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Hambacher Fest

„Hoch lebe jedes Volk, das seine Ketten bricht"

Sonderbriefmarke "175 Jahre Hambacher Fest"
Sonderbriefmarke "175 Jahre Hambacher Fest"

Am 27. Mai 1832 strömten fast 30.000 Menschen zum Hambacher Schloss bei Neustadt an der Weinstraße in der Pfalz. Das war eine erstaunlich große Menge, denn damals gab es keine weit verbreiteten Medien oder Internet-Netzwerke, über die große Bewegungen hätten mobilisiert werden können. Die Teilnehmer folgten einer Einladung, die von dem Journalisten Dr. Philipp Jakob Siebenpfeiffer verfasst war. Offiziell wurde zu einem „Nationalfest der Deutschen" eingeladen. Politische Versammlungen oder gar Demonstrationen waren zu dieser Zeit streng untersagt. Die damals für den Ort Neustadt zuständige bayrische Regierung verbot entsprechend die Veranstaltung und versuchte vergeblich sie zu verhindern. Ihr war bewusst, dass es sich nicht um ein normales Volksfest, sondern um eine geplante Demonstration für die nationale Einheit Deutschlands, für Volkssouveränität und Freiheit handelte. Es war ein Aufbegehren der demokratischen Bewegung, die sich vor allem in Kreisen des südwestdeutschen Bürgertums immer mehr Gehör verschaffte.

Im Jahr 1817 hatten beim „Wartburgfest" in Eisenach erstmals Professoren und Studenten aus ganz Deutschland für die deutsche Einheit und bürgerliche Freiheitsrechte demonstriert. Initiatoren waren die 1815 in Jena gegründeten Burschenschaften. Zwei gesellschaftliche Kräfte standen damals gegeneinander. Die Vertreter des meist akademischen Bürgertums hatten sich aktiv an den Freiheitskriegen gegen Napoleon beteiligt und hofften darauf, im Anschluss ein geeintes und demokratisches Deutschland aufbauen zu können. Die Fürsten und Vertreter des Adels dagegen nutzen die Niederlage Napoleons, um die alten autokratischen Herrschaftsstrukturen wiederherzustellen. Beim Wiener Kongress 1814/15 und in den „Karlsbader Beschlüssen" legten sie im Jahr 1819 Verfahrengsgrundlagen für diese Restauration. Liberale und Demokraten wurden verfolgt und verhaftet. Ihre Anführer als „Demagogen" (griech.: Volksverführer) verfemt.

Philipp Jakob Siebenpfeiffer und Johann Georg August Wirth vor dem Hambacher Schloss
Philipp Jakob Siebenpfeiffer und Johann Georg August Wirth vor dem Hambacher Schloss

Die Hauptinitiatoren des Hambacher Festes, Philipp Jakob Siebenpfeiffer und Johann Georg August Wirth waren promovierte Juristen und Publizisten. Siebenpfeiffer war wegen seines Eintretens für die Demokratie aus den bayrischen Staatsdiensten entlassen worden.

Hauptforderungen der demokratischen Bewegung waren:
-  Volkssouveränität mit freien Wahlen
-  eine geschriebene und damit klar nachvollziehbare Verfassung
-  eine Dreiteilung der Staatsgewalten (gesetzgebende, vollziehende und rechtsprechende).

In Einzelfragen wichen die Überzeugungen und Ziele voneinander ab. So strebte ein Teil der Freiheitskämpfer eine konstitutionelle (auf einer demokratischen Verfassung beruhende) Monarchie an. Einige wollte eine „großdeutsche" Lösung zusammen mit Österreich und unter einem Habsburger Kaiser, andere eine „kleindeutsche" unter Füuuml;hrung Preußens. Sie boten 1849 dem Preußenkönig Friedrich Wilhelm IV. die Kaiserkrone an. Der jedoch lehnte dieses Ansinnen ab. Er wollte seine Macht auf die Gnade Gottes zurückführen und sich nicht vom Volk eine „Krone aus der Gosse" aufdrücken lassen. 

Das Hambacher Schloss heute
Das Hambacher Schloss heute

Die Reden, die auf dem Hambacher Fest gehalten wurden, klingen auch heute noch modern und universell. So sagte Siebenpfeiffer u. a.: „Wir widmen unser Leben der Wissenschaft und der Kunst, wir messen die Sterne, prüfen Mond und Sonne ... durchwühlen die Körper- und Geisteswelt: aber die Regungen der Vaterlandsliebe sind uns unbekannt, die Erforschung dessen, was dem Vaterlande Not tut, ist Hochverrat, selbst der leise Wunsch ... eine frei-menschliche Heimat zu erstreben, ist Verbrechen." Er schloss mit den Worten: „Es lebe das freie, das einige Deutschland. Hoch leben die Polen, der Deutschen Verbündete. Hoch leben die Franken (gemeint sind die Franzosen) der Deutschen Brüder, die unsere Nationalität und Selbstständigkeit achten. Hoch lebe jedes Volk, das seine Ketten bricht und mit uns den Bund der Freiheit schwört! Vaterland, Volkshoheit, Völkerbund Hoch!"

Wirth führte u. a. aus: „Darum, deutsche Patrioten, wollen wir die Männer wählen, die durch Geist, Feuereifer und Charakter berufen sind, das große Werk der deutschen Reform zu beginnen ... hoch leben die vereinigten Freistaaten Deutschlands. Hoch! Dreimal hoch das conförderierte republikanische Europa!"

Als Gäste nahmen an dem Fest u. a. der damals sehr bekannte Publizist Ludwig Börne und der Schriftsteller Fritz Reuter teil.

Korporierte Studenten feiern das Grundgesetz auf dem Hambacher Schloss (2009)
Korporierte Studenten feiern das Grundgesetz auf dem Hambacher Schloss (2009)

Die Restauration reagierte empört. Der österreichische Kanzler Metternich sprach von einem Skandal und wirkte auf die bayrische Regierung ein, gegen die Veranstalter vorzugehen. Siebenpfeiffer und Wirth mussten in die Schweiz flüchten, weitere führende Teilnehmer wurden angeklagt und, obwohl das damit befasste Gericht sie frei gesprochen hatte, anschließend inhaftiert.

Der damals in Paris lebende Heinrich Heine bedauerte, dass das Fest, keine Erhebung und Umwälzung ausgelöst habe. „Jene Hambacher Tage waren der letzte Termin, den die Göttin der Freiheit uns gewährt", bemerkte er.

Erst 117 Jahre nach dem Hambacher Fest, im Jahr 1949, wurde im westlichen Teil Deutschlands eine Verfassung (Grundgesetz) verabschiedet, welche eine tragfähige Grundlage für eine stabile und entscheidungsfähige Demokratie bildete. Sie ist der Erfolg eines langen Kampfes von überzeugten Demokraten, aber auch das Ergebnis der Erfahrung mit einer von fremden Mächten niedergerungenen Diktatur.

Heute wird die parlamentarische Demokratie, so wie sie im Grundgesetz verankert ist, von der ganz überwiegenden Mehrheit der Deutschen gutgeheißen und unterstützt. Für viele, die diesen historischen Fortschritt nicht für eine Selbstverständlichkeit halten, ist das Hambacher Schloss ein geeigneter Ort, an dem über das Schicksal Deutschlands und die Fortentwicklung seiner Politik nachgedacht, diskutiert, geplant und demonstriert werden kann.

 

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Bilder.
- Vorschaubild: "Zug zum Hambacher Fest" von Erhard Joseph Brenzinger. Teilkolorierte Federzeichnung von 1832. (Die Flaggen zeigen die damals so gewählten deutschen Landesfarben Gold-Rot-Schwarz.)
- Sonderbriefmarke "175 Jahre Hambacher Fest", Deutsche Post AG, nach einem Entwurf von Johannes Graf, Dortmun, ausgegeben 2007.
- Philipp Jakob Siebenpfeiffer und Johann Georg August Wirth vor dem Hambacher Schloss. Bearbeitung und Fotomontage von Rita Dadder.
- Foto "Das Hambacher Schloss heute": Florian Russi.
- Foto Korporierte Studenten bei einer Feier zum 60jährigen Bestehen des Grundgesetzes auif dem Hambacher Schloss (2009): Florian Russ.