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Tee mit der Königin

Kurzgeschichten aus Wales herausgegeben und übersetzt von Frank Meyer und Angharad Price.

Strophen aus der Fremde II

Strophen aus der Fremde II

Georg Herwegh

Auch der im 19. Jahrhundert viel beachtete sozialistisch-revolutionäre (»Alle Räder stehen still, wenn dein starker Arm es will.«) Dichter Georg Friedrich Rudolph Theodor Herwegh (1817-1875) hat sich auf sensible Weise dem Thema Sterben zugewandt. Sein Gedicht „Ich möchte hingehn" wurde von Franz Liszt (1811-1886) vertont.

Ich möchte hingehn wie das Abendrot
Und wie der Tag in seinen letzten Gluten -
o leichter, sanfter, ungefühlter Tod! -
Mich in den Schoß des Ewigen verbluten.

Ich möchte hingehn wie der heitre Stern,
Im vollsten Glanz, in ungeschwächtem Blinken;
So stille und so schmerzlos möchte gern
Ich in des Himmels blaue Tiefen sinken.

Ich möchte hingehn wie der Blume Duft,
Der freudig sich dem schönen Kelch entringet
Und auf dem Fittich blütenschwangrer Luft
Als Weihrauch auf des Herren Altar schwinget.

Ich möchte hingehn wie der Tau im Tal,
Wenn durstig ihm des Morgens Feuer winken;
O wollte Gott, wie ihn der Sonnenstrahl,
Auch meine lebensmüde Seele trinken!

Ich möchte hingehn wie der bange Ton,
Der aus den Saiten einer Harfe dringet,
Und, kaum dem irdischen Metall entflohn,
Ein Wohllaut in des Schöpfers Brust erklinget.

Du wirst nicht hingehn, wie das Abendrot,
Du wirst nicht stille wie der Stern versinken,
Du stirbst nicht einer Blume leichten Tod,
Kein Morgenstrahl wird deine Seele trinken.

Wohl wirst du hingehn, hingehn ohne Spur,
Doch wird das Elend deine Kraft erst schwächen;
Sanft stirbt es einzig sich in der Natur,
Das arme Menschenherz muß stückweis brechen.

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entnommen aus: Florian Russi „Im Zeichen der Trauer", Bertuch Verlag Weimar, 2006