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Heft 2

B-Z! Das ist nett! (Teil 1)

In diesem Arbeitsheft werden alle Konsonanten eingeführt, die sich beim Sprechen gut dehnen lassen. Dazu kommen noch einige Vokale (Zwie- und Umlaute).

Die Schlaraffen

Kreative Köpfe

Am 10. Oktober 1859 wurde in Prag die Schlaraffia gegründet durch den damaligen Direktor des Deutschen Theaters in Prag, Franz Thomé. Hierbei handelte es sich um eine deutschsprachige Vereinigung mit dem Ziel, Freundschaft, Kunst zu Humor zu pflegen. Sie ist weltweit tätig. „Slur-Affe", ein mittelhochdeutsches Wort, soll Pate gestanden haben für „Schlaraffe" und bedeutete damals „sorgloser Genießer". „In arte voluptas", so lautete ihr Wahlspruch, was so viel bedeutet wie „In Kunst liegt Vergnügen". Mitglieder der Schlaraffia sind ausschließlich Männer in gesicherter Position.

Der „Allschlaraffenrat", wie sich der Vorstand des weltweiten Verbandes „Allschlaraffia" nennt, ließ den Begriff markenrechtlich schützen. Die Vereinigung hat nichts zu tun mit den Matratzen gleichen Namens, auch besteht keinerlei Verbindung mit den Freimaurern oder dem Lions-Club und Rotary International und schon gar nichts mit irgendwelchen Karnevalsgebräuchen und -vereinen.

Die Schlaraffen organisieren sich in Reychen. Das erste Reych entstand logischerweise in Prag und wurde von deutschen Künstlern gegründet. Außerdem gibt es Colonien, lokale Vereine, die zu einem Reych gehören. In den Reychen und Kolonien wird ausschließlich deutsch gesprochen, wobei ein Deutscher zu sein kein Aufnahmekriterium ist. Ein intensiver Kontakt zwischen den Mitgliedern wird vorausgesetzt. Heute gibt es etwa 261 Reyche und Colonien. Sie alle sind zusammengefasst in der „Allschlaraffia". Diese ist Herausgeberin der „Allschlaraffischen Stammrolle". Sie ist mehr als 1200 Seiten stark und jedes Mitglied erhält sie alljährlich mit aktualisierten Daten. Darin enthalten ist ein Überblick über alle jemals bestandenen Reyche, Colonien und ihre Vorstufen (Stammtisch und Feldlager) sowie die „Sassen" (Mitglieder). Dadurch ist auch gewährleistet, dass jeder Schlaraffe in jedem Reych der Welt jederzeit willkommen ist, man kennt sich. Je nach Entstehungsdatum sind die einzelnen Reyche und Colonien nachfolgend nummeriert.

Reyche gibt es zur Zeit in Deutschland, Österreich, Schweiz, Italien, Spanien, Frankreich, Belgien, Schweden, USA, Kanada, Mexiko, Venezuela, Kolumbien, Ecuador, Brasilien, Argentinien, Thailand, Südafrika und Australien.

Erkennungszeichen der Schlaraffen ist die „Rolandsnadel", eine kleine weiße Perle, getragen am linken Revers. Ihre Fahrzeuge sind gekennzeichnet durch einen Aufkleber mit einem blinzelnden Uhukopf. Schlaraffen unter sich begrüßen sich mit „Lulu", einem Kunstwort. Seine Bedeutung könnte man aus dem Lateinischen „ludum ludite!" herleiten, spielt das Spiel, oder aber aus Schillers „Wallensteins Lager", „Lustig, lustig, da kommen die Prager!" Dreht man die Buchstaben um, ergibt sich „Ulul", ein Ruf der Ablehnung oder des Tadels.

Die Schlaraffen treffen sich an einem festgelegten Wochentag, und zwar jede Woche, in ihrer Schlaraffenburg zu sog. Sippungen. Diese sieht aus wie ein mittelalterlicher Rittersaal. Dabei gilt es ein spezielles Zeremoniell zu beachten in Form eines zweiteiligen Ritterspiels mit festen Regeln, wobei der erste Teil immer gleich abläuft und der zweite Teil mehr auf einer frei gestalteten, künstlerischen Durchführung beruht. Die Regeln sind festgelegt im „Schlaraffen-Spiegel und Ceremoniale".

Im ersten Teil erfolgen die „Ambtshandlungen" (feierliche Eröffnung, Begrüßung, Verlesung des Protokolls). Danach kommt eine „Schmus- und Atzungspause". Währenddessen geht die „Fechsungsliste" herum, wo sich jeder eintragen kann, der im zweiten Teil etwas vorträgt.

Im zweiten Teil werden dann die Fechsungen vorgetragen, Persiflagen des Alltags und literarische, musikalische bzw. künstlerisch-darstellende Vorträge, alles ist erlaubt, was mit Kunst zu tun hat. Man kann auch fremde Werke vortragen. Wenn man Eigenes vorträgt, heißt das „Gefechstes". Meist wird vorher ein Thema festgelegt, zu dem man etwas beitragen kann. Die Fechsungen sollen an den eigentlichen Zweck der Reyche erinnern, nämlich der Kunst zu dienen.

Zum Tragen kommen bei diesen Treffen Sturmhauben, Helme und Rüstungen, alles aus buntem Stoff in den jeweiligen Reychsfarben. Die benutzten Waffen wie Junkerdolch und Ritterschwert sind meistens aus Holz.

Die Sprache bei den Sippungen ist antiquiert und sorgt während der Sitzungen für eine humorvolle Note (Schlaraffenlatein). Alles andere wird als „profan" bezeichnet.

Beispiele für Schlaraffenlatein:

Atzung und Labung = Essen und Trinken (Verben: atzen und laben),
Quell = Bier, Lethe = Wein, Schaumlethe = Sekt,
Schmauchtopf = Tabakspfeife, Lunte = Zigarre, Luntette= Zigarette
Bangk = rhythmische Ehrerweisung, die einem Ritter entgegengebracht wird
Pön = Geldstrafe, die verhängt wird, wenn man sich ungebührlich verhält oder gegen Spiegel und Ceremoniale verstößt (Verb: pönen)
Benzinross = Auto, Benzinelefant = Reisebus, Dampfross = Eisenbahn
Troß = Familie, Burgfrau = Ehefrau, Burgschreck = Schwiegermutter, Burgwonne = Freundin, Lebensgefährtin, Burgmaid = Tochter, Burgknäpplein = Sohn
Clavicimbel = Klavier, Zinkenmeister = derjenige, der das Clavicimbel bedient, Seufzerholz = Geige, Kniewinsel = Violoncello, Minneholz = Gitarre
Quasselstrippe = Telefon,
Sendbote = Brief, Sendwisch = Postkarte
Krystalline = geselliges Zusammensein außerhalb der Sippungen
Vademecum = jährlich erscheinende Broschüre, die alle Angaben und Veranstaltungshinweise des herausgebenden Reyches enthält.

Beispiel eines Reychswappens
Beispiel eines Reychswappens

In jeder Burg zu finden ist der Uhu, denn er ist für die Schlaraffen Inbegriff von Weisheit, Humor und Tugend. Betreten sie ihre Burg, verbeugen sie sich tief vor ihm, ein Zeremoniell, mit dem sie gleichzeitig ihre „profanen Schlacken" abstreifen und ihre Bereitschaft verkünden, sich völlig auf das schlaraffische Spiel einzulassen.

Zum schlaraffischen Spiel gehört auch eine Zeitrechnung, die sich nach dem Gründungsjahr ihrer Vereinigung richtet, 2011 z.B. wäre das Jahr a. U. 152 (anno Uhui 152).

In schwierigen politischen Zeiten wie während der Herrschaft der Nazis und unter der sozialistischen DDR-Regierung waren viele Reyche gezwungen, in den Untergrund zu gehen. Sie konnten sich nur noch selten geheim in sicheren Wohnungen treffen. Nach dem Zweiten Weltkrieg kam es in der Bundesrepublik Deutschland zu vielen Neugründungen bedingt durch die Vertreibung aus den ehemals deutschen Ostgebieten.

Es wird viele geben, die von Schlaraffia noch nie etwas gehört haben. Sie ist im Allgemeinen ein sehr zurückgezogener Idealverein. Einige Reyche treten jedoch in ihren Heimatorten mit öffentlichen Kulturveranstaltungen auf. So dürfte den Oldenburgern die Schlaraffia durchaus ein Begriff sein, denn die Schlaraffia Oldenburgia unterhält seit 2004 eine von der GEMA anerkannte Kleinkunstbühne und veranstaltet Sonntagsmatineen mit Konzerten, Kabarett, Lesungen und Theatervorführungen.

Viele berühmte Künstler waren Schlaraffen wie z.B. Franz Lehár, Oscar Strauss und Hans Pfitzner, Wilhelm Jahn und Gustav Mahler, Attila und Paul Hörbiger, Ludwig Ganghofer, um nur einige zu nennen.

Zahlreiche bedeutende Künstler aus vergangenen Zeiten wurden namentlich verewigt, indem sie nach ihrem Tod zu Ehrenschlaraffen (ES) ernannt und im Rahmen des Schlaraffenspiels immer wieder rezitiert werden. So heißt z.B. Heinz Ehrhardt ES Alberich von Schalk, Hermann Löns ES Mümmelmann, Robert Stolz ES Servus Du, Johann Wolfgang von Goethe ES Faust, Friedrich von Schiller ES Funke oder Peter Paul Rubens ES Malerfürst.

Wer Mitglied werden will, braucht einen Paten in Person eines Schlaraffen-Ritters, der ihn als „Pilger" einführt. Dann muss er eine Art Probezeit hinter sich bringen, bevor dann eine Abstimmung (sog. Kugelung) stattfindet. Danach wird er zunächst Knappe, dann Junker und schlussendlich Ritter. In der Stammrolle des Jahres 2010 sind rund 10.500 Schlaraffen aufgeführt.

 

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Bildnachweise:
- Vorschaubild: Franz Thomé, Gründer der „Schlaraffia", Quelle: Wikimedia Commons
- Beyspiel eines Reychswappens: Urhebe: Bella.la, CC-By-Sa 3.0, via Wikimedia Commons