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Der Bronstein-Defekt

und andere Geschichten 

Christoph Werner

"Ich stellte bald an mir selbst die Verführung durch Zählen und Auswerten fest und empfand die Wonne, Gesetzmäßigkeiten bei gewissen Massenerscheinungen festzustellen. Nichts war vor mir sicher. Als erstes machte ich mich über die Friedhöfe her..."

Christian Wulff

Dem Volk verpflichtet

Christian und Bettina Wulff (2010)
Christian und Bettina Wulff (2010)

Als eine Bestseller-Autorin ihren verblassenden Ruhm beleben wollte und dem deutschen Bundespräsidenten das Angebot machte, mit ihm zu schlafen, wenn er einem Gesetz über die Verlängerung der Laufzeiten von Atomkraftwerken die Unterschrift verweigern würde¹, hat das bisher jüngste amtierende Staatsoberhaupt der Bundesrepublik Deutschland das nicht zur Kenntnis genommen. Sie hätte ihn wohl kaum in Versuchung geführt. Bei der Wahl seiner „First Lady", darüber sind sich alle Beobachter einig, hat er sehr guten Geschmack bewiesen. Christian Wulff, der am 19. Juni 1959 in Osnabrück geboren wurde und als 16-jähriger die Pflege seiner an Multipler Sklerose erkrankten Mutter übernahm, hat sich schon nach kurzer Amtszeit einen Namen als Integrator gemacht und eine große Popularität erworben.

Der Mann, der dem konservativen Teil unserer Gesellschaft entstammt, hat sich immer wieder für die Verständigung und Integration sozialer Gruppen stark gemacht. „Auch der Islam gehört zu Deutschland", sagte er in Berlin und beim Staatsbesuch in der Türkei forderte er umgekehrt auch religiöse Toleranz von einer islamischen Regierung ein. Man kann davon ausgehen, dass ihn die Themen der Integration und des Zusammenlebens unterschiedlicher Kulturen bis zum Ende seiner Amtszeit nicht loslassen werden.

Ich erinnere mich an viele Kommentare von Journalisten, die ihn als Bürgersöhnchen und Verlierertypen abstempeln wollten, als er zweimal vergeblich versucht hatte, in Niedersachsen für die von ihm geführte CDU eine Regierungsmehrheit zu erreichen. Denen war offenbar entgangen, dass sich seit der Mitte der 70er Jahre des vergangenen Jahrhunderts in Reaktion auf die 68er-Bewegung unter den Bürgersöhnen eine gegenläufige Richtung gebildet hatte, die nicht alle Bestrebungen der 68er ablehnte, aber auch einige traditionelle Werte und Tugenden propagierte.

Bei einem Seminar, das ich damals geleitet habe, stieß mich ein Teilnehmer an und zeigte auf den gegenüberstehenden Tisch: „Da sitzt der Christian Wulff, der neue Landesvorsitzende der Schüler-Union von Niedersachsen." Er fiel nur auf, weil sich einige Mitschüler um ihn scharten, war uneitel und hörte den Vorträgen interessiert zu. Als ich 2010 gefragt wurde, ob ich Wulff oder Gauck als Bundespräsidenten bevorzugen würde, konnte ich mit einem Augenzwinkern antworten: „Wulff, denn der hat in meinem Seminar vieles gelernt".

Aus dem bürgerlichen Milieu der damaligen Zeit traten viele Männer und Frauen hervor, die heute in Politik und Gesellschaft wichtige Rollen spielen. Viele kannten sich untereinander. Zu Unrecht wurden sie später als „junge Wilde" bezeichnet. Dazu waren sie zu diszipliniert. Auf einer Bildungs- und Kontaktreise der Jungen Union sollen sie beim Überfliegen der Anden eine Koalition geschlossen und sich verpflichtet haben, ihre politischen Karrieren gegenseitig zu fördern. Die Initiative dazu soll von Christian Wulff ausgegangen sein. Profitiert von diesem „Andenpakt" haben u. a. die späteren Ministerpräsidenten Roland Koch und Peter Müller, vor allem aber auch der Initiator selbst. Wulff wurde 2003 niedersächsischer Ministerpräsident und 2008 wiedergewählt. Als dann im Jahr 2010 der damalige Bundespräsident Köhler überraschend zurücktrat, brachte Wulff sich selbst als dessen Nachfolger ins Gespräch.

Wenn er den von ihm eingeschlagenen Weg einhält, wird er zu denen gehören, die sich um die Bundesrepublik Deutschland verdient gemacht haben.

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Christian Wulff trat am 17. Februar 2012 nach einer Medienkampagne, in der ihm eine zu enge persönliche Verquickung mit Wirtschaftsunternehme(r)n während seiner Amtszeit als Ministerpräsident von Niedersachsen vorgeworfen wurde, von seinem Amt als Bundespräsident zurück. Am Tag zuvor  hatte die Staatsanwaltschaft Hannover ein Ermittlungsverfahren eingeleitet.

Ende Februar 2014 hat das Landgericht Hannover Christian Wulff in allen gegen ihn erhobenen Anklagepunkten freigesprochen. Die Staatsanwaltschaft zog am 12. Juni 2014 ohne Angabe von Gründen ihrenRevisionsantrag zurück, womit der Freispruch rechtskräftig wurde.

Wulff hat in dem Buch "Ganz Oben Ganz Unten", Verlag C.H. Beck, München 2014, ISBN 9783406672002, zu der Kampagne Stellung genommen.

 

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¹siehe dazu: Spiegel Online Panorama, v. 14.11.2010, Roche offeriert Wulff Sex für Atom Veto

Bildnachweise:
- Vorschaubild: offizielles Porträt, Presse- und Informationsamt der Bundesregierung
- Signaturbild: By Christian Wulff [Public domain], via Wikimedia Commons
- Oben rechts „Christian und Bettina Wulff": by Franz Richter (User:FRZ) (Own work ) CC-BY-SA-3.0 , via Wikimedia Commons
- Mitte links: by Ukko.de (Own work), CC-BY-3.0, via Wikimedia Commons
- Unten rechts: by Presidencia de la Nacion, CC-BY-2.0, via Wikimedia Commons (bearb. Ausschnitt)