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Ulf Annel
Knalltüten
Kindergedichte für ganze Große

Meine Güte,
du Knalltüte!
Na toll-
heute mal wieder voll
aufgeblasen!?
Du wirst noch platzen
und alles vollmatzen.
Lass Druck ab,
sonst fällt der Stuck ab,
wenn du - Knallbumm!! -
platzt, fall'n wir um.
Das wär dumm.

Struwwelpeter

Struwwelpeter

Ulrike Unger

Struwwelpeter - Ein Kinderbuch erobert die Welt

Heinrich Hoffmann (1809-1894), praktischer Arzt und Psychiater aus Frankfurt am Main, hatte eigentlich nie beabsichtigt Kinderbuchautor zu werden. Und doch schuf er mit dem Struwwelpeter eines der weltweit beliebtesten Werke der Kinderliteratur.

Das war Hoffmanns Errungenschaft: Er erfand das erzählende Bilderbuch. Es war ein Novum des Biedermeier. Intensiv hatte er sich als Bildungsbürger mit der Kinderliteratur sowie Pädagogik seiner Zeit beschäftigt.

Im Vorspruch seines berühmten Buches heißt es: „Wenn die Kinder artig sind, kommt zu ihnen das Christkind." Es schließen sich allerlei Gebote und Verbote für das kindliche Verhalten an. Würden diese befolgt, so suggeriert die Einleitung, bekäme das Kind die erhofften Geschenke, unter anderem ein Bilderbuch. Das im Buch blätternde Kind erhält anhand der Reimgeschichten einen Einblick in die Welt der Ungehorsamen. Da gibt es den bitterbösen Friederich, der die Tiere quält, die Geschichte von den bösen Buben, die sich über einen Mohren lustig machen und zur Strafe dafür vom großen Nikolas im Tintenfass schwarz gefärbt werden oder den Daumenlutscher Konrad, dem der Schneider mit einer überdimensionierten Schere beide Daumen entfernt. Das Kind als Außenstehendes kann beim Lesen und Betrachten der Zeichnungen realisieren, wie es diesen ergeht und sich bald mit auf die Seite der Braven stellen. So mag sich der Autor die moralische Verinnerlichung der Geschichten in die Köpfe seiner kleinen Leser gedacht haben.  

In die Struwwelpeter-Texte sind zudem Erkenntnisse und Inspirationen aus gesellschaftsrelevanten Themen der Zeit und Motive aus Balladen, Druckgrafiken, Märchen und Erzählungen eingeflossen. Das zeigt auch, dass sich Reimerich Kinderlieb, wie sich Hoffmann noch in der Erstausgabe 1845 unter Pseudonym bezeichnete, immer wieder Gedanken zu kindgerechtem Spielzeug machte. Ihn störte der Langeweile heraufbeschwörende Charakter vieler Bücher, die eigentlich für Kinder bestimmt waren. Was das Kind in die Hand bekam, sollte, wie Hoffmann meinte, viel mehr Spannung erzeugen, Spaß machen, Interesse vermitteln. Heinrich Hoffmann beginnt bei der unmittelbaren Lebenswelt des Kindes, im Umkreis der Familie, im Alltag. Eine Identifizierung des Kindes mit dieser ist somit schnell hergestellt. Die Geschehnisse innerhalb der kurzen Geschichten werden von Hoffmann zusätzlich ins Groteske, Übertriebene gesteigert, denn der Doktor war ein begeisterter Satiriker. In der Episode vom wilden Jäger bediente sich der Autor der in politischen Schriften beliebten Darstellung einer verkehrten Welt. Über den Jäger, der von einem Hasen mit der Flinte gejagt wird, dürften Kinder jeder Generation herzhaft lachen können.
Hoffmann selbst war es auch, der rückblickend Alltagsszenen beschrieben hat, die seinem Kinderbuch zu Ideen verhalfen. So erinnerte er sich einst an die Hausbesuche bei seinen jungen Patienten. Signalisierten diese Unwillen wegen der bevorstehenden ärztlichen Behandlung oder ängstigten sie sich vor den Gerätschaften, die er mitbrachte, zog er schnell sein Notizbuch aus der Tasche, zeichnete den Struwwelpeter hinein und erzählte dessen Geschichte dazu. Die Kinder waren abgelenkt, ja, belustigt und Hoffmann konnte die notwendige Untersuchung durchführen.
Die medizinische Tätigkeit des Autors fließt mehr oder weniger stark in die einzelnen Texte ein. Für den gegenwärtigen Leser des Kinderbuchklassikers ist es faszinierend, wie modern manche Themenfelder aus den einzelnen Geschichten wirken. So scheinen wir in der Zappel-Philipp-Erzählung Grundzüge des Krankheitsbildes der ADHS (Aufmerksamkeits-Defizits-Hyperaktivitätsstörung) wiederzuerkennen. Hoffmann selber könnte unter einem Zappel-Philipp-Syndrom gelitten haben, wie Hinweise aus seiner Autobiographie nahelegen. Die anorexia nervosa oder Magersucht kann für den heutigen Leser durchaus in die Geschichte vom Suppen-Kaspar hineininterpretiert werden. Beim Essen wählerisch zu sein konnten sich im 19. Jahrhundert aber wohl nur gut betuchte Bürgerkinder leisten. Hoffmann kannte auch einen Bericht aus einem Gefängnis, in dem ein Häftling die Essensverweigerung als Protestform nutzte. Aber nicht nur aus dem Umkreis der Medizin finden sich aktuelle Bezüge, so ist beispielsweise die Botschaft von Toleranz und Gleichbehandlung nach wie vor gesellschaftsrelevant. Darüber hinaus ist Heinrich Hoffmann, nicht nur mit der Figur des Struwwelpeter, eine zeitlose visuelle Darstellung bestimmter mundartlicher Begriffe gelungen, die sich in der deutschen Sprache als viel genutzte Redewendungen festigten. Und wer weiß heute nichts mit dem Begriff des Hanns-Guck-in-die-Luft anzufangen? Darüber hinaus ist uns die Assoziation von langem wildem Haar und politischem Protest nur allzu vertraut. Man vergesse nicht, Heinrich Hoffmann lebte im Frankfurt der revolutionären 1848er Jahre.
Die sogenannten Struwwelpetriaden, die von der großflächigen Rezeption des Buches zeugen, sind Beweis für eine lebhafte Auseinandersetzung mit Wert- und Moralvorstellungen im Wandel der Zeit. Sie sind parodistische und humoristische Glanzstücke, nicht nur, aber auch im Kontext politischer Stellungnahmen. Aus dem Jahre 1877 liegt eine Adaption des Struwwelpeter vor, die den Militarismus des deutschen Kaiserreiches als Aufhänger für Episoden aus dem Alltag verschiedener Soldaten nimmt. Mit dem Struwwel-Hitler von 1941 existiert neben zahllosen anderen Struwwelpeter-Variationen eine tiefschwarze Parodie auf das NS-Regime.

 

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Textquellen:
http://de.wikipedia.org/wiki/Struwwelpeter
Sonderausstellung „Der Struwwelpeter - Vom Welterfolg eines Kinderbuches" im Jenaer Romantikerhaus (30. Oktober 2010 - 05. März 2011)

Bildquellen:
Vorschaubild: Heinrich Hoffmann: Der Struwwelpeter (Buchdeckel vorn, 1917); gemeinfrei, wikipedia
Porträt Heinrich Hoffman, gemeinfrei, wikipedia
Heinrich Hoffmann: Der Struwwelpeter: Die Geschichte vom Suppen-Kaspar (1917); gemeinfrei, wikipedia