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Horst Nalewski: Kennst du Rainer Maria Rilke?

Diese Biografie will den schweren Weg nachzeichnen, den der Dichter gehen musste, um schließlich einer der ganz Großen zu werden. 

Herbsttag

Bei einer Umfrage, die der WDR im Jahr 2000 durchführte, landete „Herbsttag" von Rainer Maria Rilke unter den drei beliebtesten Gedichten. Auf den ersten Blick scheint es einfach ein stimmungsvolles Herbstbild zu entwerfen. Der Herbst als Fest der Fülle und Erfüllung stellte ein stark strapaziertes Motiv in der europäischen Lyrik zur Zeit Rilkes dar. Daneben ist jedoch die Melancholie nicht zu vernachlässigen, die das ganze Gedicht durchzieht und immer untrüglich um das Vergehen und das sichere Ende weiß.

Die Naturschilderung wird durch religiöse Anklänge ergänzt. Doch kann der Eindruck von ergebener Frömmigkeit einer näheren Betrachtung standhalten? Der Dichter spricht Gott an und traut ihm offensichtlich zu, die Naturgewalten zu beherrschen, aber er fühlt sich trotzdem gemüßigt, Gott mitzuteilen, was dieser zu tun und zu lassen habe. Das lyrische Ich geht einerseits auf höfliche und respektvolle, andererseits aber auch auf selbstbewusste und skeptische Distanz. Im Denken des Sprechers hat die Schöpfung den Schöpfer zumindest ein Stück weit in ihrer Gewalt. Darin offenbart sich die Kluft zum biblischen Gottesbild; himmlische Ewigkeit kann schwerlich irdischer Zeit unterworfen sein.

In der letzten Strophe spielt Gott keine Rolle mehr; das lyrische Ich entwirft für sich selbst ein pragmatisches Lebenskonzept aus Genügsamkeit und Arbeit. Ruhe und ein Ziel findet es dabei allerdings nicht.

Constanze Bragulla

 

Herbsttag

Herr: es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß.
Leg deinen Schatten auf die Sonnenuhren,
und auf den Fluren lass die Winde los.

Befiehl den letzten Früchten voll zu sein;
gib ihnen noch zwei südlichere Tage,
dränge sie zur Vollendung hin und jage
die letzte Süße in den schweren Wein.

Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr.
Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben,
wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben
und wird in den Alleen hin und her
unruhig wandern, wenn die Blätter treiben.

Rainer Maria Rilke (1902)

 

 

 

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- Kirsch, Rainer: Man muß arbeiten. In: Neue deutsche Literatur 38 (9/1990). S. 49-51.
- Lösener, Hans: Zwischen Wort und Wort. Interpretation und Textanalyse. München: Fink 2006.
- Por, Peter: Rilkes „Herbsttag". Die Aneignung der Tradition (Pindar, D'Annunzio, Symbolismus) zum „Kunstwerk". In: Rilke heute. Der Ort des Dichters in der Moderne. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1997. S. 140-159.

Fotos: Rita Dadder