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Alids Traum
Florian Russi:
Alids Traum

12 Einhorngeschichten

Mit diesen Geschichten entführt Florian Russi in die Welt der Einhörner und der Götter, Menschen und Tiere, denen sie begegnen.

Enion, das Einhorn

Das Pony, das ein Einhorn war

In dem Buch "Alids Traum" hat Florian Russi 12 Einhorngeschichten erzählt. Sie handeln von den Schwierigkeiten, welche die Einhörner, die dazu ausersehen sind, Liebe, Vertrauen und Ehrlichkeit in die Welt zu bringen, im Umgang mit den Menschen haben. Die folgende Geschichte ist kritisch und zärtlich zugleich.

Uta Plisch

Direkt hinter dem Auenwald lag das riesige Anwesen des reichen Unternehmers Benno. Der hatte eine Tochter, die Carola hieß und die er abgöttisch liebte. Zu ihrem 12. Geburtstag hatte Carola sich ein Pony von ihm gewünscht. Benno kannte sein verwöhntes Kind. Wenn sie Pony sagte, meinte sie das schönste, das man nur bekommen konnte.

Also schickte Benno mehrere Diener los. Überall in Europa und der ganzen Welt sollten sie nach hübschen Ponys Ausschau halten. Es war noch in der Zeit, bevor die Fotografie erfunden wurde. Deshalb gab Benno jedem Diener auch einen Maler als Begleiter mit auf den Weg. Sobald ein Diener glaubte, ein herausragend schönes Pony entdeckt zu haben, ließ er ein Bild davon malen und an Benno schicken. Doch was Benno auch immer seiner Tochter an Abbildern vorlegte, nie war sie zufrieden. Immer behauptete sie, ein Mädchen zu kennen, das ein noch viel schöneres Pony ritt.

Da wurde Benno erst traurig, dann verzweifelt und schließlich wütend. Im Zorn verließ er sein Haus und machte sich auf zur Jagd in den Auenwald. Nach einiger Zeit stieß er auf eine Lichtung und wollte zunächst nicht glauben, was er dort sah. Da graste ein Pony, schöner als er es sich je hätte vorstellen können, mit einem Fell, das in goldenen Farben leuchtete.In höchster Erregung überlegte er, wie er das Tier einfangen und zu Carola bringen könnte. Schießen durfte er ja nicht. Ein totes oder verletztes Pony hätte seiner Tochter keine Freude bereitet. So warf er sein Gewehr von sich. Er ging vorsichtig auf das Tier zu und rief flehentlich: „Bitte bleib stehen, ich werde dir ewig dankbar sein!"

Das Pony lief nicht weg. Verdutzt schaute es auf und fragte: „Wer bist du?". Benno war so aufgeregt, dass er sich zunächst nicht darüber wunderte, das Pony reden zu hören. Hastig berichtete er ihm von seinem Anliegen.

„Unsere Erfahrungen mit den Menschen sind sehr schlecht", antwortete das Tier. „Sie sind oft verlogen, unzuverlässig, überheblich und grob. Deshalb haben meine Freunde und ich uns in diesen Wald zurückgezogen. Nur selten verlassen wir ihn. Aber ich habe mir Gedanken darüber gemacht. Wir und die Menschen leben auf derselben Erde. Deshalb macht es keinen Sinn, wenn wir uns aus dem Weg gehen. Also begleite ich dich zu deiner Tochter. Außerdem bin ich ein wenig eitel. Ich will wissen, ob sie findet, dass ich das schönste Pony bin."

Pegasos und Kiomene, Gemälde von Dieter Stockmann
Pegasos und Kiomene, Gemälde von Dieter Stockmann

Carola war außer sich vor Entzücken. Zärtlich streichelte und umarmte sie das Pony und rief: „Ein so schönes Tier gibt es sonst nirgendwo auf der Welt." Sie nannte es Enion. Glücklich schwang sie sich auf seinen Rücken und führte es ihren Freundinnen vor. Die betrachteten voller Neid das prächtige Tier.

Jedoch nach wenigen Wochen schon verlor Carola das Interesse an Enion. Sie hatte ihre Liebe zum Tanz entdeckt, nahm regelmäßig darin Unterricht und vernachlässigte ihr Pony. Das suchte sich deshalb eine Lücke in dem Zaun, der sein Gehege umgab. Es machte sich selbständig, um die Gegend zu erkunden und vielleicht auf Artgenossen zu treffen.

So kam es am Vorgarten eines großen Hauses vorbei. Dort musste es mit anhören, wie ein Mann und eine Frau heftig miteinander stritten. „Dumme Kuh", schrie der Mann. Wieso sagt er Kuh zu ihr, wo sie doch ein Mensch ist, dachte Enion und trabte weiter. Bald traf es auf zwei Männer, die schwere Lasten schleppten. Ein dritter trieb sie an. Er war dreimal so groß und stark wie sie, ein wahrer Riese. „Warum ist es nicht so, dass der Starke die Lasten trägt? Weshalb müssen das die viel Schwächeren tun?", fragte sich Enion.

Wenig später begegnete das Pony einer Gruppe von Menschen, die unartikulierte Laute ausstießen, hin und her torkelten und dabei immer wieder zu Boden fielen. Als es nahe herangekommen war, versuchte einer aus der Gruppe, sich an ihm festzuhalten. Der Mann lallte: „Du ... du kommst mir - hick - wie gerufen. Trag mich - hick - sofort in die nächste Kneipe." Aus tiefstem Bauch heraus ließ er einen Rülpser ertönen. Dann zog er sich an Enions rechter Flanke hoch, setzte sich auf seinen Rücken, um auf der linken Seite gleich wieder herunterzufallen. Enion schüttelte sich und lief davon. „Der Wein ist ein herrliches Getränk", sagte das Tier zu sich, „doch er besitzt keinen Verstand. Warum lassen sich Menschen von ihm berauschen und liefern sich ihm aus? Müsste es nicht so sein, dass die ach so klugen Menschen über den Wein bestimmen und nicht umgekehrt?"

Das Pony fand auf seine Fragen keine Antwort. Es lief zurück in sein Gehege, wo niemand seine Abwesenheit bemerkt hatte. Während der folgenden Nacht konnte es nicht schlafen. Es grübelte, strengte sein Gehirn an, um eine Erklärung für das Erlebte zu finden. Schließlich wurde es sehr zornig darüber. Das Blut stieg ihm in den Kopf. Es fühlte, wie dieser fast zu zerspringen drohte. Er wurde schwer und schwerer, und als Enion am frühen Morgen in einer Tränke sein Spiegelbild sah, stellte es fest, dass ihm ein stattliches Horn aus der Stirn gewachsen war. 

So sehen doch Einhörner aus, dachte Enion. Ihm wurde klar, warum es sich nie wie ein normales Pony gefühlt hatte. Es richtete sich auf, hielt sein Horn in die Höhe und rief: „Jetzt bin ich Enion das Einhorn. Nun muss ich jemanden suchen, der mich lehrt, wie man sich als Einhorn verhält."
Als am späteren Morgen einige von Bennos Bediensteten in die Nähe des Geheges kamen und sahen, dass Enion ein Horn gewachsen war, schrien sie entsetzt auf und liefen davon.

„Wenn ihr mich nicht als Einhorn akzeptieren wollt, gehe ich meine eigenen Wege", murmelte Enion. Sofort verließ das Tier sein Gehege. Es lief einen langen, staubigen Weg entlang. Dabei begegnete es einem müden, in Lumpen gekleideten Wanderer. „Ich heiße Adam", sagte dieser, „und bin auf dem Weg zu meinem alten Vater. Der hat meinen Bruder Zyprian und mich zu sich gerufen. Er will sein Erbe unter uns aufteilen, weil er fühlt, dass ihm der Tod nahe ist. Ich bin arm, schwach und hungrig. Dankbar werde ich sein für alles, was mein Vater mir hinterlässt." Enion bot Adam an, ein Stück des Wegs auf ihm zu reiten. Das Einhorn hatte Mitleid mit dem Mann, der so aussah, als habe er vieles gewollt und als sei nichts ihm gelungen.

Als sie am Haus des Vaters anlangten, war auch schon Zyprian, Adams Bruder, dort eingetroffen. Er war ein elegant gekleideter Herr. Ganz anders als Adam strahlte er Zufriedenheit und Erfolg aus. Der Vater trat vor seine Söhne. Mit matter Stimme erklärte er: „Leider bin ich verarmt und habe euch nur zwei Dinge anzubieten. Mein Wunsch ist es, dass ihr euch darüber einigen sollt. Seht diesen wunderschönen Rubin und hier diese Rolle gepökeltes Fleisch. Das ist alles, was ich noch besitze."

Zyprian warf einen begehrlichen Blick auf den Rubin. Doch noch ehe er sich traute, seinen Wunsch zu äußern, hatte Adam schon nach der Fleischrolle gegriffen. „Wie froh wäre ich, wenn ich die haben könnte", sagte er. Schnell wurden sich die Brüder einig, und der Vater zog sich zurück. Adam und Zyprian umarmten sich. Beide waren froh, dass es nicht zum Streit zwischen ihnen gekommen war. Vergnügt setzten sie sich zusammen, und Adam begann sofort, von dem gepökelten Fleisch zu essen.

„Wenn ich ehrlich sein darf, Bruderherz", sagte Zyprian zu Adam, „auch ich spüre plötzlich ein Hungergefühl. Ich wäre dankbar, wenn du mir ein Stück von deiner Rolle abgeben könntest." Adam gab ihm die Hälfte des Fleischs und erklärte schmatzend: „Jetzt musst du mir auch die Hälfte von deinem Rubin abgeben." Zyprian zog den Stein aus seiner Tasche, machte eine schneidende Bewegung mit der Hand und erwiderte: „Du siehst, der Rubin lässt sich nicht teilen, so gern ich das auch tun wollte." Adam sah das ein, und so verabschiedeten sich die Brüder bald voneinander.

Enion, das Einhorn aber, das alles mit angesehen und gehört hatte, schüttelte sein Horn. Es war ihm, als wenn es nichts mehr verstehen könnte und es drückte ihm das Herz zu. Tief traurig lief es davon und zog sich wieder in den Auenwald zurück. Dort wartet es darauf, dass ein Mensch kommt, der treu und redlich ist und ihm die Welt erklärt.

 

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- "Pegasos und Kiomene" Gemälde von Dieter Stockmann, © Bertuch Verlag
- Alle anderen Bilder sind nach freien Vorlagen bzw. Vorlagen des Bertuch-Verlags bearbeitet von Rita Dadder