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Berndt Seite

N wie Ninive
Erzählungen

In metaphorisch einprägsamen Stil  werden verschiedene Schicksale erzählt, die ihren Haupthelden alles abverlangen, sie an ihre Grenzen bringen. Bei der Frage nach der Schuld, nach Gerechtigkeit und Gott verstricken sich Zukunft und Vergangenheit. 

"Er hat einen eigenen Ton, ein bisschen mecklenburgisch erdenschwer, aber dann auch wieder sehr poetisch"

Frankfurter Allgemeine 07.10.2014 Nr. 232 S. 10 

Walter Ulbricht

Ließ sich der Staatsratsvorsitzende der DDR von Homer inspirieren?

Sechsundzwanzig Jahre lang, von 1945 bis 1971 war er in verschiedenen Positionen der „starke Mann" in der Sowjetischen Besatzungszone Deutschlands und späteren DDR. Er überlebte die sowjetischen Diktatoren Stalin und Chruschtschow und hielt sich auch noch unter deren Nachfolger Breschnew einige Jahre im Amt. Dabei war der 1893 in Leipzig geborene Schneiderssohn alles andere als eine strahlende Führungspersönlichkeit. Von Aussehen und Habitus her wirkte er wie ein spießiger Kleinbürger. Er sprach mit heller, singender Stimme und die Leipziger Mundart, die dabei durchschlug, gilt laut Umfragen den meisten Deutschen als unsympathisch. Bei einem Gespräch mit Grenzsoldaten, das im Fernsehen übertragen wurde, wirkte er unbeholfen und kommunikationsgehemmt. Wie aber konnte sich dieser Mann so lange im Amt halten?
Walter Ulbricht, Neujahrsansprache 31. Dez. 1970 (Bundesarchiv, Bild 183-J1231-1002-002 / Fotograf: Joachim Spremberg / Lizenz CC-BY-SA 3.0)
Walter Ulbricht, Neujahrsansprache 31. Dez. 1970 (Bundesarchiv, Bild 183-J1231-1002-002 / Fotograf: Joachim Spremberg / Lizenz CC-BY-SA 3.0)

Lupenreiner Kommunist war er und darüber hinaus das, was einer meiner Studienkollegen, der mit der französischen Linken sympathisierte, als „Genosse Zelle" zu bezeichnen pflegte.
Mit 26 Jahren gehörte der gelernte Tischler zu den Gründern der Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD) in Leipzig. Bald darauf schon avancierte er zum hauptamtlichen Parteifunktionär. Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten und dem Verbot der KPD in Deutschland übernahm er Aufträge für seine Partei im Ausland. Im Jahr 1938 ging er nach Moskau. Dort war er u. a. beim deutschen Programm von Radio Moskau und als Agitator unter deutschen Soldaten und Kriegsgefangenen tätig. Von Stalins „Säuberungen" innerhalb der Kommunistischen Partei blieb er unbehelligt.

Am Ende des Zweiten Weltkrieges kehrte er als Chef der nach ihm benannten „Gruppe Ulbricht" auf Stalins Geheiß nach Deutschland zurück. Sein Auftrag lautete, die Neugründung einer an Stalins Politik ausgerichteten Kommunistischen Partei vorzubereiten, Sympathisanten auch außerhalb des traditionellen kommunistischen Lagers zu gewinnen und die Gründung von autonomen kommunistischen Organisationen zu verhindern. Dies gelang ihm. Er wurde 1950 Generalsekretär der 1946 von Kommunisten und Sozialdemokraten gegründeten Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED) und 1960 Vorsitzender des Staatsrats der DDR und damit deren Erster Repräsentant. Mit zunächst strikter Anpassung an die Vorgaben sowjet-russischer Politik und einer  Portion Schläue hielt er sich an der Macht. In Ungnade fiel er, als er sich mit Leonid Breschnews (1907 - 1982) politischem Kurs in einigen Punkten überwarf. Dabei soll er sich besserwisserisch auch auf Lenin (1870 - 1924) berufen haben, den Ulbricht noch persönlich kannte, der 14 Jahre jüngere, seit 1964 amtierende Kreml-Chef aber nicht mehr. Die Verärgerung Breschnews nutzte Ulbrichts politischer Ziehsohn Erich Honecker, um seinen Lehrmeister aus dem Amt des Ersten Parteisekretärs zu verdrängen und dessen Nachfolge anzutreten. Isoliert und verbittert starb Ulbricht im Jahr 1973 in Döllnsee bei Ostberlin.

In Erinnerung geblieben ist er vor allem als Förderer des Sports in der DDR und als Initiator des Mauerbaus, mit dem er den Ostteil Berlins vom Westteil trennte. Ulbricht, der turnte und Ski fuhr, wollte der DDR mit sportlichen Erfolgen nach Innen und Außen Ansehen und Glanz verleihen. Er förderte den Volks- („Überall an jedem Ort, alle Menschen treiben Sport") und den Leistungssport und versuchte, den Ort Oberhof in Thüringen zu einem internationalen Wintersportzentrum zu entwickeln. Tatsächlich führten seine Bemühungen die DDR in vielen Disziplinen an die Spitze der Weltranglisten des Sports. Heute wissen wir, dass diese Erfolge auch mit medizinisch-chemischen Manipulationen und auf Kosten der Gesundheit der Athleten erkauft wurden.

Mit dem Mauerbau wollte er die Fluchtbewegungen seiner DDR-Bürger zum Westen hin eindämmen. Diese Maßnahme, die dem Ansehen des Kommunismus insgesamt schadete, ließ er sich von Chruschtschow absegnen, indem er ihm in einem Telefongespräch ausmalte, wie die DDR andernfalls in eine wirtschaftliche Katastrophe abzustürzen drohte. Die Öffentlichkeit übertölpelte er mit einer Aussage, die er dem griechischen Dichter Homer entlehnt haben könnte. Als dessen Titelheld Odysseus in die Fänge des einäugigen, menschenfressenden Riesen Polyphem geraten war, behauptete er dem gegenüber, sein Name sei „Niemand". Nachdem Odysseus ihn trickreich geblendet hatte, brüllte Polyphem vor Schmerz. Als ihm seine Nachbarn zu Hilfe kommen wollten, schrie er aus seiner Höhle heraus: „NIEMAND hat mir Gewalt angetan" und löste damit Unverständnis und Kopfschütteln aus. - „Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten", erklärte ähnlich Walter Ulbricht  am 15. Juni 1961 auf einer Pressekonferenz. Im Morgengrauen des 13. August desselben Jahres war es dann so weit. Der „Niemand" war er, und die Absicht bewegte ihn schon lange.