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Arno Pielenz: Kennst du Heinrich von Kleist?

"... mein Leben, das allerqualvollste, das ein Mensch je geführt hat." So schrieb Heinrich von Kleist an eine seinem Herzen nahe stehende Verwandte wenige Stunden, bevor er sich mit seiner Todesgefährtin am Wannsee erschoss. 

An Heinrich von Kleist

An Heinrich von Kleist

Detlev von Liliencron

In diesem Gedicht, einer Ode gleich, feiert ein zu seiner Zeit anerkannter und heute nicht mehr so gefeierter Dichter einen anderen, der zu Lebzeiten arm und verkannt war, dessen Bühnenstücke heute jedoch in vielen Ländern der Welt immer wieder aufgeführt werden.
„Die Welt ist dumm... und dich wird sie immer verkennen" dichtete Heinrich Heine in anderem Zusammenhang, aber für viele Fälle zutreffend. Mozart und Beethoven, die sehr bescheiden leben mussten, wären heute Tantiemen-Milliardäre, und ein einziges Werk des zu Lebzeiten bitterarmen und kranken van Gogh, L'Arlésienne, Madame Ginoux, wurde im Jahr 2006 für 31,9 Millionen Euro versteigert. Den Vorteil haben andere.
Heinrich von Kleist hat einmal deutlich gemacht, dass ihm auch am Nachruhm gelegen sei. Der wenigstens ist ihm zuteil geworden.

 Florian Russi

 

An Heinrich von Kleist.


Du Herrlicher!

Nur einen Sommertag,
Nur einen hellen Sommertag hindurch
Verlasse deines Himmels goldnen Saal
Und weil' als hoher Gast in unsrer Mitte.
Mit Rosen wollen wir und Zymbelschlag,
Mit Tanz und Liedern wollen wir dich feiern.
An solchem Sommertag, weißt du, an solchem,
Wenn schon wir durch die Morgenträume hören,
Wie draußen jedermann dem andern ruft:
„Schön Wetter heut."

Ein Nachtgewitter hat
Das Pflaster und die Gärten abgestaubt,
Der Schmetterling umspielt den Lindenzweig,
Und glühend trifft der Sonnenkuß die Blumen.
Im frohen Schwung erbeben Herz und Seele,
Das ganze Leben scheint in Fröhlichkeit,
In Luft und Licht, Gelächter hinzutändeln.
An solchem Sommertage schwebe nieder.
Des Reiches Schimpf und Schand' sind längst getilgt,
Die Hohenzollern, unsre Könige halten
Das Kaiserzepter in der starken Hand,
Und über ihrem Throne flammt ein Stern,
Der seinen Glanz der weiten Erde wirft.
Den großen Kanzler zeig' ich dir: Tritt wo
Sein Fuß, das ist ein Gruß: es schallt die Welt.

Das dichteste Gedränge, Kopf an Kopf,
Verengt den Weg, auf dem wir dich erwarten.
Wir alle wollen jenen Dichter schauen,
Der Unvergängliches geschaffen hat.
An Fenstern, Söllern prunkt der Teppichschmuck.
Gewinde, Masten, Wimpel, Ehrenbogen,
Allüberall durch alle Straßen fort,
Sind deines Ruhmes der Willkommengruß.
Ich schwenke vor dir her das Siegesbanner.
Die Hälse recken sich: Er ist's, er ist's!
Und wo du schreitest, schwirren Lorbeerkränze.
In deinen Wolken zögerst du? ... Wie ... Lieber ..
Die Hände hast du übers Herz geschlagen,
Das einst die kleine graue Kugel traf.
Und nun ... die Rechte nimmst du von der Brust
Und zeigst abwehrend ihre Innenfläche
Und wendest langsam dich von uns ...

Was soll's? ...
Ah, nun erkenn' ich deine Schmerzgebärde:
Du möchtest nicht zum zweitenmal verhungern
In deinem Vaterlande.

 

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Textquelle: Gedichte von Detlev von Liliencron. Wiesbadener Volksbücher Nr. 54. Verlag des Volksbildungsvereins zu Wiesbaden, Wiesbaden 1913, S. 28 f.

Bildquelle: Detlev von Liliencron, 1883, gemeinfrei, wikipedia