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Karlheinz Fingerhut 
Kennst du Franz Kafka?

Was für ein komischer Kauz muss dieser Kafka wohl gewesen sein, dass kaum ein Lehrer so recht weiß, wie ihn vermitteln. Dabei ließen sich Kafkas Texte mit Träumen vergleichen, und die kennt doch jeder.
Karlheinz Fingerhut ermöglicht in diesem Buch einen leichteren Zugang zum Menschen Kafka und zu seinen teils verwirrenden Werken.

Singe, wem Gesang gegeben

Singe, wem Gesang gegeben

Ludwig Uhland

Ein Lied für die Freiheit

Der Titel des Liedes ist zum geflügelten Wort geworden. Dabei wurde er oft missinterpretiert. Einige lasen ihn als Aufforderung an Stümper, sich doch mal etwas zuzutrauen, andere verstanden es im Gegenteil so, dass niemand den Mund auftun sollte, der nichts zu sagen bzw. zu singen habe. Beim Betrachten des gesamten Liedtextes wird jedoch deutlich, was Uhland sich beim Niederschreiben gedacht hat. Der Originaltitel lautet „Freie Kunst". Der Text wendet sich an Schriftsteller bzw. Dichter. Ihnen spricht Uhland Mut zu. Sie sollen sich nicht durch die großen Namen einschüchtern lassen. Beim Gedicht kommt es nicht darauf an, dass es tausende Male gedruckt wird, sondern darauf, dass es Freude bereitet. Das trifft schon dann zu, wenn nur der Autor selbst beim Schreiben überzeugt und glücklich war und das beschriebene Papier anschließend dem Wind anvertraut.

Uhland spricht in seinem Gedicht auch Anliegen der damaligen demokratischen Bewegung an. Es geht um Gedankenfreiheit und um Nationalbewusstsein („... der deutsche Gott&qquot;). Dass Uhland, wie sehr viele Geistesschaffende seiner Generation, nationale Töne gebrauchte, wird ebenfalls häufig missverstanden. Zur Zeit, in der er lebte, war Deutschland in 300 Fürstentümer zersplittert und in den Jahren 1795 bis 1814 von Napoleon fremdbestimmt. Nationalismus war damals eine progressive Haltung, welche die deutsche Einheit, mehr Demokratie und Freiheitsrechte zum Ziel hatte. Erst später wurde diese Haltung verwirkt und missbraucht. Die Memschen um Ludwig Uhland jedoch dachten ähnlich wie heute die Anhänger eines geeinten Europas. Auch das ist ein Zwischenziel auf einem Weg zum Weltfrieden.

Florian Russi 

Singe, wem Gesang gegeben,
in dem deutschen Dichterwald!
Das ist Freude, das ist Leben,
wenn's von allen Zweigen schallt.

Nicht an wenig stolze Namen
ist die Liederkunst gebannt:
ausgestreuet ist der Samen
über alles deutsche Land.

Deines vollen Herzens Triebe,
gib sie keck im Klange frei!
Säuselnd wandle deine Liebe,
donnernd uns dein Zorn vorbei!

Singst du nicht dein ganzes Leben,
sing' doch in der Jugend Drang!
Nur im Blütenmond erheben
Nachtigallen ihren Sang.

Kann man's nicht in Bücher binden,
was die Stunden dir verleihn,
Gieb ein fliegend Blatt den Winden!
Muntre Jugend hascht es ein.

Fahret wohl, geheime Kunden
Nekromantik, Alchymie.
Formel hält uns nicht gebunden
Unsre Kunst heißt Poesie.

Heilig achten wir die Geister,
aber Namen sind uns Dunst,
würdig ehren wir die Meister,
aber frei ist uns die Kunst.

Nicht in kalten Marmorsteinen,
nicht in Tempeln dumpf und tot:
In den frischen Eichenhainen
webt und rauscht der deutsche Gott.

 

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Vorschaubild: "Das Konzert" Ölgemälde von Lorenzo Costa, ca. 1490.