker bezeichnet, die vor allem im 13. und 14. Jahrhundert über die Straßen zogen und sich öffentlichen geißelten. Diese meist blutigen Selbstgeißelungen verstanden sie als Akte der Buße für eigene oder auch fremde Sünden. Was sie hier im Text zu suchen haben ist schwer verständlich. Möglicherweise hatte der Autor mit solchen „Toren“ persönlich schlechte Erfahrungen gemacht. Vielleicht hat er sie aber auch nur als extremes Gegenbeispiel für diejenigen gesehen, die es sich in gemütlicher Runde gut gehen ließen.



Melodie anhören

Noten und Liedtext zum kostenlosen Download



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Noten gesetzt von Oliver Räumelt - freischaffender Musiker aus Weimar


Vorschaubild: Nächtliches Trinkgelage, Gemälde von 1731 von William Hogarth, gemeinfrei