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Über Werte und Tugenden

Florian Russi

Mehr denn je wird über die althergebrachten Werte und Tugenden diskutiert. Sind Tugenden und Werte Begriffe aus der Klamottenkiste oder bestimmen sie auch heute noch unser Handeln?

Walter Reinhards Erbe

160 Milliarden Euro suchen ihre rechtmäßigen Besitzer

Mein Vater hat mir erzählt, dass in der Zeit vor dem 1. Weltkrieg ein englischer Rechtsanwalt bei seiner Mutter aufgekreuzt sei und ihr angeboten habe, für sie einen Erbanspruch zu vertreten. Meine Großmutter sei jedoch nicht auf das Angebot eingegangen, weil sie es nicht für erfolgversprechend gehalten hat.

Ihr Großvater, Christian Reinhard, war Bürgermeister („Oberschultheiß") in der Residenzstadt Biebrich (heute ein Stadtteil von Wiesbaden) und nach Ansicht des Rechtsanwaltes mit dem Erblasser verwandt. Das Erbe, um das es hierbei ging, hätte heute einen Wert von etwa 160 Milliarden Euro. Es befindet sich jetzt in englischem oder indischem Besitz. Darüber hinaus haben zahlreiche Menschen, die ihre Herkunft auf Walter Reinhard zurückführen und in Deutschland, Österreich oder den USA leben, (die Nachfahren schrieben sich angeblich mit „d" oder „dt") eine Interessengemeinschaft gegründet, mit der sie Ansprüche auf das Erbe gelten machen. Für manche von ihnen spielt dabei weniger die Erwartung eines Millionenvermögens als die Beteiligung an einem familiengeschichtlichen Abenteuer die Hauptrolle. Wer aber war der Erblasser und wie kam er zu einem solch gigantischen Reichtum?

Die Existenz des Mannes ist ein historisches Faktum. Wie so oft in solchen Fällen ist seine genaue Herkunft und Identität jedoch umstritten. Es wird sogar die Meinung vertreten, dass er gar nicht Reinhard(t), sondern Sommer geheißen habe. Höchst wahrscheinlich aber handelt es sich bei ihm um den in Eisenberg in der Pfalz geborenen Johann Walter Reinhard. Er floh (nach Angaben meines Vaters wegen einer Frauengeschichte) aus Deutschland und trat in die Dienste der französischen Streitkräfte. Vom Franzosenkönig Ludwig XVI. wurde er zum Oberst ernannt. Auf französischer Seite kämpfte er in Indien gegen die Engländer, wechselte dann aber die Seiten und diente sich schließlich dem indischen Fürsten Shah Allam II. als Heerführer an.

Grabplatte
Grabplatte

Er soll ein hervorragender Soldat gewesen sein und erfolgreich für die Selbstständigkeit seines Herrn gekämpft haben. Der Shah ernannte ihn daraufhin zum Gouverneur von Agra und schenkte ihm große Ländereien, die Reinhardt so geschickt bewirtschaftete, dass er ein steinreicher Mann wurde und zum Fürsten von Sardhana aufstieg.

Er verliebte sich in eine indische Tänzerin („Tanzmädchen"), die er später heiratete und die nach seinem Tod sein Vermögen verwaltete. Die Ehe der beiden war kinderlos geblieben. Seine Frau setzte testamentarisch einen entfernten Verwandten als Erben ein, doch das Testament wurde nicht anerkannt, das Vermögen von den englischen Kolonialbehörden beschlagnahmt.

Es soll sich heute teilweise im Besitz der englischen Krone befinden. Der Erblasser wurde 1778 in Agra beerdigt. Auf seiner Grabplatte steht der Name Walter Reinhard.

Die Behauptung, dass er in Wirklichkeit Sommer geheißen habe, rührt vielleicht daher, dass er in Militärkreisen den Übernahmen Sombré bekommen hatte. Sombré bedeutet sowohl auf Englisch wie auf Französisch der „Dunkle" oder „Düstere". Damit sollte wohl ausgedrückt werden, dass seine Herkunft für seine französischen oder englischen Kampfgenossen im Dunklen lag. Reinhard selbst soll (er wird seine Gründe dafür gehabt haben) immer etwas Geheimnisvolles um seine Person und Abstammung gelegt haben.

Angeblich ist die erbrechtliche Angelegenheit bis heute noch offen. Aus heiterer Distanz brauche ich mir jedoch wohl keine Gedanken darüber zu machen, wo ich den eventuell mir zustehenden Elefanten in meinem Wohngehege unterbringen sollte.

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Bildquellen: Genehmigung von Martin Bradatsch, Vorstandsvorsitzender von REINHARD'S ERBENGEMEINSCHAFT